«Es ist Rennsport, man kann den Berg nicht flach machen»

Nach dem Tod von David Poisson spricht der frühere Abfahrer Marco Büchel über Risiken im Ski-Rennsport und Angstsituationen in seiner Karriere.

«Man kann den Berg nicht flach machen»: Marco Büchel zur Risikodebatte im Skisport.

«Man kann den Berg nicht flach machen»: Marco Büchel zur Risikodebatte im Skisport. Bild: Keystone

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Mit Bestürzung hat die Sportwelt vom Tod des französischen Skifahrers David Poisson Kenntnis genommen. Der 35-Jährige hat gemäss Informationen des französischen Skiverbands kurz vor dem Ziel einen Ski verloren und ist durch zwei Fangnetze hindurch mit rund 100 Stundenkilometern in einen Baum gefahren. Auch Marco Büchel musste zu Aktivzeiten den Tod eines Rennkollegen verkraften. 1991, als der Liechtensteiner in Garmisch-Partenkirchen sein allererstes Rennen bestritt, starb kurz zuvor am Lauberhorn der Österreicher Gernot Reinstadler. Bis zu seinem Rücktritt 2010 hat der heute 46-jährige Büchel im Weltcup 299 weitere Rennen bestritten, holte vier Siege, dazu WM-Silber und war an sechs Olympischen Winterspielen dabei.

Woran mussten Sie als Erstes denken, als Sie vom Unfall Poissons erfahren haben?

Ich war schockiert. Dann gingen die Gedanken zu den Teamkollegen. Es gibt im Weltcup nicht viele Teams, die einen grösseren Zusammenhalt haben als die Franzosen. Das ist unglaublich schwierig für jeden von ihnen jetzt, und ich möchte mir auch nicht anmassen, das wirklich zu beschreiben, da mir so etwas zum Glück nie passiert ist.

Ein solcher Unfall hinterlässt auch verunsicherte Rennfahrer im Starthaus.

Dass es jetzt Athleten gibt, die auf den Start verzichten, ist absolut verständlich. Jeder muss das für sich alleine beurteilen. Schwere Stürze sind immer ein grosses Thema unter allen Fahrern, das habe ich erlebt.

Sie sprechen den Sturz von Daniel Albrecht 2009 in Kitzbühel an, nach welchem er wochenlang im Koma lag und nicht mehr wieder in die Spur zurückfand.

Damals musste ich zwei Startnummern nach Dani raus, das war unglaublich schwierig. Oben im Starthaus war noch nicht viel bekannt, aber als Rennfahrer willst du in so einer Situation zwei Sachen wissen: Ist dem Fahrer ein Fehler unterlaufen? Wenn ja, an welcher Stelle? Alles andere musst du ausblenden. Das ist Selbstschutz, du musst als Rennfahrer einen gewissen Egoismus an den Tag legen.

Ist Ihnen das immer geglückt?

Nein. Damals in Kitzbühel bin ich nach Albrechts Sturz Super-G und die Abfahrt gefahren – es waren keine Top-Leistungen. Auch nach dem Sturz von Silvano Beltrametti (sitzt seit seinem Sturz 2001 im Rollstuhl/die Red.) war ich gehemmt. Und als 2009 mein Freund Ueli Gegenschatz (bekannter Schweizer Basejumper/die Red.) verstorben ist, war ich für eine lange Zeit nicht bei der Sache.

Wie lange begleitet einen ein solches Ereignis?

Lang, sehr lang. Eigentlich so lange, bis man selber wieder bereit ist, diese Risiken einzugehen. Auch aus diesem Grund habe ich mir während meiner Karriere nie Stürze, sondern vor allem Ideallinien auf Video angesehen.

Aber man ist sich bewusst, welche Risiken man in Kauf nimmt?

Als Skirennfahrer unterschreibst du gedanklich, dass es Stürze geben kann, dass eine Sehne reissen, ein Knochen brechen kann. Aber du nimmst keine Folgen wie den Tod, eine Querschnittlähmung, eine Beinamputation in Kauf. Das ist ausserordentlich, das wirft jeden aus der Bahn.

So auch der schwere Unfall von Matthias Lanzinger, der sich 2008 nach einem schweren Sturz den linken Unterschenkel amputieren lassen musste.

Auch so etwas beschäftigt dich lange, ja. All diese Unfälle sind tragisch. Aber daraus jetzt die Risikodebatte neu zu lancieren, fände ich falsch.

Warum?

Weil die Risikofaktoren im Skisport immer wieder überdacht worden sind, es ist viel getan worden, bezüglich Material, bezüglich Vorschriften. Aber es ist Rennsport, man kann den Berg nicht flach machen.

Aber es passiert verhältnismässig wenig, wenn man bedenkt, dass hier Menschen in dünner Schutzkleidung mit 120 km/h einen Hang hinunterfahren?

Ich finde schon, ja. Und obwohl die Athleten für den Sieg, für erfolgreiches Profitum ans Limit gehen müssen, muss man bedenken: Mit Vorbehalten, mit Zögern ist Skirennsport noch gefährlicher.

Wie beurteilen Sie die Strecke in Nakiska, auf der David Poisson ums Leben kam?

Sie ist schwierig. Ich bin dort auch schon im Wald gelandet und habe mir eine Rippe gebrochen. Im Training gelten natürlich andere Sicherheitsvorschriften als im Rennen. Aber ich kenne die Details zu wenig, um da eine Analyse abzugeben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2017, 16:13 Uhr

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