Hintergrund

Ein Debakel als Urknall für den Schweizer Sport

In Innsbruck 1964 gab es für die Schweizer zum einzigen Mal an Winterspielen keine Medaille – dafür zahlreiche Blamagen. Selbst der Bundesrat forderte danach Massnahmen. Mit Erfolg.

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Es ist der Winter ohne Schnee. In Wengen wird statt der Lauberhorn-Abfahrt ein Riesenslalom am Eigergletscher ausgetragen, die Abfahrt von Kitzbühel wird abgesagt. Und in der Olympiastadt Innsbruck wird das österreichische Bundesheer zu Schwerstarbeit gezwungen. Um die Bob- und Rodelbahn zu bauen, werden 20'000 Eisblöcke aus einem See gesägt, für die Abfahrtsstrecke der Männer am Patscherkofel 9000 Kubikmeter Schnee von 73 Lastwagen aus dem Gschnitztal am Brenner herangekarrt. Die obere Hälfte der Piste kann mithilfe von 400 Schneerinnen präpariert werden, im unteren Teil bringen Geländelaster den Schnee zur Piste, wo sie von Soldaten mithilfe von Tragkörben verteilt werden, bis ein 20 cm dickes, äusserst kompaktes weisses Band die braun-grüne Landschaft verziert. Es braucht 500 Strohballen und 3186 Meter Staketenzaun, um die Abfahrtsstrecke der Männer, die vom Start bis ins Ziel durch eine Waldschneise führt, abzusichern.

Zwei Tote vor der Eröffnung

Noch bevor die IX. Olympischen Winterspiele am 29. Januar eröffnet werden, kommt es zu zwei tödlichen Unfällen. In Igls wird der im Weltkrieg aus Polen geflüchtete britische Rodler Kazimierz Skrzypecki – mit 54 der älteste Teilnehmer – aus der ersten Kurve geschleudert. Er landet auf einer gefrorenen Wiese und erliegt am Abend seinen Verletzungen. Im zweiten (sehr freien) Abfahrtstraining muss der Australier Ross Milne, der einen Abschnitt mit Tempo 80 rennmässig fährt, andern Trainierenden ausweichen. Er kommt von der Piste ab und prallt gegen einen Baum. Per Helikopter (eine Olympiapremiere) wird er in die Universitätsklinik geflogen. Dort kann nur noch sein Tod festgestellt werden. Todesursache: Riss der Aorta.

Weil das Gros der 27-köpfigen Schweizer Journalistendelegation (plus Agenturen und erstmals Fernsehreporter) erst zur Eröffnungsfeier anreist, schaffen es die beiden Todesfälle in den Schweizer Tageszeitungen gerade noch in die «Vermischten Meldungen». In Innsbruck aber wird darüber diskutiert, ob die Abfahrt abgesagt oder auf die Axamer Lizum verlegt werden soll, wo alle übrigen Rennen stattfinden und der Schnee mithilfe von Eisrinnen aus den Schattenhängen auf die Pisten gerutscht worden ist. FIS-Präsident Marc Hodler möchte absagen. Die Tiroler wehren sich. Die Sturzstelle sei völlig ungefährlich, hier würden sogar Schülerrennen durchgeführt. Die «Tiroler Zeitung» schreibt: «Wenn wir anfangen, die natürlichste Form des Skilaufes, den Abfahrtslauf, nach unglücklichen Zwischenfällen abzuschaffen, dann stellt dies ein Todesurteil für den gesamten alpinen Skisport dar.» Hodler muss klein beigeben.

Die Abfahrtshoffnung

60 000 Zuschauer begrüssen bei der Berg-Isel-Schanze 1350 Athleten (darunter 77 Schweizer) und 2800 Funktionäre aus 36 Ländern, Deutschland ist mit einer gemeinsamen Delegation vertreten, erstmals sind Mongolen dabei, drei Salutschüsse einer Feldhaubitzenbatterie verkünden die Ankunft des olympischen Feuers, der Rodler Paul Aste spricht den olympischen Eid. Die beiden Toten sind längst kein Thema mehr. Und die Schweizer blicken voller Hoffnung der Abfahrt der Männer entgegen. Ein erstes Erfolgserlebnis hat die Delegation bereits verbucht. Das vom Kanadier Hervé Lalonde gecoachte Eishockeyteam schlug dank Torhüter Rigolet und dem Sturm mit Diethelm, Stammbach und Parolini Norwegen mit 5:1 und qualifizierte sich für das A-Turnier.

