Norwegens liebster Straftäter

Petter Northug hat bewegte Monate hinter sich und siegt doch wieder – gestern an der Tour de Ski.

27'000 Franken Busse wegen 1,65 Promille Alkohol im Blut: Petter Nordhug.

27'000 Franken Busse wegen 1,65 Promille Alkohol im Blut: Petter Nordhug. Bild: GEPA

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Für einen Moment schien es, als würde der alte Northug durchdrücken. Gerade hatte sich Petter Northug in einer hektischen 2. Etappe dieser Tour de Ski den Sieg geschnappt, als der Norweger seinen coolen Blick aufsetzte. Auf eine überhebliche Geste wie in früheren ­Jahren aber verzichtete er dann. Der 28-Jährige weiss, warum. Zu viel ist 2014 passiert, als dass sich das Enfant terrible des Langlaufs weitere Aussetzer leisten könnte. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt.

Mit 1,65 Promille Alkohol im Blut war er in der Nacht vom 4. Mai mit seinem Audi A7 und einem Freund in eine Leitplanke gedonnert. Der Sportwagen erlitt Totalschaden, sein Beifahrer einen Schlüsselbeinbruch. Weil ihn der Kumpel decken und behaupten wollte, er sei gefahren, entschwand Northug von der Unfallstelle in Trondheim. Die Polizei ­allerdings weckte ihn wenige Stunden später in seinem Haus. Ihre Hunde ­hatten sie zum Sportler geführt. In drei Verhören behauptete Northug ungerührt, der Freund sei gefahren. Dann gab er zu, gelogen zu haben.

Ob all dieser Ereignisse war Norwegen erschüttert. Northug zählt im Land zu den Superpromis. Darum ist im langlaufvernarrten Land selbst der kleinste Northug’sche Rülpser schon eine Schlagzeile wert. Der 9-fache Weltmeister weiss ­dieses Interesse noch zu steigern. Mit flotten bis beleidigenden Sprüchen, gerne an die Adresse seiner Lieblingsgegner aus Schweden, polarisiert er die Bevölkerung. Sie hat sich geteilt: Die grosse Mehrheit findet Northug schillernd-interessant. Die kleine Minderheit hält ihn für einen ­ungezogen-arroganten Lümmel.

Ärger mit dem Verband

Dass es Northug in den letzten beiden Saisons nur noch mässig lief, steigerte diese Emotionen. Seine berüchtigten Schlussspurts, denen kein Gegner ­gewachsen ist, vermochte er in dieser Zeit bloss anzudeuten. Trotzdem entschied er sich 2013, das Nationalteam zu verlassen und sich in einer Privat­equipe auf die Wettkämpfe vorzubereiten. Mit Coop fand er ausgerechnet einen ­Lebensmittelkonzern als Haupt­sponsor, während die Nationalmannschaft von Spar alimentiert wird. In der Folge entwickelte sich zwischen ihm und dem Verband ein Gezänk. Es flammt stets vor dem Saisonstart auf.

Will Northug nämlich im Weltcup ­dabei sein, muss er in den Nationalfarben mit Spar-Logo auf dem Trikot laufen. Auch in diesem Herbst rangen die ­Parteien lange, ehe sie sich kurz vor dem Auftakt in Kuusamo einigten. Es wirkt für Aussenstehende wie ein absurdes Spiel. Denn sie brauchen sich. Ohne Verband gibts für Northug keine Starts, ohne Northug für den Verband keine derartige Publicity. In dieser Hinsicht änderte sein Unfall also wenig.

Sein Umfeld hingegen musste Northug auf Drängen seines Hauptsponsors auswechseln. Es habe ihn zu stark ­machen lassen, fand man. Weiterhin setzt er auf langjährige Bekannte. Auch sein neuster Trainer ist ein Freund aus Jugendtagen. Er hat Northug in den letzten Monaten immerhin so weit in Form gebracht, dass er wieder siegen kann. Die Tour allerdings dürfte auch der erstarkte Northug nicht gewinnen können. Dafür vermag er die finale Etappe hinauf zur Alpe Cermis einfach nicht schnell ­genug zu klettern.

Fussfessel und Kulanz

Beendet ist seine Unfallgeschichte nicht. Sie wird ihn noch eine Weile beschäftigen. Seit Herbst ist Northug nämlich ein verurteilter Straftäter. 50 Tage Gefängnis erhielt er und eine Busse von umgerechnet 27 000 Franken. Laut Gesetz hat er die Möglichkeit, diese Strafe mittels Fussfessel zu Hause abzusitzen. Er wird den Passus nächsten Herbst/Winter ­beanspruchen. Wann, ist unklar. ­Northug nannte in drei Interviews drei verschiedene Termine: Oktober, November und Dezember.

Obschon er keine Sonderbehandlung erfuhr, behandelte ihn die norwegische Justiz kulant. Normalerweise müssen überführte Unfallverursacher mit mehr als 1,5 Promille Alkohol im Blut in Norwegen ins Gefängnis. Bei Northug drückte man beide Augen zu. Zudem ­erhielt er gar Polizeihilfe. Weil Journalisten die entsprechende Station aufgesucht hatten, in der er sich nach seiner Überführung aufhalten musste, schmuggelten sie ihn aus der Stadt. Dann wurde er von seinem Manager über die Grenze nach Schweden gebracht. Es war ­Northugs Wunsch, weil er glaubte, nun ganz tief zu fallen und sein Sportler­leben verwirkt zu haben.

Als der Wind nach einem öffentlichen Reueschwur drehte, beteiligte er sich an einem Buch, das just vor dem Urteils­spruch herauskam. Darin konnte er seine Sicht der Ereignisse einbringen. Dass er die Beamten dreimal während der Anhörung angelogen hatte, stand nicht darin. Trotzdem hat ihm die Mehrzahl der Norweger verziehen, wie Umfragen zeigen. Nun gewinnt er auch wieder. ­Petter Northug bleibt ein Phänomen.

Erstellt: 04.01.2015, 21:59 Uhr

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