«Ich weiss nicht mehr, wie viel ich nahm – aber es war definitiv zu viel»

Beat Feuz ist der beste Abfahrer der Gegenwart. Vor dem Saisonstart in Lake Louise sagt der 32-Jährige, was ihn antreibt und wie ihn Schmerzmittel ins Delirium beförderten.

Die Schmerzen sind weniger, die Skitage mehr: Beat Feuz gehört auch im neuen Winter zu den grossen Favoriten in der Abfahrt.

Die Schmerzen sind weniger, die Skitage mehr: Beat Feuz gehört auch im neuen Winter zu den grossen Favoriten in der Abfahrt. Bild: Urs Jaudas

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Nehmen Sie noch Schmerz­mittel?
Nicht mehr oft. Ich bin fast ohne durch die Vorbereitung gekommen – auch durch den letzten Winter. Gibt es einen kleinen Rückschlag, kann es sein, dass ich auf das Rennen hin etwas nehmen muss. Aber das ist mehr als Vorbeugung gedacht, damit der Kopf nicht zu viel am Schmerz herumstudiert. Der Kopf ist freier, wenn ich nichts spüre.

Schmerzmittel werden für Sie vor einem Rennen zum Thema?
Wenn alles normal läuft, nicht. Aber wenn die Piste eisig ist, es schlägt, es streng wird, wenn ich drei Tage lang darauf trainieren muss, dann kann es sein, dass es sich in eine negative Richtung entwickelt.

Vor vier Jahren …
… war es eine Ausnahme, wenn ich keine Mittel nahm.

Haben Sie Unmengen zu sich genommen?
Das waren richtige Schmerzmedikamente, ja. Ich weiss gar nicht mehr, wie viel ich nahm, wie oft, welche Dosis. Aber es war definitiv zu viel.

Zu viel?
Ja, der Körper merkte das und reagierte.

Wie?
Er war schneller müde, erholte sich schleppend, und ich war gegen gewisse Sachen schon schier immun.

Gegen was?
Gegen Schmerzen aller Art. Ich glaubte, das Mittel wirke noch, dabei wirkte es schon lange nicht mehr. Das kann passieren, wenn man zu viel davon nimmt.

Klingt nach Delirium.
Genau.

In solchen Zuständen waren Sie?
Das gab es, ja. In den Jahren 2013, 14, 15: Ich glaube nicht, dass es ein Rennen gab, in dem ich ohne irgendetwas fuhr.

Sie konnten Ihren Beruf nur unter Einnahme starker Medikamente ausüben. Machten Sie sich keine Gedanken?
Doch, definitiv! Aber ich habe auch gesehen, dass es immer vorwärtsging. Dann kam 2015 mit WM-Bronze in der Abfahrt der Erfolg zurück. Und dem linken Knie ging es immer besser. Deshalb zog ich es durch. Es zeigt sich jetzt, dass das der richtige Weg war: Hätte ich aufgehört, wäre das Knie niemals in einem so guten Zustand.

Ohne ständiges Training.
Genau.

War der Abbau der Schmerzmittel wie ein Entzug?
So würde ich das nicht gleich nennen. Aber es war schon so, dass ich langsam probieren musste, sie abzubauen. Ich nahm einmal eine Tablette weniger, schaute, ob die Schmerzen nicht schlimmer wurden. Sonst nahm ich halt wieder eine. Ich versuchte, im Frühling und Sommer zu reduzieren, mir etwas Neues anzugewöhnen. Im Winter geht das nicht, da macht man nicht die grossen Experimente.

Was ist für Sie Lohn für die Strapazen?
In erster Linie der Erfolg. Den wollte ich, dafür habe ich gekämpft, dafür hat mein ganzes Umfeld gekämpft. Ohne Erfolg hätte ich sicher nicht fünf Jahre weitergemacht, irgendwann spielt der Kopf nicht mehr mit.

Sind es diese Erfolge, die Sie antreiben?
Es ist das Rennenfahren, dafür schwitze ich im Sommer.

Sie schwitzen den ganzen Sommer über für ein paar Minuten im Winter. Stimmt das Verhältnis?
Die reine Fahrzeit mag nur ein paar Minuten sein, aber alles, was dazugehört, muss eben auch passen.

Entscheidend sind nur die zwei Minuten Fahrzeit.
So soll es auch sein. Roger Federer spielt in einem Match auch nur zwei Stunden Tennis, es gehört aber doch etwas mehr dazu.