Zu den Abfahrtsfavoriten gehört der erst 22-jährige Joos Minsch – weil er beim einzigen Test vor den Spielen in einer der beiden «Sprintabfahrten» (Siegerzeit 1:30 Minuten) in Madonna di Campiglio hinter Willy Bogner den zweiten Platz belegte; weil er im Jahr zuvor am Patscherkofel die Hauptprobe gewann (der erste Abfahrtssieg mit Metallski!); und weil er im Nonstoptraining gemäss inoffizieller Handstoppung bei den Schnellsten ist. Der Bündner zeigt ein starkes Rennen. Als er im Ziel ankommt, ist er Dritter hinter Egon Zimmermann und Léo Lacroix. Er darf von Bronze träumen, doch eine Minute später schnappt ihm der Deutsche Wolfgang Bartels diese weg – um sechs Hundertstel. Zimmermann ist Riesenslalom-Weltmeister und profitiert davon, dass nach Milnes Todessturz zusätzliche Tore die Fahrt bremsen, was den reinen Abfahrer Minsch benachteiligt.

Es ist der Anfang der ersten medaillenlosen Winterspiele der Schweizer Sportgeschichte, des Debakels von Innsbruck. Der vierte Platz tut weh. Die Medaille, die das Team hätte beflügeln sollen, wird verpasst (wie zwei Jahre zuvor bei der WM in Chamonix, wo Willy Forrer um eine halbe Sekunde an Bronze vorbei-fuhr und danach nichts mehr ging). Realistische Medaillenhoffnungen gibt es nun nur noch wenige. Die Olympiasieger von 1960, Roger Staub und Yvonne Rüegg, sind zurückgetreten, Edy Bruggmann, Willy Favre (letztlich immerhin Vierter im Riesenslalom) und Dumeng Giovanoli sind erst hoffnungsvolle Talente. Was auch für die 18-jährige Fernande Bochatay gilt, die als Neunte im Riesenslalom das beste Ergebnis im Frauenteam erzielt. Dieses – mit den Obrecht-Schwestern und Ruth Adolf – enttäuscht vor allem in der Abfahrt. Wobei der grosse Tadel nicht sie trifft, sondern die Betreuer, die sich beim Wachsen fürchterlich vergreifen. Einziger Routinier ist Dölf «Dachs» Mathys: Der 26-jährige Nidwaldner, Lauberhorn-Slalomsieger und Sportler des Jahres 1962, wird im Slalom Sechster. Im Sommer wird er zum Wildhüter des Kantons gewählt und beendet seine Karriere ohne Medaille.

Unerfüllt bleiben die wenigen übrigen Medaillenhoffnungen: Bobpilot Robert Zoller, der Sensationsweltmeister von 1957, der im Training brilliert, wird nur Zehnter, der nordische Kombinierer Wisel Kälin liegt nach dem Springen derart weit zurück, dass ihn der überlegene Sieg im Langlauf – 1:27 vor dem Zweitschnellsten – nur auf den zwölften Platz bringt. Wäre er Langlaufspezialist, so wird vorgerechnet werden, könnte er sich den «Titel» des besten Mitteleuropäers sichern.Wirklich peinlich ist anderes. Eishockeyaner und Biathleten werden zur Lachnummer. Dem Hockeyteam wird fehlende Bescheidenheit vorgeworfen, weil es sich nicht mit dem B-Turnier begnügt hat (Sieg gegen Norwegen), sich stattdessen von Kanada (0:8), Schweden (0:12) und der Sowjetunion (0:15) demütigen lässt und das Turnier sieglos mit 9:57 Toren (fünf davon beim 5:6 gegen Deutschland) beendet. Im Biathlon belegen die Schweizer vier der fünf letzten Plätze – geschlagen von den Mongolen, von denen sie einen hinter sich lassen. 53 der 80 Schüsse verfehlen das Ziel.

