Die Summe kleiner Fehler

Für Lara Gut war der aktuelle Winter resultatmässig ein Rückschritt. Sie scheint bereit, daraus zu lernen.

Zwei Siege und WM-Bronze sind Lara Guts Bilanz. Foto: Mabanglo (Keystone)

Zwei Siege und WM-Bronze sind Lara Guts Bilanz. Foto: Mabanglo (Keystone)

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Da war der redselige Radiomann doch tatsächlich für ein paar Sekunden stumm. Euphorisch hatte er bei der Startnummernverlosung im Zentrum von Garmisch Lara Gut angekündigt und sie für die «grandiose Saison» gefeiert. «Na», antwortete die Schweizerin, «so grandios war dieser Winter auch wieder nicht.» Und schon herrschte Stille am Mikrofon.

Eines kann man Lara Gut also nicht vorwerfen: eine Beschönigung oder gar Verklärung ihrer Leistungen. «Grandios» sei definitiv übertrieben, antwortet sie auf die Frage nach der Szene beim Weltcup in Garmisch, «aber mit zwei Siegen und einer Bronzemedaille bei der WM-Abfahrt kann man zumindest von einer guten Saison sprechen». Und es bleiben noch drei Rennen beim Weltcupfinal in Méribel, gestern im ersten Abfahrtstraining konnte sie als Dritte mit den Besten mithalten.

Die Initialzündung fehlte

Akzeptiert. Aber ist «gut» gut genug für eine Fahrerin mit ihrem Talent, ihrer ­Erfahrung, ihrer Geschichte in den ­Resultatlisten des alpinen Skisports? «Die Erwartungen bei Lara sind natürlich höher», sagt Cheftrainer Hans ­Flatscher mit Blick auf den aktuellen Winter. Man würde sie stets auf dem ­Niveau ­einer Anna Fenninger sehen, aber man dürfe nicht vergessen, dass die Österreicherin zwei Jahre älter sei. «Man muss einer Athletin mit dem Jahrgang 1991 auch einmal ein Jahr zugestehen, in dem nicht alles wie gewünscht verläuft», sagt Flatscher.

Die Saison 2014/15 war gegenüber dem Vorjahr ein Rückschritt in allen ­Bereichen – bei der Punktzahl im ­Gesamtweltcup, bei der Platzierung in den einzelnen Disziplinen, bei den Podestplätzen und Siegen. Ein entscheidender Faktor sei der Saisonstart gewesen, sagt Lara Gut: «Im Oktober 2013 gewann ich den Riesenslalom in Sölden, ich stand danach so sicher auf dem Ski wie nie.» Das habe sie durch die gesamte Saison getragen, diesmal fehlte diese Ini­tialzündung. Lara Gut schied in Sölden aus, «ich habe die Sicherheit auf den Ski verloren, zwar nur ganz leicht, aber es hat in allen Disziplinen Zeit gekostet».

Nüchtern entscheiden

Flatscher hat ein paar Ideen, woran es liegen könnte, dass die Erwartungen nicht erfüllt wurden, in welchen Bereichen Optimierungen möglich sind. Aber er breitet diese Punkte nicht öffentlich aus, ehe er mit Lara Gut und ihrem ­Vater und Trainer Pauli darüber diskutiert hat. Nach dem Weltcupfinal soll sich die Tessinerin erst einmal eine Woche Ruhe gönnen, «dann setzen wir uns zusammen, denn mit nüchterner Betrachtung kommen wir viel eher zu schlauen ­Entscheiden».

Was klar ist: Gegen den Willen von Lara Gut geht nichts. Ist sie von einer Massnahme nicht überzeugt, macht es keinen Sinn, darauf zu beharren. Das heisst, sie wird ihren eigenen Weg weitergehen, gemeinsam mit Vater Pauli, nur phasenweise mit dem Rest des Teams. Flatscher ist klug und realistisch genug, um dies nicht grundsätzlich infrage zu stellen. Ihm geht es allein um den sportlichen Erfolg, «und man kann ja nicht sagen, dass Lara bislang keine aussergewöhnliche Karriere erlebt hat», sagt er. Weshalb also solle man nun alles über den Haufen werfen?

Ein Punkt, der sich ändern wird, betrifft die Sommervorbereitung. Im vergangenen Jahr blieb das Team Gut in der Schweiz, sie habe viele Testreihen mit Schuhen vorgenommen, sagt Lara Gut, zudem seien die Schneebedingungen in Südamerika nicht optimal gewesen. Das wird sich im kommenden Sommer ­ändern: «Wir planen, wieder nach Übersee zu fliegen, um bei diversen Schneearten in unterschiedlichem Gelände zu trainieren.»

Mehr Wert auf Riesenslalom

Lara Gut hat einen Rückschritt erleben müssen. Man hat den ganzen Winter über gespürt, dass das auch für sie selbst überraschend kam, dass sie nicht genau wusste, was passiert ist. Dass sie immer wieder in ein altes, überwunden geglaubtes Bewegungsmuster zurückfiel und einzelne Kurven andriftete. Das ist für sie einer dieser kleinen Fehler, die aus der mangelnden Sicherheit auf Ski resultierten. Die Fehler, die in der Summe dazu führten, dass «der gesamte Bewegungsablauf nicht komplett funktionierte».

Sie wird weiter so arbeiten, wie sie es für richtig hält, und sie wird keineswegs zugunsten der Speeddisziplinen auf den Riesenslalom verzichten. «Im Gegenteil», sagt sie, «ich werde verstärkt Wert auf den Riesenslalom legen, dieser Schwung bleibt die Basis für alles.» Sie braucht ein starkes Fundament für die Saison 2015/16, nach dem Rücktritt von Dominique Gisin auf Ende Saison lastet künftig zusätzliche Verantwortung auf ihren Schultern. «Lara», sagt Hans Flatscher, «wird nun noch mehr zur tragenden Säule in unserem Team.»

Lara Gut beantwortete die Fragen für ­diesen Text schriftlich.

Erstellt: 16.03.2015, 20:49 Uhr

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