Grossverdiener Skifahrer? Von wegen!

Adelboden, Wengen, Kitzbühel: Bei den Klassikern geht es um Geld und Ruhm. Allerdings nur für die wenigsten. Der gewöhnliche Athlet sorgt sich um seine Zukunft.

Für den Grossteil im riesigen Athletenfeld sind fürstliche Preisgelder in weiter Ferne. Illustration: Viviane Futterknecht

Für den Grossteil im riesigen Athletenfeld sind fürstliche Preisgelder in weiter Ferne. Illustration: Viviane Futterknecht

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Jetzt sind sie da, die fetten ­Wochen für die Skirennfahrer. Adelboden, Wengen, Kitzbühel: Millionen Zuschauer an den ­Bildschirmen und den Strecken, Spektakel, Geldregen. Die Sieger im Berner Oberland kassieren 45'000 Franken, die Abfahrts- und Slalomsieger in Kitzbühel 85'000 Franken. Fürstliches Entgelt für zwei Minuten im Scheinwerferlicht.

Nur: Für den Grossteil im riesigen Athletenfeld ist diese Welt weit weg. Dort geht es nicht darum, möglichst viel zu verdienen, sondern schlicht darum, irgendwie durchzukommen. Man sorgt sich um die Zukunft, seine Zeit nach der Karriere, denkt an den Rücktritt. Kombinationsweltmeister Luca Aerni sagt: «Ich kenne einige, die aufhörten, weil sie kein Geld verdienten.»

Eigentlichen Lohn beziehen Skifahrer nicht, Haupteinnahmequellen sind Kopfsponsoren, Skifirmen und eben das Preisgeld. Damit leben wenige sehr gut – und viele gerade so. Richtig prekär kann es bei einer Verletzung werden, dann geht es nicht ­selten um Existenzielles. Die Partner bezahlen meist nur noch einen kleinen Teil des abgemachten Fixbetrages, oft nur 20 Prozent, Prämien und Preisgelder ent­fallen.

Gefordert wäre vor allem die FIS. Aber eine klare ­Strategie lässt der Weltverband vermissen.

Niels Hintermann, Sieger der Kombination von Wengen 2017, sagte dieser Zeitung jüngst, er habe während seiner eineinhalbjährigen Verletzungspause weitgehend auf Fleisch verzichten müssen. Sein Kopfsponsor war abgesprungen. Eine Versicherung, die die Ausfälle deckt, wäre unbezahlbar.

Keiner versichert die Fahrer

Riesenslalomspezialist Justin Murisier, der zurzeit wieder ­einmal an einer Knieverletzung laboriert, sagt: «Swiss-Ski hat zwar eine Versicherung als Partner. Wir müssen deutlich weniger Prämien bezahlen und erhalten im Verletzungsfall ein Taggeld. Aber das ist nicht genug zum ­Leben.» In der Schweiz gebe es keine andere Firma, die einen Skifahrer versichern würde. Deshalb suchten viele Athleten in England oder Deutschland nach Alternativen. Das tat auch Murisier. «Aber», sagt er, «weil ich schon so oft am Knie verletzt war, wurde eine solche Verletzung aus dem Vertrag ausgeschlossen.» Sprich: Derzeit nützt ihm diese Zusatzversicherung nichts.

Wäre er gesund, ginge es ihm finanziell zwar besser, er hätte die Hälfte des Jahres kaum Kosten, weil der Verband die Auslagen für Athleten ab dem C-Kader, der tiefsten Stufe, trägt. Nur: Richtig gut geht es den wenigsten. Das hat auch mit dem Preisgeld zu tun.

Wer an diesem Wochenende in Adelboden oder kommende Woche in Wengen Zehnter wird, tritt die Heimreise mit 1800 Franken an, für den Dreissigsten gibts noch 500 Franken. Vorgeschrieben vom internationalen Skiverband FIS ist ein Minimum von insgesamt 120'000 Franken pro Rennen, das auf die ersten dreissig Fahrer verteilt wird. Viel zu wenig, heisst es von Athleten und Verbänden. Nur tragen ­diese Kosten die Organisatoren, und kleinere bringt schon diese ­Summe in Nöte.

