59 gegen 80 Kilo: Wer ist schneller?

Welche Rolle das Gewicht bei den Ski-Frauen spielt.

Eine der kleinsten Abfahrerinnen im Skizirkus: Die Schweizerin Joana Hählen beim Training. Foto: Freshfocus

Eine der kleinsten Abfahrerinnen im Skizirkus: Die Schweizerin Joana Hählen beim Training. Foto: Freshfocus

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Er hat zwar in Wengen und Kitzbühel gewonnen. Aber Hannes Reichelt sagte einst: «Ich bin kein richtiger Abfahrer. Mir fehlt dazu das Bäuchlein.» Aksel Svindal meinte einmal: «Im Sommer trainiere ich hart und ernähre mich gesund. Um nicht noch mehr Kilos zu verlieren, esse ich im Winter viel Fett und Zucker.» Janica Kostelic, vor 14 Jahren Abfahrtsweltmeisterin, verriet: «Als Mädchen war ich zierlich. Aber ich merkte rasch: Will ich Erfolg haben, muss sich das ändern.» Und Lindsey Vonn erklärte: «Im Winter sollte das Kampfgewicht hoch sein, keine Frage.»

Masse gleich Klasse, viele halten es für den Grundsatz in der Abfahrt. Vor allem bei den Frauen. Marion Rolland holte WM-Gold (2013), mit knapp 80 Kilo. Maria Höfl-Riesch sicherte sich die kleine Kristallkugel (2014), mit rund 80 Kilo. Ilka Stuhec gewann die letzten beiden Weltmeistertitel, mit geschätzten 75 Kilo. Und natürlich ist da Vonn, jahrelange Dominatorin nach Belieben, Gewicht: 75 Kilo. Österreichische Trainer echauffierten sich einst gar, die Amerikanerin als übergewichtig zu bezeichnen; es war ein erbärmlicher Versuch, deren Dominanz respektive die eigene Unterlegenheit zu ergründen.

Das Gewicht als Ausrede

Leichte haben es also schwer in den Speed-Disziplinen. Keine weiteren Fragen. Oder doch? Die beste Abfahrerin des vergangenen Winters war Nicole Schmidhofer, nur 157 Zentimeter klein, gerade einmal 59 Kilo schwer. Die Beste im Super-G war Mikaela Shiffrin – 63 Kilo. Ebenfalls zu den Schnellsten zählten Stephanie Venier (64) und Corinne Suter (67). Michelle Gisin liegt also nicht falsch, wenn sie sagt, niemand sei aufgrund seiner Körperkonstitution chancenlos. «Es ist eine Frage der Einstellung. Viele benutzen ihr tiefes Gewicht nach schwachen Fahrten als Ausrede.»

Sogar auf einer technisch einfachen Strecke mit vielen Geradeauspassagen wie in Lake Louise fahren Leichtgewichte wie Schmidhofer vorne mit. Auf ­Gisin verliert sie in den Gleitstücken für gewöhnlich zwar etwas Zeit, sie fährt aber auch deutlich engere Radien, holt in den schnellen Kurven Hundertstel um Hundertstel auf. Im vergangenen Jahr versuchte Gisin, Schmidhofers Linie zu kopieren – ohne Erfolg. «Weil ich etwa 10 Kilo schwerer bin, trieb es mich weiter nach unten. Ich machte viel mehr Weg.»

Die perfekte Postur für eine Speedfahrerin gebe es nicht, meint der Schweizer Frauencheftrainer Beat Tschuor. Wobei er Suter am ehesten als Modellathletin bezeichnet. «Sie ist ­weder zu klein noch zu gross, weder zu leicht noch zu schwer – aber sehr kräftig.»

Vorab bei Sprüngen bekunden Gross­gewachsene tendenziell Probleme, weil sie eine weniger kompakte Position einnehmen können. In den Gleitpassagen hätten Athletinnen mit mehr Masse ­jedoch entscheidende Vorteile, sagt Tschuor. Wobei in- und ausländische Betreuer hinter vorgehaltener Hand bestätigen, dass die eine oder andere leichte Fahrerin zu rasch resigniere, in den Trainings zu wenig ins Gleiten investiere.

Das Hadern Gut-Behramis

Der physikalische Erklärungs­ansatz lässt an und für sich keine Zweifel offen: Wirkt auf alle Fahrerinnen die gleiche Beschleunigung, die sich aus der Erdbeschleunigung und der Hangschräge ergibt, so ist die schwerere Athletin schneller. Dieser Hangabtriebskraft wirken auf der Piste sowohl der Luftwiderstand als auch die Gleitreibung zwischen Ski und Schnee entgegen – bei leichten Personen (relativ zur Hangabtriebskraft) stärker als bei schweren.

So weit, so kompliziert. Einfacher ausgedrückt: Die Fahrerin mit mehr Gewicht drückt die Luft besser weg. Lara Gut-Behrami (160 cm, 61 kg) meint denn auch, sie sei schon mehrmals beinahe verzweifelt, weil es sie in den Flachstücken nicht richtig «runtergetragen» habe.

Lautet die Devise daher: essen, essen und nochmals essen? Die Französinnen sollen in den Neunzigern angehalten worden sein, mit der grossen Kelle zu schöpfen, man erzählt es sich zumindest. Bei Swiss-Ski ist derlei kein Thema. «Der Skisport ist athletischer geworden, man muss wendig und reaktionsschnell sein», sagt Jasmine Flury. Und sowieso: Wäre sie deutlich schwerer, würde sie sich auf den Ski unwohl fühlen. Joana Hählen, mit 156 Zentimetern (62 Kilo) eine der Kleinsten in der Szene, hält sich für windschlüpfriger als die meisten Konkurrentinnen, erwähnt zudem ebenfalls die engen Radien, die sie fahren könne. Nachteile sieht sie am Start: «Geht es flach los, nehmen andere schneller Tempo auf.»

Morgen in St. Moritz dürfte dies kein grösseres Problem sein, der erste Teil des Super-G ist ziemlich steil. Die derzeit verletzte Flury, vor zwei Jahren über­raschend Gewinnerin des Heimrennens, meint, an der Gleichung Masse = Klasse sei durchaus etwas dran. Aber: «Es geht auch schlank und schnell.»


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Erstellt: 13.12.2019, 08:39 Uhr

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