Die Werbefahrt, die zum Klassiker wurde

Lauberhorn und Hahnenkamm sind die unangefochtenen Könige im Reich des alpinen Skisports.

Hannes Reichelt auf dem Weg zum Sieg im 85. Lauberhornrennen vom vergangenen Wochenende. Foto: Keystone

Hannes Reichelt auf dem Weg zum Sieg im 85. Lauberhornrennen vom vergangenen Wochenende. Foto: Keystone

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Sie haben den achtzigsten Geburtstag hinter sich und erfreuen sich bester Gesundheit. Sie sind eigenwillig und ein bisschen knorrig, manchmal auch gnadenlos, doch gerade das macht sie zu den unangefochtenen Königen im Reich des alpinen Skisports: Lauberhorn, Jahrgang 1930, und Hahnenkamm, Jahrgang 1931.

Wengen feierte das Jubiläum der 75. Lauberhornrennen schon vor zehn Jahren, die Kitzbüheler sind erst jetzt so weit. Was daran liegt, dass sie eine viel bewegtere Geschichte hinter sich haben als ihre Kollegen im Berner Oberland, wo nach 84 Jahren Gertsch erst der dritte Präsident sein Amt angetreten hat und wo die Geschichte lückenlos dokumentiert ist, mit einer Ausnahme: Vater Ernst Gertsch nahm das Geheimnis, weshalb es 1932 keine Lauberhornrennen gab, mit ins Grab, nicht einmal Sohn Viktor wurde ­darüber aufgeklärt.

Das Hotel als Lazarett

In Kitzbühel, wo in den Dreissigerjahren nur Arier starten durften, im zweiten Weltkrieg aus Hotels Lazarette wurden und während sieben Wintern keine Rennen stattfanden, wurden am Ende des Kriegs alle Akten vernichtet. Waren es die Alliierten? Die Widerständler? Oder doch die Kinder, die die Papiere in einem Stadel, wo sie in angebliche Sicherheit gebracht worden waren, entdeckten und sie verfeuerten, um Erd­äpfel braten zu können.

So musste die Geschichte neu aufgearbeitet werden, und lange war nicht klar, welches Rennen jetzt als erste Hahnenkammabfahrt betrachtet werden sollte. 1931 gab es gleich zwei Rennen, die nach der modernen alpinen Arlberg-Kandahar-Formel ohne Langlauf und Skisprung ausgetragen wurden: Das Franz-Reisch-Gedächtnisrennen im Januar und der Werbelauf des Wintersportvereins im März.

Franz Reisch stand am Anfang von Skisport und Tourismus in «Kitz». Er hatte sich durch das Werk «Auf Schneeschuhen durch Grönland» des norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansen inspirieren lassen. Die Schneeschuhe erwiesen sich als schmale Holzlatten, mit denen Reisch am 15. März 1893 das Kitzbüheler Horn bestieg. Seine Schilderung des Abenteuers in der Zeitschrift «Der Schneeschuh» gilt als erster deutscher alpiner Skitext. In den Jahren danach machte Reisch mit Gleichgesinnten Kitzbühel zum Wintersport-Mekka Österreichs. Es gab eine Sprungschanze, eine Bob- und Schlittelbahn, eine Eisbahn und jede Art von Wettkämpfen.

Man entschied sich gegen den Pionier und für die Werbefahrt, weil diese eine echte Abfahrt war – ohne Aufstieg und Langlaufpartie wie beim Gedächtnisrennen, bei dem der Abfahrtssieger zwölf Minuten unterwegs war. Der Start auf der Ehrensbergerhöhe war von der Hahnenkamm-Bergstation in einem kurzen Fussmarsch erreichbar, das Ziel befand sich in Klausen zwischen Kitzbühel und Kirchberg. Auf der Streif wurde erstmals 1937 gefahren (Sieger Thaddäus Schwabl in 3:53,1). Startschuss, Mausefalle (den Namen verdanken wir Toni Sailer) und Steilhangeinfahrt sind «Erfindungen» der Fünfzigerjahre, als Kitzbüheler Rennfahrer die Skiwelt beherrschten: Neben dem dreifachen Olympiasieger Sailer waren es Christian Prawda, Anderl Molterer, Hias Leitner und Ernst Hinterseer, dessen ewig blonder Sohn Hansi heute der bekannteste Kitzbüheler ist.

Pirmins Premiere und das Knie

In der Pionierzeit der Hahnen­kamm­rennen gab es vier Schweizer Abfahrtssieger. Walter Prager 1932, als der Start zur 6 km langen Abfahrt auf dem Steinbergkogel erst nach einem längeren Fussmarsch erreicht wurde; Bernhard Perren, der 1953 den Lokalhelden Molterer auf den zweiten Platz verwies und den Streckenrekord auf unglaubliche 2:54,5 drückte; Willi Forrer, der sich 1962 für das Pech von 1955 entschädigte, als ihm der zweimal gestürzte Toni Sailer in den Weg purzelte und ihn zu Fall brachte; und Madeleine Berthod, die 1955 als einzige Schweizerin am Hahnenkamm gewann, wo die Frauen letztmals 1961 dabei sein durften.

Historisch ist auch das, was sich vor 30 Jahren ereignete. Der 22-jährige Pirmin Zurbriggen, der zuvor schon in allen andern Sparten gewonnen hatte, feierte auf der Streif seinen ersten Abfahrtssieg. Am Tag danach doppelte er nach. Doch beim Zielsprung verschlug es ihm einen Ski und dabei zog er sich eine Meniskusquetschung zu. Das Siegerbild wurde ohne ihn geknipst, bei der Siegerehrung war er schon auf dem Weg zur Rennbahnklinik in Muttenz. Mit der revolutionären Methode der Arthroskopie behob Bernhard Segesser den Schaden. In den Tagen danach beherrschte in der Schweiz «das Knie der Nation» die Schlagzeilen. Nach zwei Wochen stand Zurbriggen wieder auf den Ski, eine weitere Woche danach wurde er in Bormio Abfahrtsweltmeister.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2015, 21:07 Uhr

Martin Born

Martin Born ist langjähriger Sportjournalist und Autor.

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