Der bunteste Hund im Skizirkus

Er fuhr mit grün gefärbtem Schnauz, verehrt Bob Marley, stänkert gegen die FIS – der Österreicher Manuel Feller bringt die Mauern der Monotonie zum Einsturz.

Eine Ausnahmeerscheinung: Manuel Feller ist kein normaler Athlet. (Bild: Instagram)

Eine Ausnahmeerscheinung: Manuel Feller ist kein normaler Athlet. (Bild: Instagram)

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Mit dem Strom schwimmt Manuel Feller kaum einmal. Weil sich der Strom nicht immer in die richtige Richtung ­bewege. «Es könnte ein Wasserfall kommen. Und ich würde denken: Wäre ich bloss nicht wie alle anderen mitgeschwommen.»

So sagt es der österreichische Slalom- und Riesenslalomspezialist, seit Bode Miller wohl der bunteste Hund im Skizirkus, vielleicht der letzte Rock ’n’ Roller. Nicht nur wegen seines Baseballcap mit der Aufschrift «Love, peace, music», dem grün gefärbten Schnauz, den er trug, den weiten Hosen und dem wuscheligen Haar. Feller sieht nicht nur anders aus, er tickt auch anders als die Berufskollegen. «Scheissegal» sei es ihm, was andere über ihn denken würden.

Er predigt ­Sätze wie: «Lasst euch nicht sagen, wie ihr auszuschauen habt.» Oder: «Keiner soll euch vorschreiben, was ihr tun und lassen müsst.» Und: «Wenn ihr keine Kritik kriegt, macht ihr etwas falsch.» Es allen recht machen zu wollen, sei kompletter Unsinn, sagt der 27-Jährige. Während des Interviews redet er sich in einen Furor, die Sprache ist pointiert. Daneben steht der Medienbetreuer des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV). Und verdreht die Augen.

Selfies auf dem WC, der Athlet wird zum Ausstellungsstück

Bei Feller soll es schon in der Schule geheissen haben: «Aus diesem Flegel wird nix.» Und er gibt zu, dass er früher nur darauf wartete, von einem hohen Herrn des ÖSV einen Rüffel zu kriegen. Er trinkt auch mal ein Bier in der Öffentlichkeit, «aber wenn ich das tue, heisst es gleich, der Feller saufe den ganzen Sommer hindurch».

Der Tiroler mag den Austausch mit seinen Fans, aber es würden zunehmend Grenzen überschritten, er vermisst Respekt. Der Athlet werde zum Ausstellungsstück, jeder wolle ein Selfie, um jeden Preis, nur um sich zu brüsten. «Manchmal setzen sich wildfremde Menschen zu mir an den Frühstückstisch, manchmal werde ich auf der Toilette fotografiert. Wir sind ­privilegiert, weil wir die Nähe des Publikums spüren. Aber geht es so weiter, werden wir irgendwann wie die Fussballer abgeschottet und im Bus vorfahren.»

«Heute herrscht eine Kultur, in der die Leute aufschreien, wenn etwas unkonventionell wirkt.»Manuel Feller

Feller exponiert sich gern. Im Dezember postete er ein Video, es zeigt ihn, wie er auf einem Gleichgewichtsgerät Kniebeugen macht, seinen ein Monat alten Sohn als Gegengewicht vor dem Körper. Die Reaktionen waren nicht nur positiv, Feller war überrascht und doch auch nicht. «Heute herrscht eine Kultur, in der die Leute aufschreien, wenn etwas unkonventionell wirkt. Im Internet will fast jeder perfekt sein und bewundert werden, Stichwort Schönheitswahn. Dabei ist vieles Fassade. Die Menschen dahinter fühlen sich oft gar nicht wohl.» Ähnlich verhalte es sich bei Interviews von Sportlern. Vieles sei standardisiert, «ich staune, wie viel einige Profis sprechen, ohne dabei etwas zu sagen».

