Lustiger Kerl mit Killerinstinkt

Stefan Kraft geht im heimischen Bischofshofen als Leader ins letzte Springen der Vierschanzentournee.

Vor dem Triumph: Stefan Kraft. Foto: Keystone

Vor dem Triumph: Stefan Kraft. Foto: Keystone

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Das grösste Problem mit Stefan Kraft ist sein Name. Der nämlich verleitet derart zu Wortspielen, dass man sich permanent selbst auf die Finger hauen muss. Ideen mit «Schwer-Kraft» oder «Wie lange hält der Kraft» sind verlockend, aber ­natürlich doof und deshalb verpönt.

Allerdings darf man davon ausgehen, dass der mutmassliche Tournee-Gesamtsieger 2014/15 selbst einige Varianten beizutragen hätte. «Ich bin ein lustiger Kerl, ich lache gern, denn das ist gut fürs Herz», sagt der 21-Jährige, der fünf Minuten neben der Schanze in Bischofshofen aufgewachsen ist. Just hier will er heute seinen bislang grössten Triumph feiern. Kraft führt in der Gesamtwertung vor dem letzten Springen 23,1 Punkte vor seinem Zimmergenossen Michael Hayböck. Der sagt: «Das ist fast nicht mehr aufholbar.»

Die Show in der Qualifikation

Fast. Kraft weiss das, er ist vorbereitet auf das grosse Finale. «Ich werde nervös sein», sagt er, «und das ist gut so.» Er liebt diese speziellen Momente auf den grossen Schanzen. Auf die Frage, warum er nicht auf die Qualifikation verzichte, sagte er: «Hier zu springen, ist eine coole Sache, und ich will den Zuschauern auch eine Show bieten.» Das gelang dem Duo Kraft/Hayböck: Sie waren die Besten – und liessen sich auch von den zahlreichen Stürzen nicht aus dem Konzept bringen.

Nicht alle davon liefen glimpflich ab. Während der Japaner Daiki Ito nach einem mehrfachen Überschlag bei der Landung den Zielraum selbständig verlassen konnte, musste der Amerikaner Nicholas Fairall notfallmässig ins Krankenhaus. Er war nach der Landung mit voller Wucht kopfüber in den Schnee gestürzt. TV-Bilder zeigen ihn wenig später, wie er mit einer Halskrause auf einer Bahre liegend die US-Flagge schwenkte. Slowenische Medien berichteten von einer Wirbelsäulenverletzung des 25-Jährigen, der vom Slowenen Bine Norcic trainiert wird. Um 21.37 twitterte Fairall ein Bild, das ihn in einem Spitalbett zeigt mit den Worten: «Frisch von der Operation! Ich bin guter Dinge und freue mich auf ein grossartiges Jahr! Später mehr!»

Es war eine abendliche Nachricht, die es Stefan Kraft und seinen Konkurrenten heute erleichtern dürfte, ihre Gedanken positiv zu halten und sich ganz auf den Wettkampf zu konzentrieren., die aber offenbar ohne Folgen blieben.

Setzt Kraft heute seinen Höhenflug fort, ist es der siebte österreichische Tourneesieg in Folge. Anders als Vorgänger Thomas Diethart, der vergangenes Jahr tatsächlich aus dem Nichts aufgetaucht war und jetzt schwer um den Anschluss an die Spitze kämpft, ist Kraft ein typisches Produkt der grossen österreichischen Springerschule. Er wurde im legendären Skigymnasium in Stams ausgebildet, trainiert heute im Olympiazentrum Salzburg-Rif in Hallein. Er gab vor exakt drei Jahren in Bischofshofen sein Weltcupdebüt, gewann 2011 bei der Junioren-WM Silber im Einzel und Gold mit dem Team. Die «Salzburger Nachrichten» bestätigen ihm «einen Killer­instinkt, der sonst nur die ganz Grossen der Szene wie Gregor Schlierenzauer und Simon Ammann auszeichnet».

Die schwierigste Aufgabe für einen jungen österreichischen Skispringer ist es, sich im eigenen Verband durchzusetzen. Vor allem wenn die Konkurrenten Schlierenzauer, Morgenstern, Kofler, Loitzl heissen. Kraft sagt, dass ihm der Cheftrainerwechsel von Alex Pointner zu Heinz Kuttin geholfen habe. Jetzt könne er so sein, wie er eben sei, könne lustig und locker drauf sein und müsse nicht eine Ernsthaftigkeit vorgeben, die er halt nicht immer verspüre.

Das gebrochene Versprechen

Pointner hatte sich zuletzt im Konflikt der Stars Schlierenzauer und Morgenstern aufgerieben. Kuttin hilft der Rücktritt von Morgenstern im vergangenen September, sein Weg war dennoch riskant: Weg mit dem Starkult, jeder im Team wird gleich behandelt, niemand darf sich irgend­welche Vorrechte herausnehmen.

Die Jungen zahlen Kuttin das Vertrauen zurück, Kraft führt in der Tournee vor Hayböck, Hayböck führt im Gesamtweltcup vor Kraft. Deshalb wird der neue Chefcoach auch mal darüber hinwegsehen, wenn seine Burschen die Vorgaben nicht einhalten. Bei seinem Rekordflug in Innsbruck auf 137 Meter (der dann kurz darauf von Hayböck um 1 Meter übertroffen wurde) kam Kraft nämlich in einen Gewissenskonflikt. Er sei gesegelt und gesegelt, und als die Landung immer näherrückte, habe er überlegt: «Soll ich einen Telemark machen, soll ich keinen machen?» Er entschied sich dagegen, stand dafür problemlos und baute die Führung in der Gesamtwertung aus. «Dabei», erzählte Kraft später, «habe ich meinen Trainern versprochen, immer und überall den ­Telemark zu setzen.»

Erstellt: 05.01.2015, 22:53 Uhr

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