Liebesgrüsse nach Moskau

Warum der Schweizer Hans Hobi zum einflussreichen Helfer der russischen Wintersportler wurde, obwohl er kein Russisch spricht.

Russland ist seine sportliche Heimat geworden: Der Ostschweizer Hans Hobi beim Bahnhofbuffet in Sargans. Foto: Reto Oeschger

Russland ist seine sportliche Heimat geworden: Der Ostschweizer Hans Hobi beim Bahnhofbuffet in Sargans. Foto: Reto Oeschger

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Das triste Stübli des Bahnhofbuffets von Sargans könnte mit den Erzählungen von Hans Hobi kaum stärker kontrastieren. Von Wodka-Gelagen parliert Hobi, klandestinen wie öffentlichen, von Spitzeln und Bergen an Kaviardosen. Es sind Geschichten, die klingen wie aus 1001 Nacht. Mittendrin: Hans Hobi aus Mels.

63 Jahre jung ist Hobi, mit Bürstenhaarschnitt und dem weichen Dialekt der Region. Zu seinen Besonderheiten gehört, dass er zwar die Russen berät, aber kein Russisch spricht. Irgendein Athlet oder Funktionär habe immer Englisch oder gar Deutsch gesprochen. Jedes Mal allerdings, wenn er sich an einer Sitzung ausgeschlossen fühlt, denkt er sich: «Hättest du die Sprache doch gelernt.» Nur: Es blieb dabei. Und: Er sei nun einmal kein Sprachtalent.

Der Schweizer Hobi verhandelte in Moskau mit den Russen für die Russen.

Von Russland ist Hobi bereits als Bub begeistert. Diese bewegte Geschichte! Diese besonderen Menschen! Diese wunderschönen Landschaften! Hobi ist unüberhörbar Russland-Fan, der zugleich verdeutlicht haben will: «Ich bin kein Kommunist!» Seit er 1989 erstmals ins Land reiste, ist er immer wieder zurückgekehrt. Mehr als 70-mal war er in Russland, weil ihn Adidas zum Verantwortlichen für Wintersport machte mit dem Titel eines Sportmarketing-Managers. Darunter kann man sich alles und nichts vorstellen.

Hans Hobi war Bindeglied zwischen den Russen und dem deutschen Ausrüster, organisierte sämtliche Kleider inklusive Brillen, Handschuhe und Schuhe.

Als Adidas entschied, diese Sparte ab 2018 einzustellen, wählte Hobi die Frühpensionierung. Die russischen Langläufer aber wollten nicht ohne ihren Hans. Darum gründete er eine Consulting-Firma. Sie besteht aus Hans Hobi. Seither führt er seinen Job für die russischen Langläufer weiter. Das russische Unternehmen Bosco liefert nun die Textilien. Darum verhandelte der Schweizer Hobi in Moskau mit den Russen für die Russen.

Der Ruf ist ramponiert

Es liegt also auch ein wenig an ihm, dass die russischen Langläufer diesen Sport wieder prägen bis dominieren. Zuletzt an der Tour de Ski, als sie dank Alexander Bolschunow und ­Sergei Ustjugow die Nummern 1 und 2 stellten. Nur: Der Ruf der riesigen Sportnation ist nach vielen Dopingschlagzeilen ramponiert. Hört der durchschnittliche Fan von russischem Sport, assoziiert er ihn rasch mit Betrug.

Hobi aber, Pensionär mit tadellosem Ruf in der Szene, dachte nach der Anfrage von Russlands Langlauf-Chefin Jelena Välbe keine Sekunde daran, die Job-Offerte abzulehnen. Dabei sagt er Sätze wie: «Ich würde wohl nicht einmal für meine Kinder die Hand ins Feuer legen, wenn sie Spitzensport betreiben würden.»

Russlands Langlauf-Chefin Jelena Välbe (M.). (Bild: Nils Petter Nilsson/Getty Images)

Zugleich sagt er, in diesen rund 30 Jahren, in denen er mit den Russen geschäfte, habe er keine einzige seltsame Situation erlebt oder gar eine (Doping-)Manipulation gewittert. «Vielleicht habe ich mich unbewusst nie mit diesen Geschichten befasst. Aber ich habe nie Diskussionen mitbekommen.»

