«Ich hatte mich verloren»

Während ihrer Verletzungspause brauchte Lara Gut Abstand – auch von ihrem Vater. Dabei erlangte sie eine wichtige Erkenntnis.

Lara Gut gibt sich an ihrer ersten Pressekonferenz seit Monaten reflektiert. (Video: Tamedia/SDA) Video: Keystone

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Der Raum ist passend gewählt. Ein alter Kinosaal ist die Bühne für Lara Gut an diesem Dienstag in Zermatt. Mit abgewetzten Ledersesseln, die Lehnen schräg gestellt. Dutzende Journalisten tummeln sich in diesen. Es ist schummrig im Bauch dieses nicht mehr ganz neuen Gebäudes. Sechs Scheinwerfer erhellen die Szenerie, dezent nur, an der Decke hängen ­Discokugeln, daneben Kronleuchter und Boxen. Auf dem Holzpodest darunter sitzt sie, die Hauptprotagonistin, auf einer kleinen Metallbank mit dünnem Polster, ein Mikrofon in der Hand.

Lara Gut hat sich Gedanken gemacht, viele Gedanken, wie sie das immer tut vor einem Auftritt, es wird schon nach den ersten Sätzen deutlich. Persönliches preisgeben, aber nicht zu viel. Über Gefühle reden, aber nicht missverstanden werden. Entsprechend wählt sie die Worte, es sind überlegte Sätze, philosophische manchmal, tiefgründige oft – in Englisch, Italienisch, Französisch und Deutsch.

Ganz zurückgezogen

Deshalb passt dieser schummrige Ort ganz gut zu ihr, zu dem, was sie zu sagen hat an diesem Nachmittag im Walliser Touristendorf. Lara Gut wirkt nachdenklich, sie will zum Nachdenken anregen, es gelingt ihr. Die letzten sieben ­Monate hat sich die Tessinerin Zeit genommen – für sich. Sie zog sich zurück aus der Öffentlichkeit, sämtliche ­Medienanfragen lehnte sie ab, nur in den sozialen Netzwerken war sie aktiv, dort, wo sie kontrollieren kann, welche Botschaft sie aussendet, wo sie das Bild von sich zeichnen kann, das sie will, ganz ohne Missverständnisse.

Sie sagt: «Jeder Spitzensportler hat seine Herausforderung. Der eine steht nicht gerne frühmorgens auf, der andere liebt Süssigkeiten. Meine war es ­immer, meine Privatsphäre zu wahren. Darum habe ich gesagt: Ich brauche eine Pause.»

Auf die Tränen folgte die Ruhe

Sieben Monate also war die Ausnahme-Skifahrerin weg von der medialen Bühne. Seit dem 10. Februar 2017 und diesem Sturz beim Slalomtraining in St. Moritz, wo sie eigentlich Grosses vorgehabt hatte. Es hätte ihre WM werden sollen, es wurde diejenige anderer, von Wendy Holdener, von Beat Feuz, von Luca Aerni, sie alle sind Weltmeister geworden vor Heimpublikum. Gut war da schon abgereist, mit Bronze im Super-G, das immerhin, aber auch mit dem Helikopter Richtung Spital, Kreuzbandriss.

Hadern, weinen im ersten, kurzen Moment. Im zweiten aber erkannte sie die Chance in dieser Verletzung. Ruhe, endlich Ruhe. Tempo herausnehmen, nicht mehr nur hetzen. Sie sagt: «Ich konzentrierte mich danach nicht auf das Knie und den Körper, sondern auf mich. Mein Knie lehrte mich, dass ich mehr achtgeben muss auf mich.»

Glace essen um Mitternacht

Sie traf sich mit Freunden, die sie in den letzten Jahren aus den Augen verloren hatte, «ich verabredete mich mit Leuten, die eigentlich immer da waren, die ich aber nicht mehr gesehen habe, weil mir die Zeit dazu fehlte. Plötzlich konnte ich spontan sagen: Ja, ich habe Zeit. Freunde kamen um Mitternacht vorbei, um mit mir Glace zu essen, einfach, weil wir Lust hatten darauf. Ich habe gelernt, dass ich Zeit für solche Sachen haben kann, ich muss sie mir nur nehmen.»