Der König im Dschungel, aber noch nicht im Schnee

Nun könnte man in Fellers Fall zum Schluss kommen, er wolle um jeden Preis auffallen. Doch wer sich länger mit ihm unterhält, der merkt, dass kein Kalkül dahintersteckt. Vielmehr bringt er die Mauern der Monotonie spielerisch zum Einsturz. Wenn er von seinem Hobby erzählt, dem Fischen. Wie es ihn irgendwo ins Nirgendwo verschlägt, ohne Handy, nur mit seinem Zelt. Oder wenn er über die Politik spricht, die ihn interessiert, für deren Akteure er aber wenig Sympathie übrig hat. Weil zu viel getrickst werde, zu viel Geld im Spiel sei. «Barack Obama ist ein guter Politiker. Aber dann kriegt er den Friedensnobelpreis in dem Jahr, in dem er mehrere Länder bombardieren lässt. Absurd!»

«Ich weiss, dass bei mir viele auf etwas Grosses warten.»Manuel Feller

Feller will auf den Ski angreifen. Einen Löwen als Tattoo hat er sich stechen lassen, weil der Löwe der König ist im Dschungel. Feller hofft, dereinst im Schnee zu regieren. Vieles wird ihm zugetraut seit dem Slalomsieg an der Junioren-WM 2013, erst recht seit seiner Silberfahrt im WM-Slalom vor drei Jahren in St. Moritz. In den Trainings war er immer mal wieder schneller gewesen als Marcel Hirscher, und so sagt er auch: «Ich weiss, dass bei mir viele auf etwas Grosses warten.»

Auf den Riesenslalom in Adelboden verzichtete Feller, er konzentriert sich auf den heutigen ­Slalom. Erst seit einer Woche ist er zurück im Weltcup. Zuvor hatte er seinen vierten Bandscheibenvorfall auskuriert, die Schmerzen im Rücken sind neben der hohen Ausfallquote ein Grund dafür, dass er noch immer auf den ersten Sieg wartet. Es gibt manche, die ihm raten, sich im Privatteam zu organisieren, doch der Fahrer will nichts davon wissen. «Alleine könnte ich nicht funktionieren. Ich brauche Leute um mich, die Halligalli machen.»

Athletensprecher? Er will sich nicht verarschen lassen

Gerade weil er kein Blatt vor den Mund nimmt, war Feller animiert worden, fürs Amt des FIS-Athletensprechers zu kandidieren. Er verzichtete, gewählt wurde Daniel Yule. Er wolle sich nicht mit Leuten auseinandersetzen, die kaum zeitgerecht denken würden. «Die keine Ahnung davon haben, was es heisst, mit 20 Paar Ski durch den Flughafen zu hetzen oder mit einem Jetlag am Start zu stehen. Da brauche ich kein Amt – ich will mich nicht verarschen lassen.»

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Die Athleten hätten innerhalb der FIS wenig zu sagen, meint Feller, wobei ihm Yule widerspricht und sagt, er würde kaum Anträge von Fahrern erhalten. Feller seinerseits kritisiert den überfüllten Kalender, der innert einer Woche Rennen in drei Ländern und zu viele Reisen vorsehe. «Unser Pensum ist gewaltig – und es wird noch extremer. Die Überbelastung kann schlimme Folgen haben. Skifahren ist nicht ungefährlich.»

«Bei Reggae geht es um Friede, Freude, Eierkuchen.»Manuel Feller

Wobei: Schnee und Torstangen sind nicht alles für Feller. Musik ist sein Lebenselixier, er verehrt Bob Marley, ging barfuss zu dessen Grabstätte, eine Kerze in der Hand. Reggae und dessen Ableger ­Dancehall sind seine bevorzugten Stile – es ist für ihn Meditation. Jahr für Jahr fliegt er nach der ­Saison nach Jamaika, er bleibt nicht nur in den Touristenzentren, weiss auch Bescheid über die Armenviertel. Und so rechtfertigt er seine Vorliebe für Dancehall und dessen gewaltverherrlichende Texte mit seinem Know-how über die jamaikanische Kultur. «Bei Reggae geht es um Friede, Freude, Eierkuchen. Dancehall reflektiert das echte Leben auf Jamaika. Jeden Tag verhungern dort Menschen, kämpfen sich zu Tode. Dieses Leid kommt in den Songs zum Ausdruck.»

Es sei halt keine Mainstream-Musik, sagt Manuel Feller. Er schwimmt gegen den Strom.



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Erstellt: 12.01.2020, 08:28 Uhr

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