Ein Leben auf der Kante

Mit Jake Burton Carpenter verliert der Snowboard-Sport einen seiner grössten Fürsprecher und Fans. Zuletzt wohnte der 65-Jährige zusammen mit seiner Frau in Zürich.

Der Snowboard-Pionier ist am Mittwoch verstorben. (Video: Tamedia)

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Ein Chef eines Millionenunternehmens, der sich als Frau verkleidet und im Bikini posiert: Gewöhnlich reicht das in der heutigen Medienwelt für einen Skandal. Nicht im Fall von Jake Burton Carpenter. Das Foto ist primär Beweis dafür, wie ernst sich der Gründer von Burton Snowboards nahm – oder eben nicht nahm. Zu Halloween stellte der 65-Jährige Ende Oktober ein Foto von sich online, auf dem er sich wie das Bikini-Model auf dem Titel des Magazins «Sports Illustrated» in Pose geworfen hatte.

Drei Wochen später ist Burton tot. Er starb am Mittwoch überraschend an den Folgen von Hodenkrebs, erst zwei Wochen zuvor hatte er die erneute Krebserkrankung publik gemacht. Deshalb waren er und seine Frau Donna Carpenter in die USA zurückgekehrt, nachdem sie Anfang 2019 Zürich zu ihrem temporären Wohnsitz gemacht hatten.

Die Stadt genossen die Carpenters sehr: Auf ihrer Dachterrasse im Seefeld-Quartier mit Seeblick und auch im See, den Burton Carpenter diesen Sommer gleich mehrfach schwimmend querte. Der Umzug in die Schweiz hatte zwei Gründe gehabt: Die Carpenters waren genervt über Präsident Trump und hatten zugleich das geschäftliche Ziel, eine engere Bindung zum europäischen Snowboard-Markt herzustellen.

«Standing sideways since 1977»Firma-Slogan

Mit Jake Burton Carpenter verliert die Snowboardwelt einen ihrer wichtigsten Wegbereiter. Mit Burton schuf er 1977 eine Marke, die heute quasi synonym fürs Snowboarden steht. Davon zeugt auch Burtons simpler Slogan: «Standing sideways since 1977» - seitwärts stehend seit 1977.

Burton hatte einige Jahre zuvor Gefallen am Snurfer gefunden, einem besseren Wasserski ohne Bindung, mit dem man die Schneehänge hinuntergleiten konnte, mit einem an der Boardspitze angebrachten Seil steuernd. Doch während die Snurfer-Produzenten das Gerät eher als Spassobjekt im Stil eines Hula-Hoop-Reifens sahen, erkannte Burton das Potenzial des neuen Fahrgefühls – und begann in der heimischen Garage mit der Produktion von Snowboards. 300 produzierte er im ersten Jahr – im zweiten waren es bereits 700.

Heute, gut 40 Jahre später, beschäftigt Burton Snowboards rund 1000 Mitarbeiter. Umsätze und Absatzzahlen des Unternehmens sind nicht bekannt, da dieses immer noch im Besitz der Gründerfamilie ist. Und weiter tonangebend: Innovativ – zuletzt mit einer neuen Step-in-Bindung – wie auch sportlich. Die Halfpipe-Olympiasieger von 2018 in Pyeongchang, Chloe Kim und Shaun White, gewannen ihre Goldmedaillen beide auf Snowboards von Burton.

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My heart goes out to Donna and the entire Burton family on Jake’s passing. He’s the father of snowboarding, an incredible man and I’m honored to call him my friend... Words cannot capture how grateful I am to Jake. He's been such an instrumental figure in my life and career. He believed in me at a very early age, and put so much of himself along with the Burton brand behind me. Jake supported me in every way possible. We shared a lot of incredible moments, but one moment at the last winter Olympics meant the world to me ... Jake embraced me and told me how proud he was of me and my career, and I’ll never forget that. I will do what I can to help carry his legacy forward. Jake helped pave the way for snowboarders across the world to pursue their dreams, and his impact on snowboarding will live on in all of us. Ride on Jake ??????????#snowboarding

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Jake Burton Carpenters Antrieb war stets die Liebe zum Sport, zum Hochgefühl auf dem Snowboard. Sein erklärtes Ziel war es, an mindestens 100 Tagen im Jahr auf dem Board zu stehen und die Berge hinunterzugleiten. Das schaffte er bis zuletzt, auch nach ersten gesundheitlichen Schicksalsschlägen: Nachdem er 2011 eine erste Krebserkrankung überstanden hatte, wurde bei ihm 2015 die Autoimmunerkrankung Miller-Fisher-Syndrom diagnostiziert. Ein halbes Jahr lang lag Burton gelähmt im Bett, intubiert und künstlich beatmet. Doch er erholte sich und schaffte zuletzt wieder seine 100 Schneetage.

Anfang Oktober postete er letztmals ein Foto von einem Tag auf dem Board auf Instagram. An jenem Tag hatten er und Donna in den Niederlanden gleich zwei Indoor-Pisten ausprobiert. «So viel Spass», schrieb er darunter. Vor zwei Jahren hatte er in einem Interview mit dieser Zeitung darüber gesprochen, was die schweren Krankheiten bei ihm ausgelöst hatten: «Sie haben mich gelehrt, jede Minute des Lebens zu schätzen.»

In der Nachricht, in der Burton-CEO John Lacy am Donnerstag die Mitarbeiter vom Tod des Firmengründers unterrichtete, schrieb dieser: «Ich ermutige euch dazu, das zu tun, was auch Jake getan hätte: Für ihn ein paar Kurven zu ziehen.» Das Skigebiet am US-Hauptsitz von Burton eröffnet dieses Wochenende die Wintersaison.

Erstellt: 22.11.2019, 12:22 Uhr

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