«Die Ärztin hat eine Zeit lang keinen Puls gespürt»

Abfahrer Marc Gisin über den Sturz vor sechs Monaten in Gröden, das Koma und seine Rückkehr in den Weltcup.

Keine Einschränkungen mehr: Im Training ist Abfahrer Marc Gisin wieder zu allem bereit.  Foto: René Ruis (Keystone)

Keine Einschränkungen mehr: Im Training ist Abfahrer Marc Gisin wieder zu allem bereit. Foto: René Ruis (Keystone)

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Es war, als hätte im Zielraum einer den Stecker gezogen. Kaum jemand sagte ein Wort, aber Gedanken kamen auf, die man nicht aufkommen lassen wollte. Mitte Dezember stürzte Abfahrer Marc Gisin nach einem Verschneider kurz vor den Kamelbuckeln in Gröden fürchterlich; es schleuderte ihn durch die Luft, mit dem Rücken und dem Kopf prallte er heftig auf die Piste. Tatsächlich ging es beim 30-jährigen Innerschweizer um Leben und Tod, er wurde ins künstliche Koma versetzt – bleibende Schäden erlitt er glücklicherweise keine. Ende März stand er wieder auf den Ski, über eine mögliche Rückkehr in den Weltcup mochte er sich damals noch nicht äussern. Nun sagt Gisin, der bereits 2015 in Kitzbühel heftig verunfallt war und ein Schädel-Hirn-Trauma mit langwierigen Folgen erlitt, dass er weiterfahren wird.

Marc Gisin, vor einem halben Jahr kämpften Sie um Ihr Leben. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie daran denken?
Hat mich der Unfall tiefgründig verändert? Nein. Beschäftigt er mich noch immer? Ja. Was geschah, ist schon krass. Es war wichtig, Anfang Mai nochmals nach Gröden zu fahren, im Ziel zu stehen und auf die Strecke zu schauen. Vor allem aber hat mir das Gespräch mit der behandelnden Ärztin gutgetan. Dank ihr habe ich überlebt, dank ihr habe ich keine bleibenden Schäden.

Was hat sie Ihnen erzählt?
Sie sagte, sie habe bei mir eine Zeit lang keinen Puls gespürt – da wurde mir die Dramatik der Lage richtig bewusst. Wenn man hört, dass man sich in Lebensgefahr befand, ist das verrückt. Die Ärztin musste mich noch auf der Strecke intubieren, was nur in besonders schweren Fällen vorkommt. Umso glücklicher bin ich, habe ich mich so schnell erholt.

Hat Ihnen die Rückkehr an die Unfallstelle beim Verarbeiten geholfen?
Indirekt sicher, ja. Aber es ging mir vielmehr darum, mich bei den Leuten erkenntlich zu zeigen, einfach Danke zu sagen. Ich traf das Bergungsteam, den Präsidenten der Rennleitung. Auch für sie war die ganze Geschichte ein Schock. Der Austausch war für alle Beteiligten wertvoll.

Leben Sie bewusster im Wissen, dass alles hätte vorbei sein können?
(Überlegt) Manchmal frage ich mich, ob ich abnormal bin, weil mich diese Geschichte nicht fundamental beeinflusst hat. Das ist typisch Spitzensportler: Man schaut sofort nach vorn, blendet vieles aus – das ist ein wenig verrückt. Bei mir kommt hinzu, dass ich schon mehrere schwere Verletzungen hatte, auch im Kopf, ich kann mich offenbar extrem schnell erholen.

Brutaler Abflug: Gisin erlitt 28 Brüche. Foto: Screenshot SRF

Ihr Sturz war die Folge unglücklicher Umstände …
… und genau das war für mich zunächst ein grosses Problem. Beim Verarbeiten des Unfalls hat mich das gestresst. Ich hatte keinen Fehler gemacht, den ich das nächste Mal vermeiden könnte. Es hat mir einfach im dümmsten Moment den Ski verschnitten. Da kam ich schon ein wenig ins Grübeln. Nun mache ich mir darüber keine Gedanken mehr. Aber wie gut es wirklich geht, werde ich erst sehen, wenn ich wieder auf den Abfahrtski stehe.

Wie fühlt es sich an, wenn man aus dem Koma erwacht?
Wenn man aufwacht, will man sofort wissen, was passiert ist. Danach machte ich blöde Sprüche, das tat mir später extrem leid. Erst dann realisierte ich nämlich, was meine Familie und meine Freundin durchgemacht hatten. Sie sahen mich, mit den Schläuchen im Mund, regungslos im Bett liegen, befürchteten Schäden im Gehirn. (Überlegt) Die ersten Tage waren schwierig, das kann man sich kaum vorstellen.

Inwiefern?
Während der fünf Tage im Koma verlor ich acht, neun Kilo. Es war eine Tortur, mit den Krücken einen Gang entlangzulaufen. Am Anfang brauchte ich fünf Minuten Pause, nachdem ich einen Löffel Suppe zum Mund geführt hatte. So ist das, wenn man eine Zeit lang nicht einmal mehr die Grundfunktionen wie Atmen erledigen kann. Danach ging es in Quantensprüngen vorwärts. Mir half mein trainierter Körper. Wäre ich nicht fit gewesen, dann wäre ich jetzt wohl nicht mehr hier.

Nächste Woche werden Sie 31. Spielten Sie mit dem Gedanken, den Schlussstrich zu ziehen? Nein, wirklich nicht. Wie gesagt, der Verarbeitungsprozess verlief kompliziert, weil der Sturz nicht meine Schuld gewesen war. Da hatte ich Mühe. Beim Gedanken, die Abfahrtsski anzuziehen, bin ich aber glücklich. Es ist wichtig, dass man das Geschehene nicht totschweigt. Ich hatte überlegt, Daniel Albrecht anzurufen. Aber ich liess es sein, weil unsere Unfälle nicht vergleichbar sind.

Versuchten Ihre Liebsten, Einfluss zu nehmen?
Ich hörte mir ihre Einwände genau an, schliesslich war es für alle Beteiligten eine happige Zeit gewesen. Es sagte niemand direkt: Marc, hör bitte auf. Meine Leute wissen, was ich wegstecken kann, ihnen helfen die Erinnerungen, wie ich nach heftigen Stürzen zurückgekehrt bin. Und mir hilft, dass ich gewisse Erinnerungen nicht mehr habe.

Gehen Sie davon aus, Ende November in der Abfahrt von Lake Louise am Start zu stehen?
Ja, wobei ich geduldiger und vorsichtiger geworden bin. Konditionell bin ich in einem guten Zustand, die Lunge funktioniert wieder normal. Einschränkungen gibt es keine mehr, fraglich ist nur, ob die Feinmotorik gelitten hat. Ich hatte 28 Brüche am Oberkörper, fast bei jedem Zahn war eine Ecke weg. Ich bremste wohl mit den Zähnen (lacht).

Erstellt: 18.06.2019, 20:39 Uhr

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