Mit Geduld auf dünnem Eis

Die Schweizerinnen ringen in Aspen mit den Versäumnissen der Vergangenheit.

Frauen-Cheftrainer Hans Flatscher. Foto: Keystone

Frauen-Cheftrainer Hans Flatscher. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Geduld ist ein rares Gut. Hans Flatscher, Cheftrainer der Schweizer Skifahrerinnen, weiss, dass es dieses Gut gerade im Spitzensport praktisch nicht gibt. Und trotzdem sagt er: «Als ich vor zweieinhalb Jahren das Amt übernommen habe, sagte ich, dass es fünf Jahre dauert, bis wir den Rückstand im Technikbereich aufgeholt haben.» Fünf Jahre. Also nichts weniger als eine Ewigkeit in Sportlermassstäben.

Die Rennen in Aspen haben Flatscher einmal mehr recht gegeben. Im Riesenslalom- und Slalomteam sind Fahrerinnen, die vorne mitfahren können. Lara Gut und Wendy Holdener haben Podestpotenzial, Dominique und Michelle Gisin können in die Top 10 fahren, Denise Feierabend ebenfalls.

Potenzial ist wichtig, aber das alleine bringt eine Skifahrerin nicht aufs Podest. Dazu braucht es mehr: Glück, Erfahrung, die nötige Sicherheit in der Technik und das absolute Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. All dies zusammen bedarf einer Entwicklung, und das dauert eben Jahre. Ungefähr fünf.

Bestes Beispiel im Riesenslalom sind Lara Gut und Dominique Gisin. Gut hat vor dem Winter 2013/14 viel an der Kurventechnik gefeilt, das jahrelang eingeübte Muster des Andriftens sollte überwunden werden. Aspen zeigte, dass es nur einen schlechten Tag mit schlechtem Gefühl braucht, schon drängen die alten Muster zurück an die Oberfläche. Gut driftete am Samstag, als sei sie in einer Zeitmaschine zwei Jahre zurückgereist. Dominique Gisin hat vor dieser Saison den Schwungansatz im Riesenslalom umgestellt. Dass es nun gerade im Rennen nicht wunschgemäss funktioniert, ist kein Wunder: Die spezielle Situation eines Weltcuprennens, der unbändige Wunsch, es gerade jetzt besonders gut zu machen, und schon sind mit einem Fehler die Chancen dahin. Das mussten am Samstag auch Fahrerinnen wie Mikaela Shiffrin, Anna Fenninger und Tina Maze erleben.

Wendy Holdener ausser sich

Im Slalom ist die Situation eine andere. Da sind Holdener und Michelle Gisin unbestrittene Talente. Aber beide haben Jahrgang 1993, vorne lagen gestern Konkurrentinnen mit Jahrgängen zwischen 1983 und 1986. Ausnahme natürlich: Shiffrin, aber die 19-Jährige als Referenzpunkt heranzuziehen, verbietet sich, weil sie ein Ausnahmetalent ist. Flatschers Amtskollege auf der Männerseite, Thomas Stauffer, beklagte jüngst, dass es so lange dauere, bis Sportler und Sportlerinnen in der Schweiz die Ausbildung hinter sich haben, andere könnten da schon lange ganz auf den Sport setzen. Flatscher teilt die Analyse im Prinzip, aber er sieht dies nicht als Anlass für Kritik.

«So ist das System», sagte er, «mir ist es ehrlich gesagt auch egal, ob eine Fahrerin mit 19 oder mit 25 Jahren an der Weltspitze ist. Hauptsache, sie ist irgendwann einmal dort.»

Wendy Holdener hat mit dem 2. Platz im Slalom von Ofterschwang im März 2013 schon einmal an diesem Platz ganz nah an der Sonne geschnuppert. Gestern lief es ihr im zweiten Durchgang noch schlechter als im ersten Lauf, sie fiel auf Rang 17 zurück und war derart sauer auf sich, dass sie Schuhe, Helm und Stöcke wild im Zielraum herumschmiss und kaum zu beruhigen war. Immerhin konnte sie sich am Abend mit einer speziellen Einladung trösten: Stephan Kälin, der wie Holdener aus Unteriberg stammt, lebt seit 40 Jahren in Aspen, er stand im Jahr 1964 bei den internationalen Rennen in diesem Skiresort dreimal auf dem Podest. Kälin und seine Gattin kredenzten Holdener gestern ein Abendessen, «und es ist schon schön, wenn man hier in Colorado den Heimatdialekt pflegen kann», freute sich Holdener.

Sie braucht Sicherheit, «damit sie den Ski wieder frei lassen kann», wie Alpindirektor Rudi Huber sagt. Michelle Gisin braucht Stabilität, gestern war sie geradezu erschüttert, «wie brav ich in den ersten Durchgang gestartet bin, wie ich komplett verbremst habe». Als sie im Ziel stand, fuhr Resi Stiegler (USA) direkt nach ihr Bestzeit auf diesem ersten Abschnitt. «Da ist meine Zeit ja richtig peinlich», entfuhr es Michelle Gisin, die sich im zweiten Lauf auf den 16. Rang verbesserte.

Flatscher war ob der Resultate in Aspen nicht glücklich. Aber er ist überzeugt, dass die Fahrerinnen auf dem richtigen Weg sind. Andere hat er momentan auch nicht, «wir bewegen uns immer noch auf dünnem Eis», sagt er zum anhaltenden Problem im Nachwuchs. Und er ist überzeugt, dass der Weg, den er mit seinem Betreuerteam vorgibt, der richtige ist: mit Geduld und Ruhe. Noch bleiben zweieinhalb Jahre.

Erstellt: 30.11.2014, 23:19 Uhr

Artikel zum Thema

Hosp triumphiert – Gisin und Holdener in den Punkten

Mikaela Shiffrin verpasst den Heimtriumph: Dank einem entfesselten 2. Lauf holt Nicole Hosp den Sieg im Slalom von Aspen. Michelle Gisin und Wendy Holdener klassieren sich derweil im Mittelfeld. Mehr...

Der erste Weltcupsieg seit fast sieben Jahren

Ski alpin Aus dem Heimsieg von Mikaela Shiffrin wird nichts. Den Sieg im Weltcup-Slalom von Aspen sichert sich die Österreicherin Nicole Hosp, die im zweiten Lauf vom 7. Platz aus an die Spitze stürmt. Mehr...

Mikaela Shiffrin visiert den ersten Heimsieg an

Ski alpin Mikaela Shiffrin, die Weltmeisterin und Olympiasiegerin, visiert ihren ersten Sieg in ihrer Heimat an. Nach dem ersten Lauf des Weltcup-Slaloms von Aspen (USA) liegt die 19-Jährige vorne. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Blogs

History Reloaded Die erste Frau im britischen Parlament

Mamablog Wem nützen Hausaufgaben eigentlich?

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...