Lara Gut lächelt am Unfallort

Die 26-Jährige ist zurück in St. Moritz, das sie zuletzt im Helikopter verliess statt mit vielen WM-Medaillen. Im Engadin erlebte sie viel Positives – im Rückblick gehört auch der Sturz dazu.

Das Lächeln sitzt – selbst die Aufmerksamkeit geniesst Lara Gut mittlerweile. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Das Lächeln sitzt – selbst die Aufmerksamkeit geniesst Lara Gut mittlerweile. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

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Lara Gut ist zurück auf diesem Berg. Auf dieser Einfahrtspiste, auf der ihre letzte Saison so abrupt endete, auf der ihre Träume von den ganz grossen ­Momenten an der Heim-WM platzten. Das Kreuzband im linken Knie riss, der ­Meniskus wurde beschädigt bei diesem Sturz im Aufwärmtraining zum Kombinations­slalom.

Emotional ist dieser Augenblick deshalb für die Tessinerin, als sie an diesem Donnerstagvormittag wieder dort oben steht, am Ort des Unglücks, das ihr in der Folge viele Tage des Glücks bescherte, der Unbeschwertheit, der Ruhe, des Geniessens. Die Augen versteckt die 26-Jährige hinter den Spiegelgläsern ihrer Brille, die vielen Kameras, die ihr auf diesem Weg folgen, sollen nicht einfangen können, was ihr durch den Kopf geht. Dabei ist es durchwegs Positives.

Lara Gut steht auf den Ski und ­geniesst es. Sie geniesst, dass sie zurück ist, dass sie machen kann, was sie liebt, dass sie wieder Rennen fahren darf. «Am liebsten hätte ich jeden Tag einen Wettkampf. Zwar würde der Körper dann ­irgendwann eine Pause brauchen. Doch für meinen Kopf gibt es nichts Besseres. Das Adrenalin – unbeschreiblich», sagt Gut. Sie strahlt.

Es ist Abend geworden im Engadiner Nobelort. Gut sitzt in einem tiefen Sessel in einem grossen Hotelsaal, weisse Bluse, dunkle Jeans, ihre goldene Mütze liegt auf der Armlehne, ein Kronleuchter erhellt die Szenerie. Drei Dutzend Journalisten hat sie vor sich, die Foto­apparate rattern, das Lächeln sitzt. Eine grosse Leinwand hängt daneben. Ein kurzer Film läuft: Lara Gut im Auto, ­Vater und Trainer Pauli Gut am Steuer, sie fahren Richtung St. Moritz. Die Tochter schmunzelt in die Kamera, «immer wieder schön, hierher zu kommen», sagt sie, «ich freue mich mega auf die drei Rennen».

Als sie auf Rang 3 schlitterte

Nichts von Hadern mit diesem Ort, an dem sie im Februar zur grossen Figur der Weltmeisterschaft hätte werden sollen, und ihn dann mit Bronze im Super-G und verletzt im Helikopter verlassen musste. Zu schön sind die Erinnerungen an St. Moritz, an ihre Wunderfahrt als 16-Jährige, bei der sie selbst ein Sturz kurz vor dem Ziel nicht daran hindern konnte, in ihrer ersten Weltcupabfahrt auf Rang 3 zu kommen. An das Jahr danach, als sie im Super-G erstmals auf höchster Stufe zuoberst stand. An den Winter 2015/16, als ihr hier die grosse Kugel für den Gesamtweltcupsieg überreicht wurde.

Und eben: Der Sturz, auch er hatte sein Gutes. Es war ein Schreckmoment an diesem 10. Februar, klar. Doch die Schweizerin erkannte früh die Chance darin. Zeit für sich, Zeit für Freunde, «zum ersten Mal seit Jahren hatte ich das Gefühl, ich würde alles, von morgens bis abends, nur für mich tun». Sie lernte ihr Leben neu schätzen, ihren Beruf, «ich geniesse wieder jeden Tag». Es ist das, was sie verloren hatte in der Hetze des Weltcups, im steten Streben nach Verbesserung, im Kampf um die Hundertstel, auf der Suche nach dem perfekten Schwung. «Ich habe gelernt, dass ich wieder meinem Instinkt vertrauen muss. Skifahren ist eine Gefühlssache, Athletin zu sein, ist eine Gefühlssache. Ich muss mich selbst spüren, den Körper. Ich wollte immer schneller werden, immer mehr tun und noch mehr. Und wenn der Instinkt fragte, ob das wirklich gut sei, ignorierte ich das.»

Im Februar zog der Körper die Notbremse, so sagt sie das. Es waren die ­Momente des Innehaltens, die sie nun wieder entdeckte, den Blick aufs grosse Ganze, die Relativierung, wenn es für einmal nicht nach Wunsch lief auf der Strecke. Sie sagt: «Zwar bin ich immer noch Athletin, und als solche will ich an den Start gehen und gewinnen. Aber wenn es einmal nicht klappt, und ich mich genug darüber geärgert habe, kann ich sagen: Morgen habe ich die nächste Chance.»

Es fiel ihr nicht leicht. Das tut es auch jetzt nicht immer, wie dieser Satz verdeutlicht: «Mit Fehlern kann ich leben, aber nicht mit mir, wenn ich nicht das Beste gegeben habe.» Doch abhaken, schneller das Positive finden, die Dinge mitnehmen aus den Rennen, die gut ­waren, das gelingt ihr ganz gut. Besser als früher. «Ich bin mehr im Gleich­gewicht», so nennt es Gut. Weil sie jeden Tag dankbar ist für ihr Leben als Ski­fahrerin. «Hier auf dieser Piste habe ich so richtig gemerkt, was ich in den letzten Monaten alles gemacht habe, wie sehr ich mich entwickelt habe. Ich nahm zuvor vieles als selbstverständlich hin. Nun weiss ich: Das ist es nicht.»

Die Kameras stören nicht mehr

Die Kameras, die sie an diesem Morgen begleiten, wären ihr früher ein Graus ­gewesen, «so etwas setzte mich unter Druck, störte mich». Nun sagt Gut: «Dass sie dabei sind, bedeutet nur, dass unser Sport bekannt ist. Deshalb hoffe ich, dass die Kameras immer an meiner Seite sein werden, solange ich Ski fahre.»

So schnell dürften diese nicht weichen, fährt sie so weiter wie zuletzt. Im Super-G von Lake Louise, ihrem fünften Rennen nach der Verletzung, stand sie als Zweite bereits wieder auf dem Podest, zum 16. Mal schon in ihrer Lieblingsdisziplin – darunter sind elf Siege. «Beim Super-G muss ich nicht über­legen», sagt sie. Ausgerechnet in der ­Disziplin also, in der es ausser einer ­Besichtigung keine Annäherung an den Kurs gibt, in der nur ein Lauf über Sieg und Niederlage entscheidet. «Beim Slalom geht es um Training, Training und nochmals Training. Der Riesenslalom ist für mich da, um die technische Basis für die anderen Disziplinen zu legen. In der Abfahrt geht es um die perfekte Abstimmung der Ski. Super-G war dagegen immer einfach für mich. Ich weiss, was ich tun muss – und ab dafür!»

Da ist es wieder, dieses Lächeln. Weil sie zurück ist in St. Moritz. Weil hier nach der heutigen Kombination gleich zwei Super-G auf sie warten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2017, 23:04 Uhr

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