Man schaut ihm dabei ins Gesicht. Er redet ohne die geringsten Anzeichen, dass ihm bei der Aussage unwohl wäre. Hobi präzisiert: «Bei einem Verdacht wäre ich ausgestiegen. Ich arbeite nicht wegen des Geldes.» Ihn habe auch «bis heute nie ein Athlet oder Trainer der Russen gefragt, ob ich in der Schweiz Mittel besorgen könnte, die es bei ihnen nicht gibt. Nie, nie.»

Gerade die Machenschaften an den Heimspielen 2014 in Sotschi aber sind selbst von den Russen unbestreitbar. Schliesslich ging der entscheidende Manipulator, der damalige Chef des (Anti-)Doping-Labors von Moskau, selber mit vielen Dokumenten an die Öffentlichkeit.

Die Fragen an die Chefin

Hat Hobi bezüglich Sotschi also Fragen gestellt? «Klar», sagt er. Die Antwort vom Langlauf-Verband (gemäss Hobi): Sie hätten keine Ahnung, was damals passiert sei. Stellte er auch Välbe, die Langlauf-Chefin und um die Jahrtausendwende selber Weltspitze, als EPO weitherum zirkulierte, wie man mittlerweile weiss? «Natürlich», sagt Hobi.

Aber dass sie ihm erklärte, nie betrogen zu haben, findet er nur logisch: «Jeder sagt zum Thema doch, unschuldig zu sein. Da habe ich keine Illusion.» Trotzdem hat Hobi die russische Sichtweise zu den Betrugsspielen von Sotschi übernommen: Wenn schon, seien die russischen Athleten doch die Betrogenen, findet er.

Legendär waren die
Wodka-Feiern der Service-Crew nach Topresultaten – mit Kaviar und Speck.

Es klingt seltsam. Warum sollen die Betrüger die Opfer sein? Weil sie nicht wussten, dass man ihre Proben manipulierte, sagt Hobi. Es ist die These der ehrlichen Athleten und bösen Politiker und Funktionäre. Diese hätten die Sportler mit illegalen Aktionen quasi hintergangen.

Ohnehin findet Hobi, man rede zu viel von dopenden Russen – aber deutlich zu wenig von betrügenden Kenianern oder Amerikanern. Er ist in diesen Momenten ganz der Anwalt seines Auftraggebers.

Was also, wenn ihn die Russen belügen? «Ich sage nicht, das sei unmöglich. Dafür bin ich zu realistisch. Aber ich glaube trotzdem nicht daran.» Hobi erzählt von der WM 2019 in Seefeld, als eine Doping-Razzia den (österreichischen) Langlauf erschütterte. Er logierte im russischen Teamhotel, sagt: «Die waren stets entspannt. Keiner reiste hektisch ab oder wurde plötzlich krank. Zudem wurden die Athleten immer wieder kontrolliert. Die müssten schon unglaublich cool gewesen sein, wenn sie gleichzeitig betrogen hätten.»

Der dopende Saubermann

Und doch hat er in seinen drei Jahrzehnten im Spitzensport zu viel erlebt, als dass er nicht auch zum Zweifler geworden wäre. Er war etwa gut mit Johann Mühlegg bekannt, der von Hobi als Vertreter eines grossen Sponsors sowie anderen Ausrüstern forderte, stärker gegen Doping anzukämpfen.

Kurz darauf wurde der Langläufer überführt, die Olympiatitel von 2002 wurden aberkannt. Seither sei er misstrauisch, sagt Hobi. Die Sportwelt beziehungsweise die Arbeit mit den Russen allerdings finde er zu faszinierend, als dass er davon lassen könnte. Allein zum Thema Wodka – «mittlerweile geradezu verpönt bei der Teamleitung» – kann er ohne Punkt und Komma reden. Legendär seien die Wodka-Feiern der Service-Crew nach Topresultaten gewesen – samt Kaviar, Früchten und Speck.

Der junge Hobi erlebte gar, wie das Team Schlüssellöcher abklebte, damit der mitgereiste Spitzel zu Zeiten des Kalten Kriegs das Saufen nicht mitbekommen habe, und das freizügige Beschreiben der Lebensumstände im Land. Immerhin Kaviar ist den Russen geblieben, «zum Zmorge, zum Zmittag, zum Znacht», sagt Hobi – «und manchmal auch dazwischen».

Erstellt: 17.01.2020, 17:31 Uhr

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