So kämpft Adelboden gegen den Klimawandel

Im Berner Oberland kämpfen die Organisatoren für die Weltcuprennen und gegen die Temperaturen. Die klimatischen Veränderungen treffen auch andere Veranstalter.

Ein weisses Band und rundherum viel Grün: Die Piste in Adelboden. (Bild: Christian Pfander)

Ein weisses Band und rundherum viel Grün: Die Piste in Adelboden. (Bild: Christian Pfander)

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Da liegt es wieder, dieses breite, weisse Band mit den roten Fangnetzen. Daneben: viel Grün. Der Schnee, fast schon ein Fremdkörper im tiefsten Winter von Adelboden. Produziert im Dezember, in Tausenden Arbeitsstunden aufgeschichtet fürs Skispektakel, das am Wochenende am Chuenisbärgli steigt. «Und daneben wachsen die Schwammerl», sagt Markus Waldner.

Er ist nicht ins Berner Oberland gekommen, um Pilze zu sammeln, er ist der Renndirektor des Internationalen Skiverbandes FIS. Und als solcher vor allem an einem interessiert: dass gefahren wird, damit im engen Rennkalender nichts ins Stocken gerät. Da mag es noch so warm sein, noch so grün. Das findet der Südtiroler zwar «nicht allzu romantisch», doch er hat sich ans Bild gewöhnt. Gerade im Berner Oberland.

Die Täler haben hier eine Ausrichtung von Südwest nach Nordost und werden so zu Kanälen für den Südwestwind, der die kalte Luft hinausfegt und das Thermometer nach oben treibt. Eben auch auf 1350 Metern wie in Adelboden. Waldner sagt: «Adelbodens Rennleiter Hans Pieren hat mir einmal gesagt: ‹Wenn die Zugvögel gen Süden fliegen, machen sie halt bei uns.›»

Der Schnee vom Helikopter

Gestern kam aus dem nahen Wengen eine Nachricht. Dort sollen nächste Woche die Lauberhornrennen stattfinden: Wegen der Temperaturen habe aber der Slalomhang nicht gut genug beschneit werden können. Aus dem Hanegg-Gebiet wird nun mit Helikoptern Schnee eingeflogen.

Der Aufwand für die Weltcuprennen ist riesig – und wird immer grösser. Der Klimawandel liess die Schneefallgrenze in den letzten 100 Jahren von rund 450 auf 850 Meter steigen. «Machen wir weiter wie bisher, wird sie bis Mitte des Jahrhunderts um weitere 400 Meter steigen. Und bis Ende des Jahrhunderts auf etwa 1700 Meter. Davos auf 1600 Metern hätte dann ähnlich viel Schnee wie früher das Mittelland», sagt Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich. Und selbst wenn die Klimaziele bis 2050 erreicht würden, müsse die Schweiz «mit einem Anstieg von ein bis zwei Grad rechnen». Aufgewachsen ist Knutti in Gstaad, «auf der Sonnenseite ist es zurzeit ganz grün. Da sehen wir, was der Mensch angerichtet hat.» Die künstlichen Schneebänder wie in Adelboden stehen für ihn «als Sinnbild für den Klimawandel. Sie sind neben den schmelzenden Gletschern die sichtbarsten Zeichen.»

Ohne Kunstschnee oder technischen Schnee, wie sie ihn in den Bergen lieber nennen, würde vielerorts nicht mehr Ski gefahren. Und Weltcuprennen gäbe es erst recht nicht mehr. FIS-Renndirektor Waldner sagt: «Naturschnee ist Schnee von gestern.» Zu wenig kompakt ist er für die Ski der Profis, die immer aggressiver werden und sich tiefer ins Weiss graben. «Früher hatte es Löcher auf der Piste, weil es keinen Unterbau gab. Heute ist das nicht mehr akzeptabel, die Piste muss halten», sagt Waldner. Dafür kann beschränkt mit Wasser präparierter Naturschnee sorgen, vor allem aber künstlich produzierter Schnee. Dieser gibt auch eine gewisse Planungssicherheit – und die ist entscheidend für die FIS. «Ich will keinen Ort im Kalender haben, der nicht bereit ist, die Schneeproduktion voranzutreiben und so eine Art Garantie abzugeben», sagt Waldner.

Teures Herunterfahren

Im Bregenzerwald, in den Vogesen oder im Schwarzwald wird deswegen längst nicht mehr gefahren. Viele andere Rennen standen schon auf der Kippe. Das jüngste Beispiel: Maribor, slowenische Weinregion, mildes Klima. «Die Gemeinde wollte nicht in Anlagen investieren», sagt Waldner, «doch seit letztem Jahr gibt es einen neuen Besitzer, der mit Vollgas in diese Richtung geht.»