Die Politik greift ein

Keine Medaille beim Nachbarn. Bei den ersten Spielen, die vom Fernsehen in die Stube geliefert werden. Das Debakel zeigt Wirkung. Zwei Tage nach dem Erlöschen des Feuers sagt Bundesrat Paul Chaudet, Vorsteher des Militärdepartements, in einem Interview mit einer ausländischen Agentur: «Ein Aktionsprogramm der Sportverbände schliesst vermehrte Hilfe des Bundes keineswegs aus – die Verbände sollen entsprechende Vorschläge machen – Niederlagen lassen den Bundesrat nicht gleichgültig – der Bund ist bereit zu helfen.»Innsbruck wird zum Urknall, aus dem Schweizer Profisport entsteht.

Sorge um Tourismus und Militär

Im Nationalrat gibt es Postulate, Motionen und kleine Anfragen. Man sorgt sich um das Image des Schweizer Tourismus und der Armee (wie kann die etwas taugen bei solchen Fehlschüssen der Biathleten?), fordert «Massnahmen zur vermehrten Ertüchtigung unserer Jugend», aber auch Bundesmittel, um den Verbänden zu erlauben, «eine würdige Vertretung unseres Landes an internationalen Wettkämpfen zu erreichen». Es gibt die Erkenntnis, dass sich Spitzensport mit Beruf oder Studium nur schlecht verträgt. Aus dem Welschland ertönt sogar die Forderung nach einer Sportler-RS – nach französischem Muster. Und es stellt sich die Frage, ob es gesetzliche Grundlagen für die Sportförderung brauche oder ob die Verbände nicht von sich aus Wege finden würden – sofern sie ihre Mittel vermehrt für den Spitzensport einsetzen könnten und der Bund den Jugend- und Breitensport vermehrt fördern würde.

Chaudets Interview ist die Initialzündung für eine breite Diskussion in den Verbänden. Der Schweizerische Landesverband für Leibesübungen (SLL) und das Schweizerische Olympische Comité (SOC) bilden eine Studienkommission mit zwölf Unterkommissionen, die Grundlagen für die Förderung des Spitzensports und einer Professionalisierung der bisher ehrenamtlichen Führung schaffen sollen. Im Oktober 1965 wird der Bericht veröffentlicht. In einem ersten wichtigen Schritt wird die Eidgenössische Turn- und Sportschule (ETS) Magglingen in die Förderung des Spitzensports einbezogen. Jetzt werden dort nicht mehr nur Turnlehrer und Vorunterrichtsleiter ausgebildet. Es gibt Lehrgänge für Nationaltrainer, Spitzensportler können dort trainieren und erhalten durch das medizinische Forschungsinstitut ärztliche Betreuung.

Das Komitee und Josef Blatter

Der Bericht führt auch zur Gründung eines Gremiums, das von den mit andern Aufgaben erdrückten, aufgeblähten und bürokratischen Dachorganisationen SLL und SOC unabhängig ist. Am 25, März 1966 wird das Nationale Komitee für Elitesport vorgestellt. Dem neunköpfigen Komitee ist ein zehnköpfige Technische Kommission angegliedert mit vier Mitgliedern im Exekutivausschuss (Leitung ETS-Direktor Kaspar Wolf) und sechs Ressortchefs (Internationale Wettkämpfe, Wettkämpfe, Trainer, Trainingszentren, sportärztliche Betreuung, Presse), denen zur Behandlung von Sachfragen ein Expertenausschuss zur Verfügung steht.

Zwei Posten werden hauptamtlich besetzt. Der an der Sporthochschule in Köln ausgebildete Generalstabsmajor Ferdinand Imesch wird Technischer Leiter. Der Walliser Josef Blatter, Sekretär des Eishockeyverbands, Informations- und Pressechef. Es ist der Anfang einer Karriere, die ihn über die Longines-Zeitmessung in die Fifa führt. Und deren Ende nicht absehbar ist.

