«Skispringen ist kein Risikosport»

Der Schweizer Skisprung-Chef Berni Schödler fordert, nach dem schweren Sturz von Simon Ammann in Bischofshofen nicht die gesamte Sportart zu verteufeln.

Wenn Ammann eine Schanze in Angriff nimmt, möchte er möglichst am Limit springen. Das zeichnet ihn aus. Foto: Feichter (Freshfocus)

Wenn Ammann eine Schanze in Angriff nimmt, möchte er möglichst am Limit springen. Das zeichnet ihn aus. Foto: Feichter (Freshfocus)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Simon Ammann 2002 in Salt Lake City erstmals Doppel-Olympiasieger wurde, war Berni Schödler sein Trainer. Der 43-Jährige aus St. Moritz bestach immer durch seine Ruhe und sein Fachwissen, sein Wort findet in der Springerszene Gehör. 2007 trat er nach 10 Jahren als Chefcoach zurück, widmete sich erst dem Schweizer Nachwuchs und wechselte dann zum russischen Verband. 2010, nach Ammanns zweitem olympischem Doppelsieg, kehrte Schödler als Chef Skisprung zu Swiss-Ski zurück.

Skispringen gilt nicht als ­ausgeprägter Risikosport. Muss man diese Sichtweise nach den schweren Stürzen von Simon Ammann und dem Amerikaner Nick Fairall in Bischofshofen korrigieren?
Nein. Erstens wird es nicht von vielen betrieben, und die, die es tun, sind sehr gut ausgebildet und werden permanent von Fachleuten begleitet. Zudem werden die Schanzen so gebaut, dass möglichst wenig passiert, es ist immer eine Jury im Einsatz, die versucht, das Risiko zu vermindern. Für mich ist deshalb Skispringen kein Risikosport.

Wenn etwas passiert, sieht es schlimm und spektakulär aus. Diese Bilder bleiben.
Natürlich. Die Athleten bewegen sich in der Luft, und wenn dann etwas passiert, ist das spektakulär. Ammanns Sturz sah aber nicht spektakulär aus. Spektakulär war die Tatsache, dass er nicht aufgestanden ist. Solche Stürze bei der Landung passieren immer wieder, man schüttelt sich, steht auf und geht. Wenn der Athlet dann aber liegen bleibt, werden Diskussionen und Gefühle ausgelöst.

Ammann bewegt sich in seinen Sprüngen stets am Limit.
Das ist seine Art und seine Philosophie: Er will weit springen, er will mit einem hohen Tempo fliegen, die Aerodynamik für sich nutzen. Mit dieser Philosophie konnte er unglaubliche Erfolge feiern. Ich würde sie jetzt auf keinen Fall schlechtreden. Er hat in Bischofshofen einen kleinen Fehler bei der Landung gemacht, das kann immer und jedem passieren. Die 136 Meter, die Ammann geflogen ist, haben andere gestanden.

Es gab in Bischofshofen zwar nicht gerade viele Stürze, aber deutlich mehr als gewohnt. Hätte die Jury eingreifen müssen?
Das tut sie, wenn sie es für nötig hält. In Bischofshofen hatte ich nicht das ­Gefühl, dass von der Präparation her ein Problem vorgelegen wäre. Aber es ist klar: Schnee verändert sich, es gibt Rillen, das kennt man auch vom alpinen Rennsport. Und wenn du in so eine Rille hineinfährst, ist es einfach blöd.

Müssen die Verantwortlichen beim internationalen Skiverband ­vermehrt über das Material ­diskutieren? Vor allem über das Tüfteln, das Ausreizen von ­Reglementen?
Es wird einiges getan in dieser Hinsicht. Wir haben jetzt schon neue, robustere Helme im Einsatz, was Ammann sicher geholfen hat. Ich finde auch, dass gerade bei den Anzügen sehr viel gemacht wurde, das ist für die Jury jetzt viel besser zu steuern. Es ist nicht mehr so, dass im Wettkampf einer – im wahrsten Sinn des Wortes – wegfliegt. Das war vor nicht allzu langer Zeit noch anders.

Gehen die Flüge zu weit hinunter?
In Innsbruck wurde zweimal der Schanzenrekord verbessert, und alle haben von einem fantastischen Wettkampf ­geredet. Da sind die Springer in einem Bereich gelandet, wo es gar keine Linien mehr gab im Schnee. In Bischofshofen gab es zwei schwere Stürze, und plötzlich ist es ein Springen, das viel zu gefährlich war. Der Grat ist sehr schmal.

Es gab Diskussionen um den ­Norweger Anders Jacobsen, dessen Anzug beim Sieg in Garmisch am Arm weit über den Rist hinaus- ragte. Warum hat die Schweizer Delegation den geplanten Protest zurückgezogen?
Wir hatten gar nie einen Protest geplant. Das ist nicht unsere Art. Dafür gibt es die zuständigen FIS-Funktionäre.

