Die Krise als Lebensschule

Carlo Janka tritt an der WM in vier Disziplinen an, und er kann nicht anders: Eine Medaille ist sein Ziel.

Den Perfektionisten und Willensmenschen Janka müsse man manchmal bremsen, sagt sein Trainer. Foto: Urs Jaudas

Den Perfektionisten und Willensmenschen Janka müsse man manchmal bremsen, sagt sein Trainer. Foto: Urs Jaudas

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Machen wir ein Spiel, Carlo Janka. Sie bestreiten vier Disziplinen an der WM, und Sie haben genau 100 Prozent – wie würden Sie diese verteilen, wenns um Ihre Medaillenchancen geht? Janka denkt kurz nach, er antwortet: «Abfahrt 30 Prozent, Super-G 30 Prozent, Kombination 35 Prozent, und dann bleiben für den Riesenslalom 5 Prozent.»

Es ist ein Mammutprogramm, das Janka in Beaver Creek bestreitet. «Man muss», sagt der Obersaxer, «die Energie einteilen, gut auf seinen Körper hören.» Wer sollte das besser können als einer, der noch vor drei Jahren nicht wusste, ob er seine Karriere als Spitzensportler überhaupt würde weiterführen können? Herzprobleme hat Janka seit damals nicht mehr, aber weil er immer noch nicht genau weiss, woher sie rührten, muss er stets damit rechnen, dass sie wiederkommen. Kann ein Leistungssportler diese Ungewissheit überhaupt ausklammern? «Ja», antwortet Janka, «die Gefahr, dass die Probleme zurückkehren können, ist mir bewusst, aber ich kann das sehr gut zur Seite legen.» Ausser, fügt er lächelnd an, man frage ihn danach.

Er hat sich verändert

In Windeseile war er an die Spitze gestürmt, 2009 wurde er mit 22 Jahren Riesenslalom-Weltmeister, im Jahr darauf wurde er in der gleichen Disziplin Olympiasieger und Sieger im Gesamtweltcup. Was sollte ihn aufhalten? Das Herz. Er hat sich zurückgekämpft und ist heute wieder fast da, wo er einst war. «Aber nur fast», sagt Jörg Roten, Jankas langjähriger Trainer in der Kombigruppe.Roten ist mehr als zufrieden mit der ­Entwicklung seines Schützlings, aber es fehle noch der letzte Schritt, «das bedingungslose Vertrauen, und das merkt man seiner Fahrweise an». Er meint das nicht als Kritik, er weiss, dass das nur über ­kontinuierliche Arbeit zu ändern ist.

Janka ist ein sehr harter Arbeiter. Manchmal muss man ihn fast ein wenig schützen, «im Materialbereich darf man ihn bloss nicht zu viel probieren lassen», sagt Roten, «dann verliert er sich». Der Perfektionist Janka, der Willensmensch, der selbst in Zeiten seiner Herzrhythmusprobleme nie den Gedanken hatte, auf­zuhören. Er stand manchmal nach ­einer normalen Trainingsfahrt ausser Atem im Ziel, er pumpte wie ein Asthmatiker. Aber er schaffte weiter, tüftelte an jedem Detail, zum Beispiel an seinem Schwachpunkt Start, beim Stockeinsatz, bei der Anschubtechnik. Stunde um Stunde ­studierte er noch vergangene Woche diese ersten Zehntelsekunden im Rennen des Norwegers Kjetil Jansrud. «Er ist ­momentan der Beste», sagt Janka. An wem soll er sich sonst orientieren?

Ein Spiel wie das eingangs genannte mit den Prozentzahlen wäre mit Janka noch vor vier Jahren kaum möglich ­gewesen. Er wirkte verschlossen, in sich gekehrt, manchmal fast schon abweisend. Nicht aus Unhöflichkeit, schon gar nicht aus Unwillen, aber wie sollte er Laien erklären, was er auf den Schnee zaubert? Janka hat sich verändert, er ist offener geworden. Für seine Betreuer ist das nichts anderes als ein ganz normaler Entwicklungsprozess. «Man darf eines nie vergessen», sagt Jörg Roten: «Carlo war sehr schnell sehr erfolgreich. Er hatte damit auch sehr schnell sehr viele Schulterklopfer. In seinen Krisenjahren waren die alle weg, damals hat er ­gemerkt, auf wen er sich wirklich verlassen kann.»

Beaver Creek ist wie Lauberhorn

Die Krise als Lebensschule. Janka fehlt noch die Konstanz, aber er hat sich an das neue Material nach seinem Wechsel der Skimarke erstaunlich schnell gewöhnt. Wenn er jetzt mit der Abfahrtsgruppe trainiert, trifft er dort auf seinen langjährigen Förderer Sepp Brunner, zwischen den beiden müssen ebenfalls nicht viele Worte fallen wie mit Roten. Janka ist längst wieder auf dem Weg ­zurück nach ganz oben. Platz 1 in Wengen in der Superkombi und Rang 3 in der Abfahrt waren wichtig fürs Selbstvertrauen. Roten wiegelt ein bisschen ab, «das Lauberhorn liegt ihm, da fühlt er sich wohl, da ist er auch gut gefahren, als es ihm schlecht ging».

Aber gelten diese Worte des Trainers nicht genauso für Beaver Creek? «Hierher komme ich immer mit sehr positiven ­Gefühlen», bestätigt Janka, seine drei Siege innert drei Tagen in drei Disziplinen 2009 hat er nicht vergessen.

Machen wir ein Spiel, Jörg Roten. Janka bestreitet vier Disziplinen, wie würden Sie seine Siegeschancen einschätzen, wenn Sie 100 Prozent ­verteilen könnten? «Abfahrt 20 Prozent, Super-G 10 Prozent, Kombination 60 Prozent, Riesenslalom 10 Prozent.» Nirgends waren es null Prozent, weder bei Janka noch bei Roten.

Erstellt: 03.02.2015, 20:22 Uhr

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