Sind die Österreicher nach 30 Jahren Dominanz fällig?

Die Schweiz hat die Nationenwertung zuletzt 1989 gewonnen, jetzt steht sie wieder zuoberst. Ein Sieg brächte viel Geld.

Vreni Schneider führte die Schweiz 1989 zum letzten Sieg im Nationencup und sagt heute: «Es lief so gut, dass ich manchmal ein schlechtes Gewissen hatte.» Foto: Getty Images

Vreni Schneider führte die Schweiz 1989 zum letzten Sieg im Nationencup und sagt heute: «Es lief so gut, dass ich manchmal ein schlechtes Gewissen hatte.» Foto: Getty Images

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Wo nur stapeln die Österreicher all diese Schirmständer? Diese Pokale, die abschätzig so genannt werden wegen ihrer etwas unschönen Trichterform – und doch heiss begehrt sind?

30 Stück haben sich angesammelt beim Nachbar. In 30 Jahren. Im März 1989 war passiert, was sich als sporthistorisch herausstellen sollte: Die Schweiz gewann den Nationencup der Skirennfahrer – zum letzten Mal. Seither gab es kein Ankommen mehr gegen die geballte Masse an schnellen Österreichern. Bis jetzt. Vielleicht.

Team Österreich und in der Mitte der Schirmständer. (Bild: Keystone)

Es ist früh in der Saison, erst acht Rennen sind gefahren, und doch versprüht der Blick auf die Länderwertung bei den gebeutelten Schweizern mehr als nur einen Funken Hoffnung. Sie führen tatsächlich, mit 935 Punkten und deren 77 Vorsprung auf die Dauersieger. Allmählich kehrt der Stolz zurück in die Reihen von Swiss-Ski. Das zumindest kann heraushören, wer Carlo Janka letzte Woche sagen hörte: «Wir stehen als Nationalmannschaft am Berg. Das müssen wir ausstrahlen und verkörpern.»

«Es wäre ein starkes Signal»

Urs Lehmann ist der Präsident des Verbandes. Und als solcher besonders interessiert daran, den Schirmständer zurückzuholen. Zumal er als Abfahrer im Winter 1989/90 sein Debüt gab im Weltcup – just in der Saison also, in der die schier unheimliche Baisse begann. «Für Swiss-Ski ist der Nationencup ein Prestigeobjekt», sagt der 50-Jährige, «es gibt kaum Sportarten, in denen die Schweiz Nummer 1 ist. Es wäre ein starkes Signal.»

Es würde sich auch finanziell lohnen. «Wir haben leistungsabhängige Verträge, das heisst: Wir würden von Sponsoren mehr Geld erhalten. Das würde die Kosten von zwei Trainingsgruppen einen Winter lang decken.»

«Nun sind wir in allen Disziplinen so aufgestellt, dass wir richtig viele Punkte holen können. Das spricht für unsere Arbeit in den letzten Jahren.»Thomas Stauffer

Die Gründe für das derzeitige Hoch sieht er zum einen im Rücktritt von Marcel Hirscher, dem überragenden Fahrer der letzten acht Jahre, der in dieser Zeit im Schnitt 1515 Punkte pro Saison beitrug zu den Glanzergebnissen der Österreicher. Zum anderen sagt Lehmann: «Wir haben reagiert auf die Krise 2012/13, wollten 2017 wieder dabei sein und sind nun noch weiter. Wir haben in den medizinischen Bereich investiert, viele Vorkehrungen getroffen – vielleicht ist es Glück, vielleicht aber auch der Grund dafür, dass wir gegenwärtig wenige Verletzte haben.» Fakt ist: Die Schweiz hat in jeder Disziplin bei den Männern und Frauen potenzielle Sieg- oder zumindest Podestfahrer.

Nach Lauf 1 abgereist

Zeitlich nah und doch weit weg sind die Tage, «als wir in den technischen Disziplinen hoffen mussten, dass wir nicht nach dem 1. Lauf bereits wieder abreisen müssen. Jetzt treten wir ganz anders auf, selbstbewusster. Und für mich ist es etwas lustiger, am Hang zu stehen.» So sagt das Thomas Stauffer, seit fünfeinhalb Jahren Cheftrainer der Männer. Unter ihm sind auch im Slalom und Riesenslalom Teams mit einer gewissen Breite und Spitzenfahrern herangewachsen.

