Die Siegertypen der Schweiz in Beaver Creek

Mit dem Super-G der Frauen beginnt an der Ski-WM die Jagd nach den Medaillen. Warum das Schweizer Team mindestens zwei holt.

Lara Gut könnte heute mit einem Exploit den Schweizern den Weg weisen. Foto: Keystone

Lara Gut könnte heute mit einem Exploit den Schweizern den Weg weisen. Foto: Keystone

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Hans Flatscher und Tom Stauffer arbeiten die meiste Zeit auf Schnee, und doch ist einer ihrer am häufigsten ­gebrauchten Begriffe «Eis». Denn einen Satz hört man von den Schweizer Cheftrainern Frauen (Flatscher) und Männer immer wieder: «Wir bewegen uns auf dünnem Eis.»

Beide müssen damit klarkommen, dass sie nicht über allzu grosse Kader verfügen, dass die wirklichen Topleute rar sind. Top im eigentlichen Sinne von «ganz oben» auf dem Podium. Wie dünn das Eis tatsächlich ist, belegt das Beispiel bei den Frauen: Fällt ­Dominique Gisin mit einer Schienbeinverletzung aus, ist der Kreis der Medaillenkandidatinnen im Speed um ein Drittel reduziert, liegt die Last auf den Schultern von Lara Gut und Fabienne Suter.

Das Bild ist seit Jahren das gleiche, und es dürfte sich in Zukunft nicht gross ändern. Der Weg in die Weltspitze im alpinen Skisport ist mit enorm viel Arbeit und Verzicht verbunden, dabei sind die Chancen, wirklich einmal richtig gut zu verdienen nicht allzu gross. Immer mehr Jugendliche schrecken deshalb davor zurück, diese Mühsal mit höchst ungewissem Ausgang auf sich zu nehmen, zumal es in der Schweiz mit ihrer starken Wirtschaft nach wie vor genügend Alternativen gibt – mit sicheren ökonomischen Grundlagen und weniger Aufwand an Wochenenden und zu nachtschlafener Zeit am frühen, oft kalten Morgen.

Ein Problem, das mittlerweile auch den österreichischen Verband umtreibt. Der erfolgsverwöhnte Nachbar würde in Wehklagen ausbrechen, wenn Marcel Hirscher ausfällt. Denn wer soll dann in Slalom und Riesenslalom aushelfen? Wann gab es das zuletzt in Österreich, dass nicht einmal alle Slalomfahrer, die zum Einsatz kommen, die WM-Limite erfüllt haben? Das ist zwar erstaunlich und wird die Verantwortlichen beim ÖSV noch lange intensiv beschäftigen, die Kollegen in der Schweiz wird es allerdings kaum trösten.

Beat Feuz und die Inder

Das Eis ist also dünn. Das heisst, es muss alles getan werden, dass es zumindest am Tag X während der paar Minuten einer Abfahrt, eines Super-G, eines Slaloms das ganze Gewicht trägt. Das Gewicht der Erwartungen einer Nation, die sich immer noch als Skination rühmt, obwohl die Zahl der Skilager in der Schule rapide zurückgeht. Die den Skisport als wichtigen Imageträger im Ausland sieht, deren Touristiker sich aber keinen Deut um die besten Ski­fahrer und Skifahrerinnen des Landes kümmern, weil potenzielle Gäste aus Russland, China, Indien und Saudi­arabien mit den Namen Beat Feuz und Lara Gut eh nichts anfangen können. Eine Nation, deren Politiker vor allem dann ihr Herz für Leistungssportler entdecken, wenn es gilt, auf Fotos mit Medaillengewinnern drauf zu sein.

Was solls, sagen sich Flatscher, Stauffer und die anderen Trainer. Sie kennen System und Voraussetzungen, sie müssen und wollen das Beste daraus machen. Und gerade die beiden Cheftrainer haben mit ihrem Pragmatismus, ihrem ruhigen, konsequenten Arbeiten viel dazu beigetragen, dass das Eis genau an diesem Tag für diese Minuten stark genug sein kann.

Sieben Kandidaten

Lara Gut, Fabienne Suter und Wendy Holdener, Carlo Janka, Beat Feuz, Patrick Küng und Didier Défago – sie alle können aufs Podest fahren. Was erfreulich ist: Bei allen zeigte die Leistungskurve zuletzt nach oben. Eine Garantie ist das nicht. Die Grundregel besagt, man braucht drei Athletinnen oder Athleten mit Podestpotenzial, um einigermassen sicher mit einer Medaille rechnen zu können. Angesichts der Resultate des aktuellen Winters kommt die Schweizer Delegation, realistisch betrachtet, in keiner Disziplin auf diese Teamquote.

Erfreulicherweise ist Skifahren aber immer noch kein Mannschaftssport. Der eine Athlet, die eine Fahrerin muss am Tag X bereit sein, alles riskieren, und es muss alles aufgehen. Vergessen wir für einmal die Wahrscheinlichkeit, geht es also um Siegertypen, oder sagen wir lieber: Podesttypen. Von denen wiederum hat die Schweiz ungefähr sieben (siehe oben). Es wäre also schon eine grosse Überraschung, wenn das Eis in diesen zwei WM-Wochen nicht mindestens zweimal tragfähig genug wäre.

Erstellt: 02.02.2015, 20:10 Uhr

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Ski-WM: Wie viele Medaillen holt die Schweiz?

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