Präzisionskünstler auf Glatteis

Den Eisstocksport kennen einige, betreiben aber nur wenige. Es mangelt an Jungen und Aufmerksamkeit, aber nicht an bunten Geschichten.

Schwungvoll holt der Mann aus und versucht, den Stock möglichst nahe bei einem Ring am Spielfeldende zu platzieren. Am Samstag fanden in Wetzikon die Schweizer Meisterschaften im Eisstock statt. Foto: Raisa Durandi

Schwungvoll holt der Mann aus und versucht, den Stock möglichst nahe bei einem Ring am Spielfeldende zu platzieren. Am Samstag fanden in Wetzikon die Schweizer Meisterschaften im Eisstock statt. Foto: Raisa Durandi

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Das Licht in der Eishalle ist schummrig. Es ist kalt. Und still. Auf der Tribüne sitzen 70 Menschen, allesamt aus der Szene. Sie starren aufs Eis. Dort lässt ein stämmiger Mann gerade so etwas wie einen Curlingsstein aus Kunststoff und Stahl über das Eis schnellen. Er gleitet formidabel. Auch wenn sich gewisse Ähnlichkeiten nicht abstreiten lassen, den Curlingvergleich hören sie hier nicht so gerne.

Sie, das sind die Eisstocksportler. Ihr Spielgerät nennen sie Stock. Zielpunkt ist die Daube, ein Gummiring am anderen Ende des Spielfelds. Es gilt, den Stock möglichst nahe zu platzieren. Dafür gibt es Punkte. «Und tschüss», schreit der Hüne, als sein Versuch einen gegnerischen Stock aus dem Feld schiesst. ­Applaus von den Rängen. Einer schwingt eine Kuhglocke. Dann wieder Ruhe.

Wenn eine Sportart altert – noch rund 200 lizenzierte Spieler gibt es schweizweit. Clubs mit 15 Mitgliedern sind überdurchschnittlich. Foto: Raisa Durandi

In Wetzikon wird an diesem Samstag das beste Eisstock-Team der Schweiz eruiert. Der Weg ist lang, der Wettkampf begann mit 40 Teams. Im Rennen sind noch die Vereine aus Zweisimmen und Solothurn sowie der ESC Rigi und der ESC am Bachtel. Es sind 4 von 25 Clubs in der Schweiz – und jene, welche die Szene dominieren. Am Nachmittag gibt es die erste Überraschung. Der Titelverteidiger Solothurn scheitert, wird nur Vierter.

Der Federer der Eisstockszene

Kurz darauf sitzt Fredy Weyermann im Bistro und spült den Frust mit einem Bier runter. Weyermann ist Solothurns Clublegende. Seit 46 Jahren dabei. Am Vorabend wurde er wieder mal Schweizer Meister im Einzelschiessen, schon zum 52. Mal. Vor kurzem hat ihn die ­Lokalzeitung als Roger Federer des Eisstocksports bezeichnet.

Für den sicheren Halt auf rutschiger Unterlage sorgen Noppen an den Sohlen. Foto: Raisa Durandi

Preisgeld gibt es für ihn aber keines, im Eisstocksport zahlt er nur drauf. Fürs ­Material, die Infrastruktur, Reisen. «Idealismus, Freude, Kameradschaft – dafür zahlt man», sagt Beat Schaufel­berger, OK-Präsident und selbst aktiver Spieler beim ESC am Bachtel. Doch es sind nicht die Kosten, sondern die fehlenden Jungen, die ihn beschäftigen. Der Eisstocksport hat ein Nachwuchsproblem. Das spürt die Szene je länger, je stärker.

Noch etwa 220 lizenzierte Spieler gibt es schweizweit, die meisten schon älter. Besteht ein Verein heute noch aus 15 Mitgliedern, ist das schon überdurchschnittlich. Ein Problem: Grössere Turniere dauern lange, bis zu acht Stunden stehen die Eisstocksportler auf dem Eis. Dazu kommen lange Anfahrtswege. «Vom Sport fasziniert sind zwar einige, einem Verein schliesst sich trotzdem kaum ­jemand an», konstatiert Schaufelberger.

Acht verschiedene Laufsohlen können auf die Stöcke aufgezogen werden. Foto: Raisa Durandi

Wer sich an diesem Nachmittag in der Eishalle umhört, der spürt, dass sich der Eisstocksport unterschätzt fühlt. Womöglich mögen ihre Körper nicht so athletisch erscheinen, aber verkannt werden die Präzisionskünstler in der Tat. OK-Präsident Schaufelberger beschreibt: «Der ganze Bewegungsablauf, die Eisverhältnisse, das Taktische sowie die Materialkenntnisse – da kommt einiges zusammen.» Vor allem Letzteres ist zuweilen eine Tüftelei. Die Eisstöcke bestehen aus Stiel, Stockkörper und Laufsohle, einer Platte aus Gummi. Für ein Match wählen die Eisstocksportler acht verschiedene Laufsohlen, die sich in ihrer Oberflächenbeschaffenheit und somit Gleitfähigkeit unterscheiden. Sie werden stets der Spielsituation angepasst.

Eine WM mit Kenia

Einer, der am frühen Abend gerne noch tüfteln würde, aber zuvor mit seinem Team ausschied, ist Pascal Dal Molin, der Mannschaftsführer des ESC am Bachtel. Seit halb sechs in der Früh steht er in der Halle, weil sein Verein die Meisterschaft organisiert und Manpower fehlt. «Die Leidenschaft muss riesig sein, um das alles mitzumachen», sagt er.

Die Daube ist das Ziel: Möglichst nahe müssen ihr die Stöcke kommen. Foto: Raisa Durandi

Bei ihm ist sie bis heute ausgeprägt. Er trainiert zweimal pro Woche und startet pro Jahr an bis zu 30 Turnieren. Auch die Nationalmannschaft führt er an. Ende Februar steht die WM auf dem Programm, wo neben den Favoriten aus Deutschland und Österreich auch exotische Länder wie Kenia, Namibia oder Venezuela starten, die sonst die Sommerversion des Sports auf Asphalt betreiben. An der WM will Dal Molin wieder jubeln können. Vielleicht so wie die Kollegen aus Zweisimmen, die an diesem Samstag Schweizer Meister werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.01.2018, 20:56 Uhr

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