Was ist der Vorteil für den Springer, wenn der Ärmel weiter vorragt?
Ich weiss nicht, ob es überhaupt ein Vorteil ist. Aber im Reglement ist festgehalten, wo der Ärmel aufhört. Und dann muss man dieses auch durchziehen.

War das anders, als Ammann vor fünf Jahren mit dem gebogenen Bindungsstab die Konkurrenz ­überraschte?
Ja. Es handelte sich damals um die ­Modifikation eines bestehenden und ­reglementskonformen Ausrüstungs­gegenstandes. Das ist von der Jury so bestätigt worden.

Ausgerechnet jetzt geht es am ­Wochenende zum Skifliegen an den Kulm. Die Organisatoren protzen mit der umgebauten Schanze, auf der nun Flüge bis zu 240 Metern möglich sein sollen. Der Laie ­wundert sich.
Das ist sehr verständlich nach diesen Stürzen. Aber es macht eben auch die Faszination dieser Sportart aus. Und man darf nun nicht alles verteufeln. Es wurde viel für die Sicherheit gemacht, im Bindungsbereich ist viel passiert, die Athleten sind besser ausgebildet. Da springen keine Touristen am Kulm, das sind Spitzensportler, die darauf vor­bereitet sind und sich auf diesen Event auch extrem freuen. Ich spüre die ­Vorfreude auf diese Herausforderungen auch bei uns im Team immer wieder.

Wer aus dem Schweizer Team springt am Kulm?
Das müssen wir jetzt schon nochmals anschauen. Geplant waren – neben ­Ammann natürlich – Gregor Deschwanden und Gabriel Karlen.

Wird ihnen der Start am Kulm nun freigestellt?
Das ist immer so, jeder Springer hat stets die Option, nicht zu springen. Da wird es nie einen Betreuer geben, der sagt: «Ich habe dich gemeldet, jetzt springst du auch.» Es hängt immer von den Verhältnissen ab, vom Wind, vom Wetter, von der Schanze. Das können unsere Trainer sehr gut einschätzen.

Erstellt: 07.01.2015, 20:03 Uhr

«Da springen keine Touristen, das sind Spitzensportler, die darauf vorbereitet sind»: Schweizer Skisprung-Chef Berni Schödler. Foto: Keystone

Schwere Hirnerschütterung

Ammann muss im Spital bleiben

Simon Ammann erlitt bei seinem Sturz eine schwere Hirnerschütterung, heftige Prellungen und Schürfwunden im ­Gesicht, aber keine Knochenbrüche. Der Toggenburger wird auf unbestimmte Zeit im Spital im österreichischen Schwarzach bleiben, seine Frau Yana und Cheftrainer Martin Künzle sind bei ihm. Ammann muss weiter medizinisch beobachtet werden und braucht nun vor allem Ruhe.

Kreuzbänder und Schlüsselbeine sind zwar nicht in Mitleidenschaft gezogen, doch ist mit einer Hirnerschütterung nicht zu spassen. Das zeigt sich schon daran, dass sie in Medizinerkreisen als «leichtes Schädel-Hirn-Trauma» bezeichnet wird. Weitere Untersuchungen werden zudem ergeben müssen, ob eine Schädelprellung und eine Hirnquetschung ausgeschlossen werden ­können. Dies alles bestimmt letztlich, wie der weitere Heilungsverlauf ein­geschätzt werden kann. Massgeblich für den Schweregrad einer Hirnerschütterung ist seit den 70er-Jahren die ­sogenannte Glasgow-Koma-Skala. Dabei muss der behandelnde Arzt abklären, wie die Augen des Patienten reagieren, sowie seine verbalen Äusserungen und die motorischen Reaktionen auf einer Skala beurteilen.

Gerade im Spitzensport mit seinen ­immer wiederkehrenden enormen physischen Belastungen werden Hirn­erschütterungen mit grosser Vorsicht ­beobachtet. Man kennt die Folgeschäden zum Beispiel im American Football sehr genau, wo das Regelwerk an dieses Problemfeld immer wieder angepasst wird.

Ob Ammann seine Karriere weiterführen kann, ist bei einer solchen Verletzung momentan nicht abzuschätzen. Auch nicht, ob er möchte. Oder ob er ­gerade so nicht aufhören will. Das alles wäre zum jetzigen Zeitpunkt blosse ­Spekulation.

Christian Andiel

Artikel zum Thema

Erster Befund bei Simon Ammann

Die Ärzte haben nach dem fürchterlichen Sturz des Schweizer Skispringers in Bischofshofen eine schwere Gehirnerschütterung diagnostiziert. Mehr...

So gefährlich leben Skispringer

Video Zum zweiten Mal innert weniger Tage ist Simon Ammann gestürzt. Solche Bruchlandungen sind im Skispringen leider keine Seltenheit. Mehr...

Aggressiv bei Tempo 130

Analyse Simon Ammann ist berühmt und bewundert für seinen riskanten Stil. Sein Problem? Die Landung – seit jeher. Die Folgen können verheerend sein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung Durchgestartet als alleinerziehende Mutter

Geldblog Sind Genossenschafts-Investitionen sicher?

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...