Erfahrung hilft in der Enttäuschung

Für Simon Ammann beginnt die Vierschanzentournee heute in Garmisch neu. Er muss zeigen, wie gut er den Sturz von Oberstdorf verarbeitet hat.

Geht mit neuen Zielen an den Start: Simon Ammann. Foto: Keystone

Geht mit neuen Zielen an den Start: Simon Ammann. Foto: Keystone

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Der Tag danach. Simon Ammann zieht sich zurück, will seine Ruhe haben, ­umgibt sich nur mit seinem engsten sportlichen Umfeld. Der Sturz beim Auftaktspringen in Oberstdorf hat ihn sämtlicher Chancen auf den Gesamtsieg bei der 63. Vierschanzentournee beraubt. Der Toggenburger machte sich mit Chefcoach Martin Künzle an die Videoanalyse, am Nachmittag war er in der Turnhalle, ansonsten ging es vor allem darum, nach vorne zu schauen.

«Im ersten Moment bin ich furchtbar erschrocken», sagt Berni Schödler. Der Chef Skisprung im Schweizer Verband erlebte den Sturz an der Schanze, war dann aber vor allem froh, dass Ammann nichts Schlimmeres passiert ist. «Das ­Positive», sagt Schödler: «Simon ist unverletzt ­geblieben.» Wie Künzle hat Schödler einen kleinen technischen Fehler gesehen, der führte beim vielen Neuschnee letztlich zum Sturz. «Beim Moment der Landung war Simon in einer sehr guten Position, er hatte genügend Druck auf dem Ski», sagt Künzle. Dann sei Amman mit dem Oberkörper nach vorne gekippt und habe so die Balance verloren.

Schweizer Sturzpiloten

Was auffällt: Wie Amman erging es in den letzten zwei Tagen seinen jüngeren Teamkollegen Marco Grigoli und Luca Egloff – sie stürzten beim Continentalcup in Engelberg. «Das ist eine Verkettung unglücklicher Zufälle», sagt Künzle und verweist auf die technischen Fehler, die jeweils Ursache waren. Sportchef Schödler hingegen ist sich nicht sicher, ob nicht doch ein Muster zu erkennen ist. Er sagt: «Wir müssen uns das ­anschauen, seit ein paar Tagen erst springen wir in den Wettkämpfen auf Neuschnee, und diese Bedingungen hatten wir wegen des Wetters auch in der Vorbereitung fast nie.» Gerade Grigoli habe genau den gleichen Sturz erlebt wie Ammann. Das zeigt schon, welches Glück der Teamleader in Oberstdorf hatte: ­Grigoli erlitt einen Bänderriss und einen Trümmerbruch im Fuss. Für ihn ist die Saison beendet.

Für Ammann geht sie mit dem Tourneespringen in Garmisch weiter. Heute stehen Training und Qualifikation an, morgen folgt das traditionelle Neujahrsspringen. Hier verlor Ammann im vergangenen Jahr nach seinem Sieg in Oberstdorf letztlich die Tournee. ­Aber darum geht es nicht mehr. «Simon wird sich jetzt auf neue Ziele konzentrieren», ist Künzle überzeugt. Schon gestern Vormittag erlebte er den Springer wesentlich lockerer als am Vorabend.

Auch der Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann sagt: «Simon ist erfahren ­genug, um dieses Erlebnis verarbeiten zu können.» Gubelmann, der jahrelang eng mit Ammann zusammengearbeitet hat, war selbst nicht vor Ort. Er war beim Continentalcup in Engelberg, «weil wir entschieden haben, dass ich mich vor ­allem um die jüngeren Springer kümmere.» Das Nachwuchstrio Gregor Deschwanden, Kilian Peier und Egloff greift mit dem Wettkampf in Garmisch in die Tournee ein. «Das sind aufgestellte Burschen», sagt Schödler, «sie werden Simon helfen, das ist jetzt auch ein Teil ihrer Aufgabe.»

Der Weg des Angriffs

Ammann wird diese Auffrischung im Team schätzen, und er wird weiter seinen Weg gehen: den des Angriffs. Es war immer schon die Art des vierfachen Olympiasiegers, jeden Sprung bis aufs Letzte auszureizen. So war es auch in Oberstdorf. «Die erste Flugphase erwischte Simon nicht optimal», analysiert Künzle. «Er wusste, dass ihm unten ein paar Meter auf die 138er-Marke fehlen, um ganz vorne mit dabei zu sein.» Deshalb habe er versucht, wirklich alles aus diesem Sprung herauszuholen. War es ein Quäntchen zu viel? Vielleicht, aber mit seiner Art kam Ammann zu seinen grossen Erfolgen. Der deutsche Trainer Werner Schuster hätte am Montag viel gegeben, wenn seine Springer ein bisschen mehr von Ammanns Wagemut gehabt hätten. Freund, Freitag und die anderen DSV-Athleten ergingen sich aber im Zögern und Zaudern und trieben ­ihren Chef damit zur Weissglut.

Der Gesamtsieg hat sich also für Ammann auch bei der 17. Tourneeteilnahme erledigt. Er war aber schlau genug und hat auch gar nicht davon geredet, sondern sich andere Ziele gesetzt. Er wolle, hatte Ammann vergangene Woche gesagt, endlich einmal ein Skispringen in Österreich gewinnen. Clever, clever. Diesen Wunsch kann er sich in Innsbruck und Bischofshofen immer noch erfüllen.

Erstellt: 30.12.2014, 23:23 Uhr

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