Wenn Lara Gut über die Monate danach spricht, ist es, als hätte für sie in diesem letzten Februar ein zehnjähriger Dauerlauf geendet. Als wäre sie abrupt aus einem Traum gerissen worden, der ihr Leben war. «Ich habe realisiert, dass meine Priorität immer der Athletin Lara Gut galt, sehr selten dem Menschen Lara Gut. Doch Skifahrerin zu sein, ist nur ein Teil von mir, wichtig ist der Mensch ­dahinter.»

«Mein Vater und ich haben zu viel Zeit damit verloren, uns darum zu kümmern, was andere sagen.»

In diesem Sommer habe sie sich richtig kennen gelernt, so sagt es Gut, «es ging darum, mich in meiner Haut wohlzufühlen. Als ich das letzte Mal Zeit hatte für mich, war ich minderjährig, ich war 16. In den vergangenen zehn Jahren stand ich immer in der Öffentlichkeit, im Winter, im Sommer, und jetzt, nach dem Unfall, habe ich realisiert: Ich bin eine Frau geworden.»

26 ist Gut, längst eine Frau also. Nur eben: In erster Linie ist sie eine Spitzensportlerin, die nach Erfolg strebt, die wie besessen nach dem kleinen bisschen sucht, das sie abheben könnte von den Gegnerinnen, nach den Hundertstelsekunden, die den Unterschied ­machen können, Lara Gut mit Tunnelblick. Sie strebt nach den ganz grossen Zielen, ist dabei kompromisslos, ordnet diesen alles unter. Sie fordert sich, ihren Körper, ihr Umfeld. Sie sagt den Satz: «Ich hatte mich verloren.»

Den Unfall wertet sie als Zeichen ihres Körpers: Es ist genug, innehalten, zur Ruhe kommen, zu sich finden. Auch einmal Kind sein, «ich habe festgestellt, dass ich mit High Heels besser laufen kann als mit Sandalen», die Verbissenheit für einmal ablegen. Abstand gewinnen, auch von Vater Pauli, ihrem Trainer, schon immer an ihrer Seite.

Von zu Hause ausgezogen

Auf Twitter schrieb sie jüngst: «Die ­Familie ist wie ein Baum. Die Zweige ­mögen in unterschiedliche Richtungen wachsen, doch die Wurzeln halten ­zusammen.» Lara Gut ist ausgezogen von zu Hause. Die ersten Monate nach der Verletzung verbrachte sie alleine mit ihrem Physiotherapeuten, Tag für Tag, ohne ihren Vater. «Als wir uns dann wiedersahen, war es unglaublich. Er hatte sich entwickelt, ich hatte mich entwickelt. Es war, als hätte ich meinen Vater wiedergefunden, mein Dad war zurück.» Als hätte sie eben auch ihn ver­loren gehabt – wie sich selbst in all den Turbulenzen der letzten Jahre. Sie sagt es auch so.

Die Sätze sind wohlüberlegt, mit einem Hauch von Philosophie, Gut sagt: «Er ist mein Vater. Und eben auch mein Trainer. Deshalb konnte man ihn infrage stellen. Wäre er irgendein Coach gewesen, wäre er derjenige gewesen, der mich zum Erfolg geführt, mir den Gewinn des Gesamtweltcups ermöglicht hatte. So aber wurde er kritisiert. Ich habe unglaublich hart dagegen angekämpft, beinahe hätte ich ihn in diesem Kampf verloren. Jetzt weiss ich: Wir haben zu viel Zeit damit verloren, uns darum zu kümmern, was andere sagen. Wir haben vergessen, auf uns zu hören.»

Lara Gut hat gelernt, besser zu hören: auf sich, auf die Signale ihres Körpers, auf die Familie, auf Freunde, die ihr guttun. Es brauchte ein schmerzhaftes ­Erlebnis dazu. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2017, 23:53 Uhr

Das Comeback

Der US-Plan

Anfang September stand Lara Gut in Zermatt erstmals wieder auf Ski, freies Fahren, langsam heran­tasten. Das hatten sie und ihr Vater und Trainer Pauli auch für Chile vor­gesehen, wo sie im Anschluss hinreisten. Nach einer Woche aber versuchte sich die Weltcupsiegerin der Saison 2015/16 bereits wieder zwischen den Toren – «ich hatte gleich ein gutes Gefühl». Dennoch wartet sie zu mit dem Comeback. Auf den Riesenslalom Ende Oktober in Sölden verzichtet sie, geplant ist, dass sie Ende November beim Riesenslalom in Killington (USA) zurückkehrt. Gut sagt: «Ich will stärker zurückkommen – nicht möglichst schnell.» (rha)

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