Ski-WM im Paralleluniversum

Am bisher einzigen Rennen mochte die Stimmung noch nicht so recht überzeugen. Beim Rahmenprogramm in Vail hingegen schon.

Die Schweizer Heimat in Vail – im Hotel eines Allgäuers. Foto: Harald Steiner (Gepa)

Die Schweizer Heimat in Vail – im Hotel eines Allgäuers. Foto: Harald Steiner (Gepa)

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Die kleine, aber umso emsigere Dele­gation aus Liechtenstein war schwer ­empört. Da waren sie nach dem Super-G der Frauen stolz zur Medaillenvergabe auf die Championship Plaza in Vail gekommen, weil dabei immer die ersten sechs geehrt werden, also auch ihre Tina Weirather mit auf dem Balkon stand. Und was ruft dann der Sprecher ins ­Mikrofon? «Tina Weirather, representing Austria!» Ausgerechnet dem ungeliebten Nachbarn Österreich wird sie zugeordnet. «Die kommt aus Liechtenstein!», schreit ein Mann und schwenkt seine Fahne, die fast so gross ist wie das Fürstentum selbst. Weirather steht oben, sie hat den Zuruf gehört und winkt lachend hinunter zu ihren ungefähr sechs Fans. Papa Harti nimmts gelassen, «zu 50 Prozent stimmt es ja», sagt der Tiroler ­lachend.

Ski-WM in Vail, das ist ein spezielles Erlebnis. In Beaver Creek, wo ausser dem Teamevent alle Wettkämpfe stattfinden, fühlen sich die Fahrer und ­Betreuer wie in einem Paralleluniversum, der normale Wintertourismus lässt sich von diesem Event kaum beein­drucken und schon gar nicht stören. Die Zuschauer kommen zahlreich zu den Rennen, im Super-G war die Tribüne mit gut 5000 Menschen voll. Aber wirkliche Stimmung mochte bisher nur aufkommen, wenn Mitglieder des US-Teams ­unterwegs waren.

Und im etwa 15 Fahrminuten entfernten Vail, wo sich das gesamte Rahmenprogramm mit Medaillenvergabe und Konzerten abspielt? Da bewegen sich an diesem Dienstag sehr viele Leute, aber das ist eher ein Flanieren auf speziellem Boden, auf WM-Boden nämlich, als das Feiern eines Sportevents. «Es ist schön hier», sagt eine etwa 50-jährige Frau im dicken weissen Pelzmantel, «es ist so viel los.» Am Rennen war sie nicht. Wie viele andere Gäste im teuren Nobel-skiort kommt sie aus Südamerika, da hat der alpine Rennsport nicht gerade eine ausgeprägte Tradition. Wer wurde heute Super-G-Weltmeisterin? Die Dame zuckt mit den Schultern. Man fragt lieber nicht, was ein Super-G ist.

Haus teilen mit den Deutschen

Für die üblichen Fanclubs mit ihren Transparenten und Kuhglocken ist Vail schlicht zu teuer, nicht nur wegen Flug und Unterkunft im Hotel, die bis zu 1000 Franken pro Nacht kostet. Im Restaurant von John Elway, dem ehemaligen Quarterback der Denver Broncos und jetzigen Generalmanager des Teams, kostet das Porterhouse 60 Franken, ohne Beilagen. Gut, es ist auch 800 Gramm schwer.

10 Gehminuten vom Elway’s entfernt befindet sich das Hotel Sonnenalp des Allgäuers Johannes Fässler. Er beherbergt in seinem riesigen Anwesen die WM-Häuser der Schweizer und der Deutschen. Auf mögliches Konflikt­potenzial angesprochen, sagt Fässler ­lachend: «Keine Sorge, das Hotel ist gross genug.» Im Deutschen Haus gibt es ­Allgäuer Wurstsalat, täglich frische ­Brezen und Gulasch. Ums Eck im House of Switzerland Forelle Luzerner Art, ­Zürcher Geschnetzeltes und vor allem Raclette und Fondue.

Fondue und Fendant für Maze

An diesem Tag schweben aber dunkle Wolken über dem im typischen Alpenstil gehaltenen Gastraum. Am Vorabend hatte die offizielle Medieneinladung stattgefunden, worauf die Zeitung «Le Matin» eine gross angelegte Polemik ­entfachte, weil kein Schweizer Wein ausgeschenkt wurde. Der «Blick» sprang zur Seite, welsche Politiker mischten ebenfalls sofort mit, allen voran CVP-Präsident und Herzenswalliser Christophe Darbellay. Er sprach von einem «Skandal». Dabei hätte ein Blick aufs Etikett genügt, um den ausgeschenkten Wein als reinen Walliser Fendant zu ent­larven. Die Zeitungen haben die erregten Kommentare mittlerweile von der Website genommen, im Schweizer Haus wird es noch dauern, bis der Ärger abgeflacht ist. Da hat es gut getan, dass Tina Maze ihre Silbermedaille im Super-G bei ­Fondue und Fendant gefeiert hat.

Draussen ist der Trubel gross, die Menschen strömen durch die Strassen und feiern. Was genau, ist nicht so ganz klar, das können auf Nachfrage auch nicht alle spontan sagen. Zur Not feiert man sich und das Leben. Immer wieder halten einem Leute ihr Smartphone entgegen, der Bildschirm ausgefüllt mit der amerikanischen Flagge. «Ich bin wegen Michael Franti hier», sagt eine junge Frau, die mit ihrem Freund gekommen ist. «Uh, ich war so nervös, ihn endlich mal live zu sehen.» Franti ist mit seiner Band Spearhead nach Tina Weirather aufgetreten.

Erstellt: 04.02.2015, 23:20 Uhr

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