Ein Massage-Bunker und Schanzenflop

Das kleine Tschierv ist bereit für den heutigen Sprint, musste für Colognas Heimauftritt aber kreativ sein.

Die Tour de Ski mit der ganzen Infrastruktur ist Gast im Münstertal: Der Wettkampfplatz in Tschierv. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Die Tour de Ski mit der ganzen Infrastruktur ist Gast im Münstertal: Der Wettkampfplatz in Tschierv. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Die Tschierver waren ganz schön mutig: Als Erste versicherten sie der FIS, dass sie ihre Etappe dieser 9. Tour de Ski würden durchführen können. Das war vor drei Wochen. Schnee hatte es damals keinen im Val Müstair. Und wer sich kurz vor dem wichtigsten Anlass für die Münstertaler ein wenig in Tschierv umschaut, sieht auch jetzt kaum welchen – ausser auf den Berggipfeln und einem Flecken oberhalb des Dörfchens.

Genau auf diesem Flecken wird heute dank Kunstschnee der Skatingsprint stattfinden. Denn es war im Münstertal in den vergangenen Tagen immerhin kalt genug, dass die Kanonen arbeiten konnten. «Das wäre noch gewesen, wenn wir auf dieser Höhe keine soliden Minusgrade gehabt hätten», sagt Arno Lamprecht mit einem Schmunzeln.

Lamprecht ist der Gemeindepräsident des Tals mit seinen 1500 Einwohnern und OK-Vizepräsident der Schweizer Etappe. Er kennt das Wetter also und kann darum auch, ohne zu zögern, sagen, wann es letztmals so schneelos aussah: vor 13 Jahren. Normal ist die Situation für die Talschaft folglich nicht.

Die Vorzüge einer Turnhalle

Doch diese ist flexibel. Darum baute sie auf Geheiss der FIS einen kleinen Sprung in den Parcours. Diesen aber fanden die Teams kein bisschen passend, zumal es zuletzt im Münstertal geregnet hatte und deshalb so manche Stelle der Strecke vereiste. Also plafonierte man den Minisprung wieder, was für die Einheimischen im Vergleich zur Veranstaltung dieser Touretappe ein Kleines war.

Schliesslich fehlt der Platz für einen Anlass dieser Grösse in Tschierv an allen Ecken und Enden. Deshalb müssen die Organisatoren kreativ mit dem Vorhandenen umgehen. Die Turnhalle dient als Pressezentrum, Saal für Pressekonferenzen und Verpflegungsraum, der Freiluftturnplatz davor als Parkplatz für die grossen Servicetrucks der Teams. Selbst die angehängte Zivilschutzanlage – das Schweizer Militär nutzt sie als Bunker – zählt zur Infrastruktur: Die Athleten und Betreuer können sich darin verpflegen; auch drei Massageräume sind integriert. Ein roter Filzteppich soll wenigstens für ein bisschen heimelige Atmosphäre im Beton sorgen.

750'000 Franken beträgt das Budget der Münstertaler. 260'000 davon stammen von der öffentlichen Hand – rund 100'000 von Swiss-Ski. Den Rest brachten Private auf. «Ein Selbstläufer ist der Anlass keineswegs», sagt OK-Präsident Alfred Lingg. «Wir haben uns ordentlich um das Geld bemühen müssen.» Lingg, mit seiner Bodenbelagsfirma der grösste Arbeitgeber im Tal und einstige Fussballtrainer Colognas, lebt die Internationalität der Veranstalter vor: Er stammt von ennet der Grenze aus dem Vinschgau und trägt ebenso tatkräftig zu ­diesem Schweizer Projekt bei wie zahlreiche Gönner aus dem Südtirol – darunter auch eher exotische Geldgeber wie der «Verein Südtiroler Ritterspiele».

Colognas Heimvorteil

Diesen Schulterschluss wissen die ­berühmtesten Söhne des Münstertals ­natürlich zu schätzen: Dario und Gianluca Cologna. Zwar schnappte sich ausgerechnet Davos, der Bündner Rivale, die Werbedienste des dreifachen Olympiasiegers, weshalb man nun mit dem «kleinen Cologna» für die Schönheit des Tals wirbt. Gestern aber schwärmten sie gemeinsam von der Heimat – und wussten als Insider auch, wo sie genügend Schnee zu einem lockeren Training fanden: in Minschuns beim Ofenpass.

Für Dario Cologna geht es heute darum, erstmals in der Saison einen Sprintprolog zu überstehen. Ansonsten würde er in der Tour-Gesamtwertung wohl schon vorentscheidend viele ­Sekunden auf die Besten einbüssen. Der Sprintsieger erhält 60 Bonussekunden. «Dieses Rennen wird wichtig sein für mich», sagte er. Trotzdem zog er es vor, nicht im Haus der Eltern in Tschierv zu schlafen. «Die Mutter ist krank», sagte er dazu trocken.

Erstellt: 05.01.2015, 22:36 Uhr

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