Etwas später wird das Führungsgremium reduziert. Wolf bleibt Präsident, und neben Direktor Imesch gehören ihm auch Turnerobmann Hans Möhr, Thomas Keller, der Präsident des Ruder-Weltverbandes, und Journalist Karl Erb an. Der schon fast legendäre TV-Reporter, der das Ressort Medien leitete, erzählt heute einen Witz, bei dem Blatter eine Hauptrolle spielt. Im oberen Stock des «Haus des Sport» in Bern isst Blatter ein Wurstbrot. Ein Windstoss entreisst ihm das Papier, in dem das Brot eingepackt war und lässt es auf dem Pult des SLL-Zentralsekretärs Dr. Rolf Bögli landen. Dieser stempelt es ab und legt es zur Seite. Für Erb illustriert es die Bürokratie, aus der der Spitzensport befreit werden musste.

Adolf Ogis Aufstieg

Dies passiert mit einer ganzen Reihe von unbürokratischen, den Spitzensport direkt beeinflussenden Massnahmen: Eliteausweise für Spitzensportler, Jahresrapport der Nationaltrainer, Funktionärsausbildung in Kloten, Abklärung von Berufsaussichten und Auslandaufenthalte von Athleten, Ausbau des Höhenzentrums St. Moritz im Hinblick auf die Olympischen Spiele von Mexico. Und, um den in Innsbruck beklagten «Olympiatourismus» einzudämmen, Selektionsrichtlinien für alle Sportarten.

Weitere Marksteine: 1966 wird Oscar Plattner im Radsport erster vollamtlicher vom NKES diplomierter Nationaltrainer, 1970 wird die Schweizer Sporthilfe gegründet, die bis heute 15'000 Sportler mit über 100 Millionen Franken unterstützt hat.

Besonders heftig erschüttert der Urknall den Schweizerischen Skiverband (SSV), der 1964 wie die meisten Sportverbände von einem Zentralsekretär oder, wie der SSV seit 25 Jahren von der Zentralsekretärin Elsa Roth geführt wird. Sie ist eine Tante von FIS-Präsident Marc Hodler und Erfinderin der Fis-Punkte. Nationalrat Karl Glatthard ist – als Nachfolger des späteren Bundesrats Roger Bonvin – Präsident des SSV. Sein Bruder Arnold, der Gemeindepräsident von Meiringen, empfiehlt ihm seinen initiativen Kurdirektor Adolf Ogi für den Posten des Nachwuchschefs. «Mit dem Ziel Sapporo», wie Ogi sagt. Nach der erneuten Pleite der WM von 1966 in Portillo wird Peter Baumgartner, ein Oberst der Gebirgsinfanterie, Technischer Leiter. Mit ihm weht ein Wind, der den Berglern im Team nicht passt, auch wenn er Erfolg hat und 1968 die Schweizer Alpinen in Grenoble drei Medaillen gewinnen. Baumgartner wird belächelt und – wie man heute sagen würde – gemobbt.

Machtkampf und Sapporo-Hoch

Nach Grenoble kommt es zum Machtkampf zwischen Glatthard und Baumgartner, der an einer stürmischen Delegiertenversammlung vom Präsidenten gewonnen wird. Der von ihm portierte Nachwuchschef Adolf Ogi gewinnt die Kampfwahl um den Posten des «Direktors der Kommission für Training und Wettkampf». Bei ihm laufen alle Fäden zusammen. In der «Schweizer Illustrierten» beginnt das Porträt über ihn mit dem Satz: «Sein Name wird selten in den Zeitungen stehen, sein Bild kaum je erscheinen, wenn . . .»

Der Rest, der mit der akribischen Vorbereitung der Olympischen Spiele 1972 beginnt (nach Vorgaben des NKES, wie Karl Erb betont) ist jüngere Geschichte. In Sapporo gewinnen die Schweizer viermal Gold und je dreimal Silber und Bronze. Auf den Transparenten, die Fans zu den Skirennen mitnehmen, steht «Ogis Leute siegen heute». 1987 wird der Kandersteger in die Landesregierung gewählt. Ein Jahr später in Calgary gibt es sogar je fünfmal Gold, Silber und Bronze. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2014, 17:12 Uhr

(Bild: TA-Grafik)

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