Richtig prekär kann eine ­Verletzung sein. Dann geht es nicht selten um ­Existenzielles.

Beim Abfahrtsklassiker in Wengen wird das Minimum ausbezahlt, in Kitzbühel sind es rund 230'000 Franken. «Immerhin», sagt Patrick Küng, der Abfahrtsweltmeister von 2015, «aber die setzen ja auch Millionen um.» Er rechnet vor: «Neun Abfahrten, neunmal Zehnter, vielleicht gibt das knapp 15'000 Franken.» Er fragt: «Was soll mir das bringen?» Derzeit ist der Glarner erst noch oft so weit weg von einem Top-10-Platz, dass sein Preisgeld gegen null tendiert. Im gesamten letzten Winter verdiente er 4420 Franken.

Nun mag das Preisgeld nicht die Haupteinkunft eines Skirennfahrers sein, aber es wird immer wichtiger, weil Sponsoren je länger, desto schwerer zu finden sind und die Skihersteller bei weitem nicht mehr so viel bezahlen wie einst. «Die goldenen Zeiten sind längst vorbei», sagt Markus Wolf, Geschäftsführer des Schweizer Skiverbandes Swiss-Ski. «In den 80er-Jahren haben selbst B-Kader-Athleten Verträge unterzeichnet, die heute für Fahrer des Nationalteams unvorstellbar wären.»

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Mittlerweile verdienen nur noch die Besten gut. 200'000 Franken würde er von seinem Ausrüster erhalten, wäre er die Nummer 1 in seiner Disziplin, sagt ein Athlet. «Weil ich dann auch ein paar Rennen gewonnen hätte, kämen noch einmal etwa 200'000 an Prämien dazu.» 400'000 Franken pro Jahr allein von der Skifirma: Davon kann ein Durchschnittsathlet nur träumen.

1 Million auf dem Kopf

Ein gewöhnlicher Top-30-Fahrer ­erhält einzig das Material zur Verfügung gestellt. Manch einer kann mit 10'000 bis 30'000 ­zusätzlichen Franken pro Jahr rechnen. Zum Grossverdiener macht ihn auch das nicht.

Deshalb wandert der Fokus der Sportler vermehrt zum Individualsponsor, der auf dem Helm auf 50 Quadratzentimetern werben darf. Üblicherweise bezahlen Firmen dafür einen mittleren bis hohen fünfstelligen Betrag, die Krösusse des Skisports ­dürften damit aber gegen eine Million Franken verdienen.

Die Grösse der Fläche hat die FIS festgelegt. Wie sie mit dieser umgehen, ist aber den nationalen Verbänden überlassen. Diese Diskussion wird mitunter gehässig geführt. In Norwegen beschreitet Toptechniker Henrik Kristoffersen den Gerichtsweg, weil ihm der norwegische Verband die Präsenz eines eigenen Sponsors auf dem Helm untersagt.

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Schweizer Athleten haben diese Erlaubnis zwar, Gesprächsbedarf gibt es aber auch hier. Etwa für Murisier. Er hat zwei Unternehmen, die für ihn werben. Weil die Fläche derart klein ist, müssen sich diese aber abwechseln – und Murisier fehlt Einkommen. «Es muss endlich der ganze Helm freigegeben werden», fordert er. «Fussball, Formel 1, MotoGP, Eishockey: Überall hat es Massen von Sponsoren, nur bei uns wird das derart eingeschränkt.» Gian Franco Kasper, Präsident der FIS, winkt ab. Er sagt: «Wir halten an der Grösse der Fläche fest.»

