Ein Kuchen als WM-Prämie

Der 25-jährigen Zürcherin Alina Pätz blieb nach dem Triumph mit den Curlerinnen von Baden Regio in Sapporo (Jap) keine Zeit zur Entspannung.

Bei der ersten WM-Teilnahme gewann Alina Pätz gleich den Titel – obwohl sie sich beim letzten Stein gründlich verschätzt hatte. Foto: Thomas Peter (Reuters)

Bei der ersten WM-Teilnahme gewann Alina Pätz gleich den Titel – obwohl sie sich beim letzten Stein gründlich verschätzt hatte. Foto: Thomas Peter (Reuters)

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Es will einfach keine Ruhe einkehren. Am Sonntag gewannen die Curlerinnen von Baden Regio mit Skip Alina Pätz die Goldmedaille bei der Weltmeisterschaft, am Montag folgte der Heimflug von ­Sapporo – und am Dienstag? Beine hoch lagern, Gratulationen entgegennehmen? Von wegen. Das Treffen mit Alina Pätz findet in Magglingen statt, hier studiert die 25-Jährige aus Urdorf Sportmanagement. «Ich bin im Winter oft genug weg», sagt sie, «da ist es nicht schlecht, wenn ich wieder einmal vorbeischaue.» Eine Studienkollegin stand mit einem selbst gebackenen Kuchen bereit, als die Weltmeisterin pünktlich um 8 Uhr erschien. Immerhin war das frühe Aufstehen kein Problem, «der Jetlag hat geholfen».

Und der Stundenplan liess ein bisschen Zeit. Dreimal habe sie sich den ­entscheidenden Stein im Final gegen ­Kanada auf Youtube angeschaut. «Komischerweise war ich vor diesem letzten Stein gar nicht mehr nervös», sagt Pätz. Nur noch fokussiert darauf, gleich bei der ersten WM-Teilnahme den Titel zu gewinnen. Sie war sicher, dass die Abgabe perfekt war und schrie den Teamkolleginnen immer wieder zu, dass sie bloss nicht wischen sollten. «Gott sei Dank haben sie nicht auf mich gehört», sagt Pätz.

Sie kommt aus einer Curler-Familie. Der Vater betreibt den Sport seit 20 Jahren, der drei Jahre ältere Bruder Claudio wurde im Team von Adelboden 2013 ­Europameister. Andreas Schwaller, mehrfacher Medaillengewinner und jetzt Nationalcoach Elite beim Schweizer Verband, lobt das taktische Niveau und die hohe Entscheidungsfreudigkeit, «Alina studiert nicht lange herum und hinterfragt nicht alles». Sie selbst sagt, sie würde ­generell dem Bauchgefühl folgen und spontan entscheiden. «Ich spiele auch sehr gerne offensiv», sagt sie. Dummerweise seien dadurch immer wieder Spiele verloren gegangen, «jetzt haben wir eine gute Mischung gefunden».

Rücksichtslos – «so muss es sein»

Als Pätz in Magglingen ihren Espresso trinkt, kommen zufällig Hippolyt Kempf und Ralph Stöckli ins Café. Kempf, ­Kombinations-Olympiasieger von 1988, ist ihr Dozent. Stöckli, mehrfacher Medaillengewinner im Curling, ist mittlerweile Chef Leistungssport bei Swiss-Olympic. «Es ist toll, dass wir hier die Möglichkeit haben, mit solchen Leuten zu diskutieren», sagt Pätz. In Ehrfurcht erstarrt sie nicht.

Der Weg von Baden Regio soll nach Pyeongchang 2018 führen. Als Ersatz im Team von Mirjam Ott hat Pätz in Sotschi olympische Erfahrung machen dürfen. «Dieses Erlebnis war in jeder Beziehung enorm wertvoll.» Als Luzia Ebnöther aus beruflichen Gründen das Team nicht mehr als Coach begleiten konnte, übernahm Ott. Baden Regio konnte damit von beiden grossen Schweizer Skips der vergangenen Jahre profitieren, beide waren starke Leaderinnen. Ott wurde gar eine gewisse Rücksichtslosigkeit ­zugeschrieben, wenn es um den Erfolg geht. Pätz widerspricht nicht, sie sagt: «Ich glaube schon, dass ich ähnlich bin. So muss es auch sein.»

Was nicht heisst, dass das Team nicht als solches funktioniert. Im Gegenteil, für Andreas Schwaller ist es gerade ein wichtiges Puzzleteil zum Erfolgsbild, «dass die vier wirklich Freundinnen sind». Sie unternehmen auch neben dem Eis viel gemeinsam. Ihr Weg im Rink ist jetzt bereits erstaunlich. Vor einem Jahr sammelten sie noch Geld auf der Crowdfunding-Plattform «I believe in You». «Das war eine tolle Erfahrung», sagt Pätz, «etliche Leute, die uns damals unterstützt ­haben, tun das bis heute.»

Das hohe Niveau hilft

Die finanzielle Situation hat sich dank einiger guter Partner entspannt, von ihrem Sport leben können sie aber nicht. Sollte es mit der Teilnahme an Olympia 2018 klappen, wäre ein Profijahr davor allerdings schon erwünscht. Nur müssen sie sich dafür erst national durch­setzen. Dreimal wurde der WM-Titel in den vergangenen vier Jahren gewonnen, von drei verschiedenen Teams. «Das hohe Niveau in der Schweiz hilft uns», sagt Pätz, «wir müssen uns immer weiter­entwickeln.»

Zwei Turniere stehen noch an, erst geht es nächste Woche zum Einladungsevent der 12 weltbesten Teams nach ­Toronto, der Heimat der Finalgegne­rinnen. Nach dem Saisonabschluss in St. Gallen wird sich Pätz einmal zwei­einhalb Stunden Zeit nehmen. «Denn irgendwann», sagt sie, «möchte ich schon den ganzen Final von Sapporo sehen.»

Erstellt: 24.03.2015, 22:33 Uhr

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