Die Frau, die mit Tempo 217 die Piste runter rast

Sie gewann in Lake Louise, war im letzten ­Winter die beste Abfahrerin und mag den Temporausch: Nicole Schmidhofer (30).

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Ab 200 km/h wird es still unter dem Helm. Die Augen sind weit aufgerissen, fixieren die ratternden Skispitzen, das Weiss der Piste rast darunter hinfort. Temporausch auf zwei Brettern. Rote Linie, Beginn der Messung, rote ­Linie, Ende der Messung. 217,590 km/h leuchten auf in der Ausfahrzone – und die rasende Athletin auf der Strecke spürt: nichts. Die Geräusche des Windes sind weg, der Latexanzug und der Vollvisierhelm halten ihn vom Körper fern. Sie kann die Geschwindigkeit nur erahnen. Sie muss vor allem eines sein: ganz langsam. Macht sie eine hektische Bewegung, «schmeissts mich hin. Und zwar zu tausend ­Prozent». Nicole Schmidhofer stürzt nicht, sie pulverisiert an der Speed­ski-WM im französischen Vars den österreichischen Rekord.

Diese Woche sitzt Schmidhofer an einem Abend im Chateau-Hotel in Lake Louise. Der Sessel ist tief wie ihre Stimme, der Händedruck fest. 217,590 km/h also hat sie hingekriegt – weniger als 30 km/h fehlten zum Weltrekord. Und das bei ihrem ersten Versuch auf den Ski, die noch einmal 20 Zentimeter länger sind, breiter und schwerer als ihre eigentlichen Arbeitsgeräte: Schmidhofer ist alpine Skirennfahrerin von Beruf, Abfahrerin – und als solche war sie im letzten Winter so gut wie keine andere. Die kleine Kugel gab es für sie, 30 musste die Steirerin werden, um das zu erleben.

Sie war beflügelt, so sehr, dass sie sich zum Ziel setzte, im Speed­ski die 200er-Marke zu knacken. «Das Selbstvertrauen war ebenso gross wie der Reiz», sagt Schmidhofer.

Die grösste Herausforderung folgt nach der Fahrt

Dass sie dann den Wind nicht spürte, irritierte sie am meisten, «irrsinnig eigenartig» sei das gewesen. «Sonst weht er mir ins Gesicht, der Abfahrtsanzug lässt Luft durch, das Tempo fühle ich auf der Haut.» Die grösste Herausforderung kam nach der Fahrt: das Bremsen. «Halten Sie den Arm bei 130 km/h auf der Autobahn aus dem Fenster», sagt Schmidhofer. «Den reisst es nach hinten. Bei über 200 ist das noch viel heftiger.» Deshalb: Ganz sachte die Ellbogen vom Körper wegbewegen, langsam aufstehen aus der Hockeposition, ein leichter Pflug mit den Ski, ein paar Schwünge «und irgendwann bleibt man stehen».

«Eine Medaille kann mal passieren»Nicole Schmidhofer

Schmidhofer hatte nur kurz Zeit, sich auf all das vorzubereiten. Sie tat das auf einer Teststrecke in Andorra, Anfangstempo: 140 km/h. Betreut wurde Schmidhofer von einem Team um Klaus Schrottshammer, mit über 248 km/h einer der Schnellsten der Welt. Wegen schlechten Wetters reiste sie mit nur zwei Trainingstagen nach Vars. «Vielleicht hätten wir sonst noch mehr herausholen können. Aber es wird sich wieder mal ergeben», sagt sie. «Nach meiner Karriere.» Warum? «Zu gefährlich.» Sponsoren hatten sie gewarnt, im Verletzungsfall nicht mehr zu zahlen, weil Hochrisikosport nicht vorgesehen ist in den Verträgen.

Im März kümmerte sie das alles nicht, «ich habe mich bewusst nicht damit befasst, was passieren kann». Als kurz später einem Speedski-Athleten 13 Knochen brachen, beschloss sie, sich auf ihre Karriere als alpine Skirennfahrerin zu konzentrieren. Es läuft ja derzeit auch so gut wie nie.

Schmidhofers Weg zum Sieg in der Abfahrtswertung war einer voller Irrungen und Wirrungen. Was ihr die Kugel bedeutet? Sie schaut zu Boden, holt tief Luft. Sie sagt: «Es ist noch immer ganz, ganz schwer, das in Worte zu fassen. Eigentlich ist es unglaublich.» Bedeutender als Gold im Super-G an der WM 2017 in St. Moritz. «Eine Medaille», sagt sie, «kann mal passieren. Aber für eine Kugel muss es über dreieinhalb Monate funktionieren.»

Schmidhofer hat bewiesen, dass eine Karriere nicht immer geradlinig verlaufen muss. Begonnen hat sie wie bei vielen. Aufgewachsen ist sie neben der Piste, die Eltern hatten eine Skihütte im Lachtal, mit zweieinhalb stand sie erstmals auf Ski. Doch erst mit neun startete sie zu ihrem ersten Rennen. Und als sie sich erstmals auch in einem Sommer mit Konditionstraining befasste, war sie schon 15.

Mit 18 dachte sie, sie wisse, wies geht.

Ihre jetzigen Teamkolleginnen waren da längst in einer der grossen Sportschulen Österreichs, Schmidhofer ging in die «normale» Fachschule in Murau, im Winter bekam sie frei für die Rennen. Physisch kam sie mit den Gegnerinnen bald nicht mehr mit, «es dauerte Jahre, bis ich den Rückstand aufgeholt hatte», sagt sie. Dennoch ging es früh steil los, vom Nachwuchs direkt in die Speed-Weltcupgruppe. An ihrem 18. Geburtstag feierte sie in Lenzerheide mit Rang 14 im Super-G ihren Einstand. Und Schmidhofer dachte: «Ich weiss, wies geht.» Jetzt weiss sie: Sie wusste es nicht.

«Die Piste von Lake Louise ist Rock ’n’ Roll»Nicole Schmidhofer

Sie hatte Renate Götschl und Alexandra Meissnitzer im Team, Ski-Grössen, Quell an Erfahrung. Doch Rat holte sich Schmidhofer nicht. Sie überschätzte sich. Im Training war sie meist gut dabei, im Rennen nicht. Es war lange so, bis sie im Frühjahr 2012 aus dem Kader des Verbandes flog und wusste: «Das ist die letzte Chance, Nici. Wenn du die nicht nutzt, ist es mit Skifahren vorbei.»

Sie arbeitete im Sommer 2012 mit einem Physiotherapeuten, hart wie nie zuvor, kam im Winter gestählt zurück. Es gab den ersten Podestplatz. Und im letzten Jahr endlich den Durchbruch mit dem Sieg in Lake Louise, zwei weiteren Triumphen und der Kristallkugel.

Die Lust auf mehr ist geweckt, die Vorbereitung mit körperlichen Problemen vergessen: Mittelohrentzündung und Gleichgewichtsstörungen; Adduktorenzerrung; dreieinhalb Wochen Therapie wegen Hüftschmerzen. Alles weit weg. Schmidhofer ist bereit. Am Freitag gab es Rang 7 in der ersten Abfahrt, gestern den Sieg.

Es ging etwas gemächlicher zu als im März, rund 100 km/h langsamer. Langweilig wurde ihr dennoch nicht. «Die Piste von Lake Louise ist Rock ’n’ Roll», sagt sie. Sie beherrscht auch diesen Tanz.

Erstellt: 08.12.2019, 17:32 Uhr

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