Sie spielen auch Tennis. Hält Ihr Knie zwei Stunden durch?
Tut es, aber auf etwas anderem Niveau als bei Federer. (lacht)

Gibt es Fortschritte?
Ich war öfter auf den Ski als vor einem Jahr. War ich drei oder vier Tage auf Schnee, musste ich vor zwei Jahren eine Woche Pause machen. Nun reichen zwei Tage.

Sie stehen jetzt auf der Sonnenseite Ihres Sports. Gibt es dennoch Dinge, die Sie nerven?
Natürlich wäre ich froh, wäre das linke Knie noch gesünder. Man darf nicht meinen, es würde sich anfühlen wie das rechte, ich habe viel weniger Kraft, muss fast täglich in die Physiotherapie.

Und das Drumherum, die ganze Reiserei?
Klar wäre ich gern bei meiner Familie. Aber im Winter gehört das Wegsein nun einmal dazu. Deshalb habe ich es im Sommer richtig genossen mit meiner Frau und meiner Tochter.

Ihre Tochter ist knapp eineinhalb. Marcel Hirscher, ebenfalls Jungvater, trat auch wegen der Familie zurück. Können Sie das nachvollziehen?
Auf jeden Fall! Vor allem mit seiner Karriere. Dass er mit Familie nicht mehr gleichermassen ­dahintersteht und den Sport nicht mehr so betreiben kann wie davor, ist für mich verständlich.

Er wäre wohl noch imstande, Rennen zu gewinnen. Könnten Sie so zurücktreten?
Das kann ich dann sagen, wenn ich aufhöre. Es ist super, wenn einer auf dem Höhepunkt aufhören kann. Aber ihm hätte es auch nicht geschadet, wäre er weitergefahren und hätte nicht mehr gesiegt. Er wäre trotzdem Marcel Hirscher geblieben, der achtmal den Gesamtweltcup gewann.

Sind Sie auf Ihrem Höhepunkt?
Es gibt immer Potenzial, ich bin in der Abfahrt noch nicht Seriensieger. Und im Super-G könnte es auch besser laufen.

Wieso harzt es dort?
Es gibt kein Training im Super-G: Besichtigung, dann Vollgas. Es hat auch mit den Verletzungen zu tun, dass ich mich gern zuerst herantaste und erst dann Gas gebe. Es fehlt mir das Vertrauen.

«Im Super-G muss man ein Draufgänger sein, einer, der die Ski den Hang hinunterprügelt. Das bin ich nicht.»

Sie sind ein Gefühlsfahrer, intuitiv, haben den Blick für die Linie. Kurz: Sie sind der perfekte Super-G-Fahrer.
Nur muss man dazu auch noch ein Draufgänger sein, einer, der die Ski den Hang hinunterprügelt, der am und über dem Limit fährt. Das bin ich nicht.

Sie sind 32, wie sehr hängt Ihre Planung von Grossanlässen ab?
Wegen einer WM oder Olympischen Spielen fahre ich nicht länger Ski, die sind mir egal.

Egal? Sie definieren sich doch auch über Medaillen.
Bin ich dort, ist das Ziel eine Medaille. Aber ich werde nicht Ende Saison sagen: Eigentlich würde ich ja gern aufhören, aber nächstes Jahr ist ja noch Olympia. Nein, dann höre ich auf.

Sind Olympische Spiele nicht das Grösste für Sie?
An der WM habe ich meine Goldmedaille eingefahren, und bei Olympia habe ich auch zwei Medaillen geholt. Mit den Grossanlässen ist es so, dass ich sie nicht zwingend noch einmal erleben muss. Ich freue mich, wenn ich nochmals dabei bin, aber zu sagen: Peking 2022, das ist mein Ziel – davon bin ich weit entfernt.

Liegt das am Austragungsort?
Vielleicht liegt es an den beiden Spielen, die ich erlebt habe. Als Kind träumte ich von Olympia. Ich kannte die tollen Geschichten von früher, von diesen Riesenevents. Dann kam ich nach Sotschi und war – na ja – nicht enttäuscht, aber: Die Stimmung war nicht wie in Wengen oder Kitzbühel. Dabei war doch Olympia! Und in Südkorea war es das Gleiche. Ich würde mir schon wünschen, dass die Spiele wieder an Orte gehen, wo der Skisport eine Kultur hat, ein Leben.

Sie hatten bei Olympia weniger Emotionen als in Wengen?
Genau richtig.

Und Olympia bedeutet Ihnen deshalb weniger?
Weniger ist das falsche Wort. Wenn ich dort bin, geht es trotzdem um eine Medaille, und irgendwo ist der Schein von Olympia ja auch da. Aber im Voraus übt es keinen Reiz aus auf mich.


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Erstellt: 29.11.2019, 15:11 Uhr

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