«Es tönt blöd: Aber nun gehöre ich zur Podest-Liga»

Sie war im emotionalen Loch, wurde von vielen längst abgeschrieben. Nun hat Joana Hählen aus Lenk innert zehn Tagen ihre ersten beiden Podestplätze herausgefahren.

«Irgendwie ist das Ganze noch ein wenig unrealistisch für mich», sagt Joana Hählen zu ihren zwei Podestplätzen innert zehn Tagen. Foto: Keystone

«Irgendwie ist das Ganze noch ein wenig unrealistisch für mich», sagt Joana Hählen zu ihren zwei Podestplätzen innert zehn Tagen. Foto: Keystone

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Was passiert gerade mit Ihnen?
Wahnsinnig viel! Ich bin in einem unglaublichen Hoch, aber irgendwie ist das Ganze noch ein wenig unrealistisch für mich.

Weshalb funktioniert es gerade jetzt, in Ihrer bereits siebten Saison im Weltcup?
Es gibt nichts, was ich fundamental geändert hätte. Entscheidend ist wohl mein Instinkt: Ich hatte zuletzt Angst davor, Fehler zu machen. Also unterdrückte ich meinen Instinkt, der mich auf der Piste ausmacht. Nun fahre ich wieder frecher, mit weniger störenden Gedanken im Hinterkopf. Einfach drauflos halt.

Klingt nach intensivem Mentaltraining.
Sicher, das ist bei mir das A und O. In diesem Winter gibt es keinen Grossanlass, also auch keinen Qualifikationsdruck. Diese Jagd nach den Limiten hat mich ein wenig kaputtgemacht in den letzten Saisons. Jetzt fahre ich befreiter, lockerer. Nach der Trainingsbestzeit in Bansko machte ich mich nicht verrückt. Mir war klar: Ich muss einfach nochmals genau gleich runterfahren, und es kommt gut.

Sie sind 28, die Zeit drängte…
…definitiv. Ich verglich mich oft mit Fahrerinnen aus anderen Ländern, die früher eher schwächer waren als ich, aber schon mehrere Podestplätze vorzuweisen hatten. Da dachte ich: Hallo – kann doch nicht wahr sein, ich bin doch eigentlich schneller.

Joana Hählen steht plötzlich im Mittelpunkt. Sie sagt: «Es tut schon gut, es allen gezeigt zu haben.» Foto: Keystone

Spürten Sie, dass viele Ihnen den Durchbruch nicht mehr zugetraut hatten, Sie als Platzfahrerin abgestempelt wurden?
Natürlich, zum Beispiel nach dem schlechten Saisonstart. Es tut schon gut, es allen gezeigt zu haben, auch nach meiner Geschichte mit den drei Kreuzbandrissen. Zumal es keine Zufallsresultate waren, ich in beiden Rennen (Abfahrt in Bansko, Super-G in Sotschi, die Red.) eher schlechte Sicht hatte. Es wäre sogar noch mehr möglich gewesen.

Schmerzte das Misstrauen in Ihre Fähigkeiten?

An mir wurde gezweifelt. Allerdings taten das nie Leute aus meinem engsten Umfeld. Insofern konnte ich damit umgehen. Und ich weiss, dass man als Sportlerin schnell in eine Schublade gesteckt wird.

Seit einem Unfall vor bald zwei Jahren fahren Sie mit gerissenem Kreuzband. Macht dies Ihre Erfolge noch spezieller?
Das ist schon verrückt. Hätte mir das im vorletzten Sommer jemand prophezeit, hätte ich ihn schräg angeschaut. Es war lange Zeit schwierig, es gab viele quälende Fragen, und ich musste immer abwägen, wie viel Belastung das Knie aushalten würde. Auch jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht zu stark forciere. Aber es war die beste Entscheidung, auf eine Operation zu verzichten.

Wie intensiv beschäftigten Sie die Geschehnisse vom letzten Winter in Crans-Montana, als Ihnen der 2. Rang in der Abfahrt wegen Problemen mit der Zeitmessung aberkannt wurde?
Es dauerte lange, erst im Sommer wurde es besser. Es tat weh, die Bilder anzuschauen von der Siegerehrung, es war noch bis vor kurzem schmerzhaft, darüber zu reden. Meine Zeit war von Hand gestoppt worden, ich soll wegen zwei Hundertsteln Vierte gewesen sein. Da ist es doch logisch, machte ich mir Gedanken. Man hatte mir versichert, der Podestplatz sei fix. Und dann kam diese Kehrtwende. Es brauchte viel Kraft, das alles zu verarbeiten.

Sie wirkten ausgelaugt am Ende der letzten Saison.
Die Batterien waren komplett leer. Es war nicht nur die Sache in Crans-Montana, schon an der WM in Are gab es diese Ohrfeige mit der Nichtberücksichtigung für den Super-G. Ich dachte, alles würde gegen mich laufen. Und ich befürchtete, nie für meinen Aufwand belohnt zu werden.

Werden Sie mittlerweile anders wahrgenommen von den Konkurrentinnen?
Allzu viel hat sich wohl kaum geändert. Man sieht in mir nun vielleicht eine ernsthaftere Gegnerin. Es tönt blöd: Aber nun gehöre ich zur Podest-Liga.

Erstellt: 04.02.2020, 07:42 Uhr

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