«Diese Städter wollen entscheiden, was wir in den Alpen tun sollen»

Peter Schröcksnadel (78) dirigiert seit 30 Jahren den Österreichischen Skiverband. Er mag Kunstschnee und glaubt nicht an ein Dopingproblem.

Für Peter Schröcksnadel hat die Schweiz im Nationencup diesmal eine einmalige Chance – und schafft es wieder nicht.

Für Peter Schröcksnadel hat die Schweiz im Nationencup diesmal eine einmalige Chance – und schafft es wieder nicht. Bild: Johann Groder/Freshfocus

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Während der Skirennen zählen Sie die Punkte, die Ihre Fahrer gerade holen. Sind Sie nervös?
Das mache ich seit 30 Jahren. Für uns ist es relativ wurst, wie wir dastehen im Nationencup, wir erhalten im Gegensatz zur Schweiz kein Geld, wenn wir gewinnen.

Die Schweiz führt vor ­Österreich. Weshalb?
Weil wir viele Verletzte haben und Marcel Hirscher weg ist. Das ist eine einmalige Chance für die Schweiz.

Einmalig?
Das glaube ich, ja.

Überdeckte Seriensieger Hirscher grundlegende Probleme?
Er ist gut gefahren, klar. Aber wenn eine Nation so viele Verletzte hat wie wir, kann das niemand kompensieren. Trotzdem werden wir auch heuer gewinnen.

Ihnen gehören zahlreiche Skigebiete. Wie wichtig ist es für den Tourismus, dass Österreich im Weltcup gut dasteht?
Das spielt keine Rolle. Ich habe auch Skigebiete in der Schweiz, in Saas-Fee und Savognin. Natürlich: Auf viele Jahre hinaus, wenn wir 30 Jahre gewinnen, dann hat das einen Einfluss, weil die Leute dort Ski fahren wollen, wo die Besten herkommen.

«Wenn es zwei oder drei Grad wärmer wird, macht das dem Skisport nichts»Peter Schröcksnadel

Wie sehen Sie die Zukunft des Skisports?
Wir hatten noch nie so gute Jahre wie die letzten drei.

Spüren Sie den Klimawandel?
Dass sich das Klima verändert, ist unbestritten, die Frage ist nur: Warum? Und darüber mag ich jetzt nicht sprechen.

Sie bezweifeln, dass der Mensch eine Mitschuld trägt?
In den 70er-Jahren hiess es: Jetzt kommt die neue Eiszeit. 50 Jahre später haben wir die globale Erwärmung. Das ist für mich kein Thema.

Aber es muss doch gerade Sie interessieren, als Besitzer von Skigebieten, als ÖSV-Präsident.
Wenn es zwei oder drei Grad wärmer wird, macht das dem Skisport nichts. Dieser Januar ist zweieinhalb Grad wärmer. Und wir haben die beste Saison je. Schauen Sie nach Südtirol. Dort wird seit 40 Jahren beschneit. Was wollen die Leute? Sonne und Schnee. Ob Maschinenschnee oder nicht, ist denen wurst.

Ihnen auch?
Ich fahre viel lieber auf Maschinenschnee. Und ohne ginge es längst nicht mehr. Früher wurden mit den Liften 500 Leute pro Stunde auf den Berg transportiert, heute sind es 3000. Naturschnee reicht da nicht mehr aus.

Ist Ski fahren noch gerechtfertigt, wenn es in gewissen Gebieten gar nicht mehr schneit?
In Südtirol haben sie zu Beginn der Saison Niederschläge, dann nichts mehr. Also wird beschneit. Wo ist das Problem? Obstgärten werden ja auch beregnet.

Mit deutlich weniger Aufwand.
Nicht viel weniger, nein. Italien, Spanien, da wird alles künstlich beregnet. Und keiner sagt, er esse deshalb keinen Apfel mehr.

Rekordsieger Didier Cuche analysiert die Streif. (Video: Marcel Rohner/Material SRF)

Wie wichtig ist Ihnen Naturschutz in Ihren Skigebieten?
Ich bin ein sehr umweltbewusster Mensch, aber das hat damit nichts zu tun. Wir haben erschlossene Skigebiete auf relativ kleinem Raum. Die liefern einen hohen Ertrag für die Täler. Würden wir etwa das Tourenskifahren forcieren, hätten wir überall auf dem Berg Leute und keinen Ertrag. Die gehen auf den Gipfel und lassen nur ihren Dreck dort, aber keinen Euro. Die Täler werden entsiedelt, wenn der Tourismus verschwindet.

Zwischen dem Ötz- und dem Pitztal soll für die Erweiterung des Skigebiets ein Berggipfel weggesprengt werden ... Sie verdrehen die Augen.
Das sind 40 Höhenmeter, das ist kein Berggipfel, also bitte!