Doch die Schweizer Fahrer diskutieren nicht nur mit dem internationalen, sondern auch mit dem eigenen Verband. Immer wieder werden Stimmen laut, die sich darüber beschweren, dass dieser mit seinen Sponsoren ganze Branchenfelder sperrt. «Die Einschränkungen sind krass», sagt Slalomfahrer Marc Rochat. Versicherungen, Banken, Automarken, Energieversorger, Telekommunikationsunternehmen – alles ist belegt und darf nicht von Konkurrenten torpediert werden.

Ramon Zenhäusern, Olympiazweiter im Slalom von Pyeongchang, sagt: «Ich hatte ein Angebot des Autovermieters Avis. Ich musste es ablehnen, weil Verbandssponsor Amag eine Kooperation mit Konkurrent Europcar hat.» Geht es um diese Diskussion, spricht Swiss-Ski-Geschäftsführer Wolf von «Selbstzerfleischung». Es nütze niemandem, wenn die Verbandssponsoren ihre Branchenexklusivität aufgeben müssten. «Dann ist das Engagement beim Verband weniger wert, sinken die Einnahmen und damit die Leistungen, die Swiss-Ski für die Athleten erbringt. Die Trainings sind mit enormem Aufwand verbunden, die ganze Reiserei, die Spesen, die Unterkünfte, das Personal, all die Serviceleute – das kostet Unmengen», sagt Wolf. «Kommen immer mehr Sponsoren, wird der Kuchen nicht grösser, vielmehr nehmen sie sich gegenseitig die Aufmerksamkeit – was die Preise sinken lässt.» Er sei daher nicht interessiert an diesen «Verdrängungseffekten». Vielmehr müssten alle daran arbeiten, zusammen neue grosse Partner zu finden, die auch bereit seien, einzelne Athleten unter Vertrag zu nehmen.

20'000 Franken Abgabe

Bei Zenhäusern prangt nun das Logo von Brack.ch auf dem Helm, seit diesem Jahr Partner des Verbandes. Überhaupt werben auf den Helmen der meisten Schweizer Verbands- statt Individualsponsoren. Wolf sagt: «Firmen sind immer weniger bereit, einzelne Sportler zu unterstützen. Vielmehr sind sie an einem ­Gesamtpaket interessiert.» Das bietet nur der Verband. Er vermarktet bei Schweizer Rennen die Rechte an den Werbeflächen im TV-Bereich. Die Banden ­entlang der Piste kann er so seinen Geldgebern zur Verfügung ­stellen – und bezahlt dafür den Veranstalter. «Zusätzlich können Partner weitere Pakete erwerben, etwa auf der Kleidung, im Breitensport oder eben beim Kopfsponsoring», sagt Wolf. Es ist eine Win-win-Situation: für die Firmen und die Athleten, die keinen Geldgeber gefunden haben.

Nur gibt es auch die anderen. Wie Murisier, der für die Rechte seiner eigenen Sponsoren kämpft. Dass diese eine Abgabe an Swiss-Ski leisten müssen, versteht er nicht. Diese beträgt bis zu 20'000 Franken pro Jahr. Wolf sagt: «Als die Fläche auf dem Helm freigegeben wurde, wollte der Verband etwas dafür haben. Man kann die Sponsorenabgabe streichen oder auch die Athletengebühr von 3000 Franken. Nur könnte dann der Verband seine Dienstleistungen nicht mehr auf dem heutigen Niveau erbringen. Darunter ­leiden würde allein der Sportler.»

Mit solchen Diskussionen mag sich Wolf deshalb nicht aufhalten. Ihm geht es um das grosse Ganze, um den Skisport, um dessen Ausrichtung, um Visionen, darum, dass dieser wieder attraktiv wird für Geldgeber. Nur so könnte sich etwas ändern an der oft unbefriedigenden Situation der Skirennfahrer. Gefordert wäre also vor allem die FIS. Doch eine klare Strategie lässt diese gänzlich vermissen. Oder wie es Murisier sagt: «Alle merken, dass das Interesse schwindet. Die ­Einzigen, die es nicht merken, sind die Leute von der FIS.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.01.2019, 07:25 Uhr

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