Dominique Gisin gibt nicht auf

Die Chance ist minim, doch die Olympiasiegerin kämpft trotz Fraktur am Schienbeinkopf um einen Start an der WM in knapp zwei Wochen.

Kämpferin Gisin. Foto: Bott (Keystone)

Kämpferin Gisin. Foto: Bott (Keystone)

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Wie viel Pech kann ein Mensch haben? Dominique Gisin muss man diese Frage nicht stellen. Am Montag erlitt sie im ­Super-G von Cortina bei einem Sturz eine Fraktur des rechten Schienbeinkopfs, sie wird die WM in Vail/Beaver Creek, die am 2. Februar mit dem ersten Abfahrts­training der Frauen und tags drauf mit dem Super-G beginnt, höchstwahrscheinlich verpassen. Eine zweite Untersuchung bei ihrem Vertrauensarzt bestätigte die Diagnose von Montagabend. Die Verletzung wird konservativ behandelt, eine Operation ist nicht nötig.

Gisin hat die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, dass es vielleicht doch noch für die WM reicht. «Den Umständen entsprechend geht es mir ganz gut, alle Bänder, Menisken, Muskeln und Sehnen haben einen tollen Job gemacht und gehalten, darüber bin ich sehr froh», erklärte sie via Facebook. «Sie hat bereits mit der Reha begonnen», sagte Frauencheftrainer Hans Flatscher, der Kontakt mit ihr hatte. «Die Chance ist gering, aber sie ist eine grosse Kämpferin, sie wird alles tun, was in ­ihren Möglichkeiten steht.» Und wenn es eben nicht reicht? «Dann wird sie halt nach der WM so schnell wie möglich zurückkommen», sagt Flatscher, der auch an die anderen Fahrerinnen denkt. Denn jede Verletzung habe schlechten Einfluss auf das Team, auch wenn am Start letztlich jede auf sich gestellt sei.

2012 die Sinnfrage

Neun Operationen an ihren beiden Knien hat Gisin bislang über sich ergehen lassen. Kleinere Eingriffe wie Arthroskopien nicht mitgerechnet. Als sie im Januar 2012 ohne Sturz eine Meniskusverletzung erlitt, die sie zu einer ­langen Wettkampfpause zwang, war sie nahe dran, zumindest teilweise aufzugeben. «Ich habe mich bei ­einer Kurvenfahrt verletzt, wie wir sie jeden Tag im Training und Rennen Dutzende Male machen», sagte sie und stellte sich tatsächlich die Sinnfrage, überlegte sich, den Speeddisziplinen den Rücken zu kehren und nur noch Slalom und ­Riesenslalom zu bestreiten.

Sie hat es nicht getan und wurde mit dem Abfahrts-Olympiasieg in Sotschi belohnt. Und sie hat danach mit der Konsequenz an sich weitergearbeitet, die man von ihr kennt. Im Sommer hat sie mit ­ihren Trainern ihren Riesenslalom-Schwung in sämtliche Teile zerlegt und komplett neu zusammengebaut. Der olympische Lorbeer war da schon viel zu weit weg, als dass sie sich hätte darauf ausruhen mögen. «Ich sagte mir: Ent­weder schaust du, wie es im Riesenslalom besser wird, oder du lässt es sein», sagt Gisin. Sie studierte stundenlang ­Videos von den Läufen von Teamkollegin Lara Gut und Anna Fenninger. Und entdeckte den Unterschied im Schwung­ansatz, der früher erfolgen müsse.

Richtung WM immer schneller

Der Einstieg in die WM-Saison verlief harzig. Damit hatte sie gerechnet, ein neuer Riesenslalom-Schwung beeinflusst auch die schnellen Disziplinen. Es warf sie nicht aus der Bahn. Sie spürte, dass sie zum Teil sehr schnelle Kurven fuhr, sie wusste aber auch, dass eine derartige Umstellung Zeit braucht, bis das gesamte System stabil genug ist, bis die Automatismen spielen. Die Erinnerung an den Olympiasieg half ihr, wenn es mit der Geduld schwierig zu werden drohte.

Die Wende kam mit dem 5. Rang in der Abfahrt im Dezember in Val-d’Isère, danach fuhr sie regelmässig in die Top 10. Beim Super-G in Cortina war sie bei Rennhälfte schneller als Tina Weira­ther (Lie), die Dritte wurde, lag nur vier Hundertstel hinter Fenninger, der Zweitplatzierten. Gerade rechtzeitig zur WM hatte Gisin alles wieder beisammen, die Technik, die Angriffslust und die Zuversicht. Bis zum Sturz. Jetzt hat sie für die WM nur noch die Hoffnung.

Erstellt: 20.01.2015, 20:53 Uhr

Gisins Achterbahn: Neunmal Knie, einmal Gold

-21. März 1999: Dominique Gisin, geboren am 4. Juni 1985 in Engelberg, wird Schweizer JO-Meisterin in der Abfahrt.

-27. Februar 2000: In einem Slalom der JO-Interregionen-Meisterschaft Kreuzbandriss am rechten Knie.

-2001: Im diesem Knie wird nachträglich ein Bruch der Kniescheibe festgestellt.

-2003: Nach weiteren Knieproblemen wieder Bruch der rechten Kniescheibe.

-23. Februar 2005: Dominique Gisin wird Abfahrtsvierte an der Junioren-WM in Bardonecchia (It).

-29. November 2005: In Lake Louise Einstieg in den Weltcup und gleich Bestzeit im ersten Abfahrtstraining.

-2. Dezember 2005: In jenem ersten Weltcuprennen in Lake Louise Innenbandriss im rechten Knie.

-13. Januar 2007: Als Zweite der Abfahrt in Zauchensee (Ö) steht Gisin erstmals auf einem Weltcuppodest.

-28. Februar 2007: Im Abfahrtstraining in Tarvisio (It) Kreuzbandriss und ­Innenbandriss im linken Knie sowie ­Innenbandanriss im rechten Knie.

-18. Januar 2009: Sieg in der Abfahrt in Zauchensee, erster von insgesamt drei Weltcupsiegen.

-8. Januar 2010: In der Abfahrt in Haus (Ö) Meniskusriss am rechten Knie.

-17. Februar 2010: Sturz in der Olympiaabfahrt in Whistler im Zielhang Hirn­erschütterung, Aus für Super-G.

-7. März 2010: In Crans-Montana erster Sieg in einem Weltcup-Super-G.

-13. Januar 2012: Saisonabbruch nach ­einer Meniskusquetschung im Abfahrtstraining in Cortina.

-10. Februar 2013: Bei der WM-Abfahrt in Schladming Bruch des rechten ­Mittelhandknochens.

-12. Februar 2014: In Sotschi Olympia-gold in der Abfahrt – erste alpine Olympiasiegerin seit Vreni Schneider 1994.

-14. Dezember 2014: Als erste alpine Skifahrerin seit Sonja Nef 2001 wird sie Schweizer Sportlerin des Jahres.

-19. Januar 2015: Sturz im Super-G von Cortina, Fraktur des rechten Schienbeinkopfs, Start an der WM in Vail/­Beaver Creek stark gefährdet. (can.)


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