Das schmerzt Sie nicht?
Also wirklich nicht. Es sind genau diese hochgespielten Sachen, die ich hasse. Das Pitztal ist ein armes Tal, das Ötztal reich. Es wurde der Fehler gemacht, dass im Ötztal weiter ausgebaut wurde. Wenn das Pitztal nachzieht, kann doch keiner dagegen sein. Es geht darum, die Entsiedlung aufzuhalten. Wir haben ein Recht, in den Bergen zu leben. Ich will nicht, dass die Städter darüber bestimmen, was wir tun sollen. Das sind diese Stadtgrünen, die entscheiden wollen, was wir in den Alpen und Tälern tun.

Markenzeichen: Schröcksnadel trägt das Logo seiner ersten Firma Sitour Austria auf der Mütze. (Bild: Klaus Pressberger/Getty Images)

Auf die Natur muss doch geachtet werden.
Wir schauen schon zur Natur, wir haben immer darauf geschaut. Es geht um die Balance. Es soll nicht heissen: Die Natur dürft ihr überhaupt nicht benutzen. Und genauso wenig, dass wir sie unbegrenzt benutzen können.

Sie sind der Allmächtige des österreichischen Skisports ...
… was für ein Blödsinn.

Sehen Sie sich bescheidener?
Ich bin ein ganz bescheidener Mensch. Ich brauche keine grosse Villa, nur eine Wohnung.

Sie sind schwerreich, Sie kokettieren mit der Bescheidenheit.
Nein, bitte, das interessiert mich gar nicht.

Ihre Amtszeit endet bald. Sind Sie Ende Jahr noch Präsident?
Ich weiss ja nicht, ob ich dann noch lebe und gesund bin.

Und wenn Sie das noch sind?
Ich versuche, die WM 2025 nach Saalbach zu bekommen. Gewinnen wir gegen Crans-Montana nicht, werde ich wohl weitermachen. Aber es ist noch offen.

Wieso glauben Sie, auch mit 78 und nach 30 Jahren noch der richtige ­Präsident zu sein?
Das weiss ich nicht.

Das wissen Sie nicht?
Nein, die anderen müssen es wissen. Aber scheinbar ist es gar nicht so schlecht gelaufen, haben wir doch in der Zeit immer den Nationencup gewonnen.

Sie überstanden auch Skandale.
Welche Skandale meinen Sie?

Die Dopingrazzia bei Ihren Langläufern und Biathleten während Olympia 2006 etwa.
Es hat sich herausgestellt, dass wir nichts Unrechtes getan haben. Es gab Freisprüche, bei mir persönlich wegen erwiesener Unschuld. Nur schreibt das keiner. Der Skandal war die Razzia, nicht das, was die österreichische Mannschaft angeblich getan hat.

An der letztjährigen Nordisch-WM in Seefeld wurden zwei Ihrer Langläufer auf frischer Tat ertappt.
Das stimmt. Doch ich muss eines sagen: Ich wünschte mir, alle Nationen hätten so strenge Gesetze wie wir. Wir haben die strengsten Dopinggesetze der Welt. Bei uns werden solche Leute verfolgt und eingesperrt, anderswo passiert gar nichts. Es waren Athleten aus 20 Nationen beteiligt, auch aus der Schweiz, aus Deutschland, nur weiss das niemand.

Welche Schweizer Athleten?
Die Namen kennen wir nicht, aber die Polizei hat uns das mitgeteilt. Bei uns wird das verfolgt, weil es ein Kriminalakt ist.

Die Sünder werden eingesperrt, und gut ist?
Entschuldigung: Hätten wir Regeln wie die Deutschen, hätten wir auch keine Dopingfälle.

Was tun Sie gegen Doping?
Wir klären auf, kooperieren mit der nationalen Dopingagentur. Sonst können wir gar nichts tun.

Warum nicht?
Das ist doch eine blöde Frage. Bei uns ist das von den Verbänden komplett abgekoppelt. Es ist der Staat, der dafür zuständig ist.

Sie sagen: Die anderen haben ja auch gedopt. Das macht es doch nicht besser.
Natürlich nicht. Aber es soll überall gleich verfolgt werden. Sonst entsteht ein Ungleichgewicht. Bei uns dürfen die Fahnder alles tun, um Doping aufzudecken.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

Erstellt: 24.01.2020, 21:32 Uhr

Der Mister Ski

Peter Schröcksnadel ist der ­mächtige Mann im österreichischen Skisport. Seit 1990 ist er Präsident des nationalen Verbandes ÖSV. 1964 gründete er seine erste Firma, die Sitour Austria, deren Logo noch heute seine rote Zipfelmütze ziert, die er in den Zielräumen des Weltcups trägt. Sie stellte Pistenmarkierungstafeln sowie Pistenleitsysteme her, heute hält sie etliche Skigebiete und Tourismusunternehmen. Dem 78-Jährigen gehören mehr als zwei Dutzend Firmen, viele Skiressorts und Lifte. Er vermarktet dort die Werbung, er vermarktet auch den Skiverband und die Athleten. Im Juni endet seine Amtszeit. Ob er sich noch einmal zur Wahl stellt, ist offen. (rha)

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