Siegen lernen: 2019 tanzte die Schweiz als Team-Weltmeister. (Bild: APA)

«Nun sind wir in allen Disziplinen so aufgestellt, dass wir richtig viele Punkte holen können. Das spricht für unsere Arbeit in den letzten Jahren.» Er redet von den Trainingsbedingungen, vom Konkurrenzkampf innerhalb der Teams, von der Grösse der Trainingsgruppen, die sich zwischen fünf und sechs Athleten bewegt. «Ein Haupttrainer, ein Assistent, ein Konditionstrainer, vielleicht ein Physiotherapeut – sie alle sorgen dafür, dass jeder sein Videostudium bekommt und mit jedem gearbeitet wird: beim Material, bei der Physis, skitechnisch.» Sie hätten die Gruppen möglichst homogen aufgestellt, «Trainingsgruppen sind Interessengruppen», sagt der Berner. Und doch sieht er noch Potenzial. «Vielleicht sind wir derzeit bei 80 Prozent.» Die konstante Tiefe fehle, sagt er. Athleten also, die hinter den Podestfahrern regelmässig Punkte holen.

Die Männer liegen in der Wertung vorne, die Frauen 15 Punkte hinter Österreich. «Erster zu werden, ist eine Vorgabe unseres Präsidenten, ein übergeordnetes Ziel», sagt Frauencheftrainer Beat Tschuor. «Mich beschäftigt das eher weniger.» Auch er redet von der Breite, die noch mangelhaft sei hinter den Top-Athletinnen Wendy Holdener, Michelle Gisin, Corinne Suter und Lara Gut-Behrami. «Wir brauchen dringend Platzfahrerinnen.»

Als Schneider alles gewann

Die hat Österreich. Roland Platzer, Coach der Schweizer Abfahrerinnen, sagt: «Die Masse haben sie nach wie vor, im Speed bei den Männern und den Frauen. Und von unten kommen immer welche nach. Im Europacup haben sie fünf bis sechs Athleten vorne dabei, das gibt eine Dynamik und einen Druck, weil viele Fahrerinnen vor einem Weltcuprennen durch die interne Qualifikation müssen. Wir dagegen müssen im Training Acht geben, dass ja nichts passiert, damit wir wenigstens mit einer Handvoll an den Start gehen können.» Und doch sagt der Südtiroler: «Den Kampf gegen die Österreicher gibt es. Jeder will sie schlagen!»

«Als Patriotin wollte ich die Schweiz gut vertreten, denn ich wusste, dass zu Hause fast jeder am Fernseher zuschaut»Vreni Schneider

Wie es war, 1989, als das letztmals gelang, weiss Vreni Schneider. Die Elmerin gehörte zur goldenen Generation. Pirmin Zurbriggen, Peter Müller und Paul Accola hielten die Schweizer Fahne bei den Männern hoch. Und bei den Frauen neben Schneider Maria Walliser und Michela Figini – die drei Schweizerinnen standen in dieser Reihenfolge im Gesamtweltcup zuoberst. Schneider gewann alle sieben Slaloms, sechs von sieben Riesenslaloms, sogar eine Kombination. «Es lief so gut, dass ich manchmal fast ein schlechtes Gewissen hatte den Gegnerinnen gegenüber», sagt Schneider.

Die Nationenwertung sei ­immer wichtig gewesen. «Als Patriotin wollte ich die Schweiz gut vertreten, denn ich wusste, dass zu Hause fast jeder am Fernseher zuschaut», sagt Schneider. Das Erfolgsrezept? «Wir waren so stark, dass jede einen Weltcupsieg brauchte, um für einen Grossanlass berücksichtigt zu werden. Wir waren Freundinnen, trieben uns aber an. Packte eine 80 Kilo Gewicht auf den ­Rücken, erhöhte die nächste auf 85 und eine weitere auf 90.»

Ein Jahr später kam es zum grossen Bruch. Zurbriggen trat zurück, auch Walliser, Figini, Brigitte Oertli – und Schneider dachte: «Seid ihr wahnsinnig?» Nicht zu Unrecht. Es begann ein Tief, das nach 30 langen Jahren endlich zu Ende gehen soll.

Erstellt: 06.12.2019, 06:38 Uhr

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