Ist der Schuh heutzutage wichtiger als der Ski?

Vor und während der Saison tüfteln Skirennfahrer ständig an ihrem Schuhwerk herum. Experten erklären, welche Bedeutung diesem zukommt.

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In Schladming bestreitet Alexis Pinturault den ersten Lauf des Nacht-Slaloms. «Er hat seinen Schuh modifiziert», sagt SRF-Kommentator Stefan Hofmänner während der Fahrt des Franzosen. Dem Vernehmen nach habe Pinturault seinen Schuh umgebaut und nun laufe es ihm, ergänzt der Berner. «Kleine Änderungen mit grossen Konsequenzen», hält Didier Plaschy fest. Der ehemalige Skirennfahrer erklärt den TV-Zuschauern: «Der Skischuh dient als Interface, er ist die Schnittstelle zwischen den Gedanken des Skifahrers und dem Ski auf dem Schnee.»

«Der Schuh ist zwar ein wichtiger Faktor. Am Ende muss aber alles stimmen.»

Bernhard Matti, Rennsportleiter Stöckli

Vor dem entscheidenden Durchgang gehen die beiden Kommentatoren auf die fünf Paar Ski ein, die Marcel Hirscher in den Tagen vor dem Rennen auf der nahe gelegenen Reiteralm getestet habe. «Er hat sein Setting Package auf den Heimberg abgestimmt», sagt Plaschy. Wie viele Skischuhe der Dominator und spätere Sieger des Slaloms dabei ausprobierte, bleibt das Geheimnis des Österreichers und seines Staffs. Jedenfalls dürften es viele gewesen sein. Dutzende Skischuhe soll Hirscher im letzten Februar an die Olympischen Spiele nach Pyeongchang mitgenommen haben. Das erweckt den Eindruck, dass das Schuhwerk mittlerweile fast wichtiger als die Ski geworden ist.

«Der Schuh ist zwar ein wichtiger Faktor», bestätigt Bernhard Matti. Der Stöckli-Rennsportleiter gibt allerdings zu bedenken: «Am Ende muss alles zusammenstimmen.» Sprich: Das ganze Setup muss passen. «Aufgrund der Übertragung des Schuhs auf die Skiplatte hat er sehr wohl einen Einfluss auf das Fahrverhalten», führt Matti aus. Letztlich seien jedoch die Schuhe, Platten, die Konstruktion und Präparation der Ski sowie die Beschaffenheit des Schnees ausschlaggebend über Erfolg oder Misserfolg.

Viel mehr Möglichkeiten

Matti hebt hervor: «Der Schuh war schon immer von Bedeutung.» Von ehemaligen Schweizer Rennfahrern wie Michael von Grünigen oder Franz Heinzer weiss er, dass sie zu ihren Aktivzeiten manchmal absichtlich auf ältere Schuhmodelle zurückgriffen. «Diese waren um einiges weicher, was dem Rennfahrer je nach Strecke einen kleinen Vorteil einbrachte.» Was sich im Vergleich zu früher definitiv geändert hat, sind die Möglichkeiten zu tüfteln. Heutzutage steht den Fahrern nicht mehr ein beschränktes Kontingent an Material zur Verfügung. Je nach Marke können sie schier endlos Neues ausprobieren. «Der eine optimiert lieber am Schuh etwas, der andere am Ski», sagt der Rennsportleiter der Schweizer Traditions-Skimarke.

Hirscher konnte an der WM in St. Moritz auf acht verschiedene Paar Schuhe zurückgreifen

Ebenfalls anders als vor zwei oder drei Jahrzehnten ist die Beschaffenheit des Schnees. «Früher herrschten überall jeweils in etwa die gleichen Verhältnisse», sagt Matti. In Europa sei der Schnee meist feucht, in Nordamerika trocken gewesen. «Durch den Kunstschnee hat sich dies verändert, und deshalb müssen die Fahrer ihr Material den jeweiligen Gegebenheiten anpassen.» Das ist der Hauptgrund für die Materialschlacht vor und an den Wettkämpfen. Dazu ein Beispiel: Hirscher liess von seinem Staff bereits vor zwei Jahren rund eine halbe Tonne Material an die WM nach St. Moritz befördern. Auf acht verschiedene Paar Schuhe konnte er bei seiner Jagd nach Medaillen im Engadin zurückgreifen.

Wenn der Schuh drückt

Wie viele Schuhe die Schweizer an die Weltcup-Rennen mitnehmen, sei von Athlet zu Athlet unterschiedlich. «Gewisse haben nur einen, andere bis sechs», sagt Zoé Chastan, die bei Swiss-Ski für die Kommunikation Ski Alpin Männer verantwortlich ist. Die Rennfahrer wählen von Rennen zu Rennen ein anderes Setup. Das Anpassen der Schuhe nimmt vor, während und nach der Saison jeweils viel Zeit in Anspruch. Das fängt schon bei der Produktion der Skischuhe an, was bei solchen für Ramon Zenhäusern besonders anspruchsvoll ist. Mit Schuhgrösse 47 fällt der Walliser Slalom-Spezialist aus dem Rahmen.

Etliche Fahrer lassen an ihrem Schuhwerk immer wieder Anpassungen vornehmen oder wechseln es sogar während der laufenden Saison. Dazu hat sich beispielsweise Carlo Janka entschieden. Der Bündner hatte im Sommer den Schuh gewechselt, musste nach einigen Rennen aber wieder auf das Vorgängermodell umsteigen, weil der Erfolg ausblieb. Zu wissen, wo der Schuh genau drückt oder eben zu wenig Druck erzeugt, ist für Skifahrer im Kampf um jede Hundertstelsekunde enorm wichtig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.01.2019, 11:50 Uhr

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