Mittelmass ist viel zu wenig

Trotz Lauberhorn-Glanz und WM-Titel verzeichnet Swiss-Ski einen Rückschritt.

Dominique Gisin wird im Schweizer Frauenteam fehlen. Foto: AFP

Dominique Gisin wird im Schweizer Frauenteam fehlen. Foto: AFP

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Was waren das für grosse Schweizer Tage im alpinen Skiwinter 2014/15! Sieben Fahrer am Lauberhorn unter den Top 12, davon zwei auf dem Podest. Einmal Gold und zweimal Bronze bei den beiden WM-Abfahrten. Das klingt richtig gut.

Das Problem: Sehr viel mehr war da nicht aus Sicht von Swiss-Ski. Der Winter, der gestern mit dem Weltcup­finale in Méribel zu Ende ging, war höchstens mittelmässig. Für einen Verband mit dieser wirtschaftlichen Kraft ist das viel zu wenig. Von einzelnen Lichtblicken abgesehen, war die Saison ein Rückschritt in fast jeder Beziehung: In Méribel hatte niemand die Chance auf eine kleine Kugel; im Nationencup wurden 11 Punkte weniger als im Vorjahr gesammelt, damit ging der 2. Rang hinter Dauersieger Österreich wieder verloren (an Italien); 8 Podestplätze erinnern an den vor allem bei den Männern desaströsen Winter 2012/13, letzten Winter waren es 17; 11 Weltcupsiegen der Vorsaison stehen jetzt 3 gegenüber.

Wenig Impulse der Jungen

Bei den Frauen kam zu den Verletzungen von Dominique Gisin, Marianne Abderhalden und Nadja Jnglin-Kamer die Formschwäche von Lara Gut, die das sehr hohe Niveau des Vorjahres nicht halten konnte. Und das Frauenteam hatte schliesslich im vergangenen Jahr den 2. Rang im Nationencup garantiert, die Männer waren damals schon nur Sechste gewesen.

Was aber sowohl bei den Frauen wie bei den Männern auffiel: Einmal mehr kam von den Jungen wenig. Man muss nicht alle Talente mit Mikaela Shiffrin (USA) oder Henrik Kristoffersen (No) vergleichen. Daniel Yule, Luca Aerni, Gino und Mauro Caviezel, Thomas Tumler, Justin Murisier und Michelle Gisin machen Fortschritte, aber die Konkurrenz scheint sich mindestens gleich schnell zu entwickeln. Gesamthaft entstand so der Eindruck, dass sich einzelne Schweizer und Schweizerinnen verbessert haben, der Abstand zur absoluten Weltspitze dennoch angewachsen ist.

Die Schweizer haben die angestrebten drei Fahrer unter den Top 30 in der Basisdisziplin Riesenslalom – was aber zeigt, auf welch tiefem Niveau die Aufholjagd begonnen hat. Kleinen Fortschritten im technischen Bereich, einer vorsichtigen Verbesserung in der Breite standen eine geringere Ausbeute im Speed und fehlende Top-Ränge der Team­leader gegenüber. Können Beat Feuz und Carlo Janka nach ihren langen Verletzungsgeschichten jemals wieder so dominant auftreten wie einst?

Bei den Frauen werden Dominique Gisin und Marianne Abderhalden nach dem Rücktritt fehlen, sehr vieles hängt von Wendy Holdener im Slalom ab und vor allem davon, mit welchen Massnahmen Lara Gut auf ihre mittelmässige Saison reagiert. Ein neuer Trainer soll kommen und Vater Pauli entlasten, ein Materialwechsel ist wahrscheinlich. Ob das genügt? In der gewaltigen Verantwortung, dass sie allein für den Lohn ihres gesamten Privatteams sorgen muss, sieht sie offenbar kein Problem, an dieser Situation will sie nichts ändern, obwohl der Verband Lösungsmöglichkeiten anbietet.

Was heisst all das für die Zukunft? Rasche Besserung ist nicht zu erwarten. Die Cheftrainer Thomas Stauffer (Männer) und Hans Flatscher fordern gerade bei den Jüngeren immer wieder Geduld. Es ist, wie seit vielen Jahren, eine Frage der mangelnden Breite und damit des fehlenden Nachwuchses. Alpindirektor Rudi Huber hat Mass­nahmen eingeleitet, an der Grundstruktur der nationalen und regionalen Leistungszentren ändert sich vorerst nichts, er beliess es bei personellen Anpassungen. Er wird an diesem Bereich gemessen, auf Weltcupniveau hat er bislang vieles richtig gemacht, er hat es vor allem geschafft, für Ruhe im Betreuerteam der Männer zu sorgen.

Talente für St. Moritz

Das Problem für Huber ist das gleiche wie für alle anderen Beteiligten: Man sieht das Resultat erst in einigen Jahren. Die unmittelbare Tendenz zeigt angesichts der aktuellen Situation in Weltcup und Europacup nach einem kurzen Zwischenhoch im Winter 2013/14 für die kommende Saison wieder nach unten. Im Februar 2017 steht aber bereits die Heim-WM in St. Moritz an. Was dafür Hoffnung macht? Eine Handvoll Talente, die von Verletzungen verschont bleiben müssen – vor allem aber Könner wie Patrick Küng, Gut, Feuz und Janka, die an Tagen wie im vergangenen Winter am Lauberhorn und bei den beiden WM-Abfahrten zu allem fähig sind.

Erstellt: 22.03.2015, 22:18 Uhr

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