Exploit mit Schnee

Nathalie von Siebenthal wird 6. in einem turbulenten Rennen über 10 km Skating. Mit Seraina Boner (9.) sorgt sie für das beste WM-Ergebnis von Schweizerinnen.

Inmitten der Weltspitze: Die Landwirtin Nathalie von Siebenthal. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Inmitten der Weltspitze: Die Landwirtin Nathalie von Siebenthal. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Wenn Frau Holle unerwartet ihre Fenster öffnet, können Langlaufrennen zum Startnummern-Spektakel mutieren. Gestern war bei den Frauen über 10 km Skating ein solcher WM-Sonderfall. Zu den Glücklichen zählten die Schweizerinnen Nathalie von Siebenthal und Seraina Boner. Mit ihren tiefen Nummern durften sie früh in den Wettkampf und kamen noch bei leichtem Schneefall ins Ziel. Dann begann es mehr zu schneien und die Spur zu verkleben. Einzig der Servicemann der schwedischen Mitfavoritin Charlotte Kalla entschied sich wenige Minuten vor ihrem Start dann für das richtige Modell. Vor entsprechend frenetischen Zuschauern sicherte sie der Heimequipe überlegen das erste Gold. Sämtliche Norwegerinnen hingegen fielen ab.

Das Spezialrennen endete mit zwei Amerikanerinnen auf dem Podest. Während Jessica Diggins (2.) immerhin Team-Sprintweltmeisterin von 2013 und damit eine Grösse ist, weist Caitlin Gregg (3.) gerade einmal 24 Weltcup-Einsätze auf. Sie ist mit ihren 34 Jahren noch zu einem absolut unerwarteten Medaillengewinn gekommen.

Die besonderen Rennumstände erklären, warum sich Seraina Boner nach ihrem neunten Rang ärgerte. Die Bündnerin, eine der weltbesten Langdistanzathletinnen, büsste als Neunte bloss 20 Sekunden auf den Bronzeplatz ein. Die 32-Jährige wusste im Nachhinein, dass sie ihre einzige realistische Chance verpasst hat, an Welttitelkämpfen je in die Top 3 zu laufen.

Von Siebenthal, die gelernte Bäuerin

Glücklich war hingegen ihre Teamkollegin Nathalie von Siebenthal. Als Sechste – 12 Sekunden hinter dem Bronzeplatz – klassierte sich die Saisonaufsteigerin inmitten der Besten. Entsprechend flossen die Tränen bei ihr. Die 21-jährige Berner Oberländerin hat eine spannende Biografie. Schliesslich wuchs sie zusammen mit sechs ­Geschwistern auf einem Bauernhof ob Gstaad auf und wird mehrheitlich von ihrem Vater ­gecoacht. Auch als Wachser hilft er der Tochter.

Die Sommer verbringt von Siebenthal jeweils auf der Familien-Alp in Marnex bei Les Diablerets auf 1750 m – mit 100 Kühen. Denn von Siebenthal ist nicht nur Bauerntochter, sondern gelernte Bäuerin. Die Lehre durfte sie bei den Eltern absolvieren, weil sie schon als Teenager rasant langlaufen konnte. Darum drückte der Berufsverband bei ihr ein Auge zu. Kontakte zu Swiss-Ski bestanden lange kaum welche, was sie nach ihrem ersten Weltcuppunkt von Ende Dezember in Davos noch zur kecken Aussage verleitete: «Die frage ich nicht um Rat.» Inzwischen hat sie gelernt, das Herz nicht immer auf der Zunge zu tragen, wenn Journalisten vor ihr stehen.

Von den Eltern angestellt

Von Siebenthal ist zu 50 Prozent bei den Eltern angestellt, lebt und arbeitet auf dem Familienhof. Auf zehn Trainingsstunden pro Woche kam sie im Sommer und damit auf weniger als die Hälfte der Weltbesten. Trotzdem gewann sie vor rund zwei Wochen an der U-23-WM in Almaty den Titel im Skiathlon (und Bronze über 10 km Skating). Die 1,58 m kleine und zierliche von Siebenthal ist folglich das, was man im Sportjargon einen «ungeschliffenen Diamanten» nennt.

Mindestens so sehr wie ihre schnellen und ausdauernden Beine und Arme interessierte die bisherigen Porträtisten ihr ­Beruf. Der Boulevard liess sie mit ihren Lieblingskälbchen fotografieren, die NZZ titelte während ihrer ersten Teilnahme an der Tour de Ski in diesem Jahr «Eine Bäuerin – jung und schnell». Und das Branchenmagazin «Schweizer Bauer» nutzte ihren Aufstieg zum Dossier «Sportler ab Hof».

Die Freude am Bauernstand

Die Schlagzeilen offenbaren die (journalistische) Freude an diesem schwindenden, aber traditionsreichen Beruf. Denn wäre von Siebenthal Lehrerin, Krankenschwester oder Sportartikelverkäuferin, ihr Hintergrund wäre ungleich uninteressanter. Dabei sorgt sie auch als Langläuferin für willkommene Schlagzeilen. Schweizerinnen von Weltcup­format existierten zuletzt keine mehr. Ein Cologna-Effekt liess sich zumindest bei den Mädchen nicht ausmachen.

Die drängendsten Fragen um Nathalie von Siebenthal werden darum sein, wie sie mit ihrer neuen, ungewohnten Rolle umzugehen lernt – und ob sie ihr familiäres Umfeld beibehält, damit aber weiterhin eine sportliche Einzelkämpferin bleibt. Nicht darum herumkommen wird sie jedoch, ihr Trainingspensum sukzessive zu steigern, will sie sich im Weltcup mittelfristig durchsetzen. Denn solche Wetterumschwünge wie gestern Nachmittag in Falun mögen zu verblüffenden Ergebnissen führen, sie werden aber bleiben, was sie schon immer ­waren: Ausnahmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2015, 21:43 Uhr

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