In allen Weltcuporten wurden oder werden die Beschneiungssysteme modernisiert. Auch in Adelboden. «Eine Mehrbelastung» nennt das Rennleiter Pieren, «aber viel extremer ist es für den Tourismus. Es werden Millionen benötigt für die Beschneiung. Früher kostete das Hinauffahren auf den Berg, heute ist das Herunterfahren teurer.»

«Es gibt Luft nach oben.»FIS-Renndirektor Markus Waldner

Die Organisatoren in Adelboden hätten einiges getan, «sonst würden wir an diesem Wochenende sicher nicht fahren», sagt Waldner. «Aber es gibt Luft nach oben.» Anderswo sei gewaltig aufgerüstet worden, sagt er und nennt Alta Badia in den Dolomiten als Beispiel. «Die brauchen 48 Stunden kalte Temperaturen, dann können sie mit ihren Kanonen den Schnee für die gesamte Rennpiste herstellen.»

Mancherorts ist man nicht einmal mehr angewiesen auf Minustemperaturen, weil mit Reservoiren gearbeitet und mittels Kühlsystemen das Wasser auf die gewünschte Temperatur gebracht wird. In Madonna di Campiglio, wo am Mittwoch zum Nachtslalom gestartet wurde, sei vor fünf Jahren ein Reservoir für 200'000 Kubikmeter Wasser erbaut worden. Kostenpunkt: fünf Millionen Euro. «Dafür ist die Touristenpiste immer bereit», sagt Waldner. Und eben auch die Rennstrecke.

In Zagreb oder Sölden produzieren sie bereits im Sommer Schnee, lagern ihn, geschützt mit einer Filzdecke, in Depots und bringen ihn im Winter an den Hang. Nur rund 20 Prozent gingen verloren, sagt Waldner.

«Man kann die Natur nicht überlisten»

Überhaupt hält technischer Schnee viel aus. In Skigebieten liegt er nicht selten auch zwei Monate nach der Saison noch. Dennoch sagt ETH-Professor Knutti: «Technischer Schnee hat zwar einen Teil der Probleme abgefedert, aber er hat seine Grenzen. Irgendwann ist es auch für ihn zu warm. Man kann die Natur nicht überlisten.»

Waldner sieht die grossen Probleme woanders: «Es wird alles extremer: extreme Temperaturschwankungen, extremer Wind. In Garmisch kann es wie letztes Jahr beim ersten Training wunderbar winterlich sein und am nächsten Tag bei 13 Grad regnen. Und der Guggiföhn, der im Berner Oberland bläst, war in letzter Zeit mehr ein Hurrikan.»

«Es wäre die Horror-Aussenwirkung: Adelboden gälte nicht mehr als attraktives Skigebiet.»Rennleiter Hans Pieren

In Wengen hat der heimische Wind für manche Aufregung gesorgt. In Adelboden tut das die Wärme. «Wenn es mit der Entwicklung so weitergeht, werden die Probleme noch viel grösser», sagt Pieren. «Vielleicht müssten wir irgendwann mit dem Rennhang weiter hinauf.»

Mit aller Kraft wollen er und sein Team festhalten an den Rennen. «Hätten wir diese wegen Schneemangels nicht mehr, könnte Adelboden sterben. Es wäre die Horror-Aussenwirkung: Adelboden gälte nicht mehr als attraktives Skigebiet», sagt Pieren und hofft, dass am Wochenende nicht viel Grün zu sehen sein wird auf den Fernsehbildern.

Adelboden und seine Wetterkapriolen

1984: Ein Bergrutsch verschüttet die Zufahrt nach Adelboden, 10'000 Kubikmeter Schutt liegen herum. Im Einbahnverkehr auf einer Ausweichstrasse kommen die Fans hoch - deutlich weniger als üblich.

1996: Nach drei Absagen in Serie gibt es wieder ein Rennen. Es ist warm, die Schneedecke dünn - sogar der Abrieb der Kunsteisbahn wird an den Berg transportiert, um die Strecke nach einem Föhneinbruch fahrbar zu machen.

1998: Frühlingswetter im Winter, das weisse Band droht wegzuschmelzen. 4000 Kubikmeter Schnee werden an den Hang geschafft, in 450 Lastwagenladungen, teils vom Grimselpass. Es gibt heftige Kritik von Umweltschützern - aber es kann gefahren werden.

2001: Für die Beschneiung wird Wasser aus dem Allenbach gepumpt - ohne Bewilligung. Naturschützer gehen auf die Barrikaden, OK-Chef Peter Willen gerät in die Mühlen der Justiz. Es gibt einen einjährigen Strafregistereintrag.

2016: Die Winterjacke braucht niemand, Schnee kann nur in kälteren Gebieten produziert werden und wird aus 90 Kilometern Entfernung gebracht. Der riesige Aufwand ist vorerst für die Katz: Weil es nicht aufhört zu regnen, wird der Riesenslalom abgesagt.

2018: Wegen Unwettern wird die Strasse nach Adelboden zerstört, es gibt ein 15 Meter langes Loch. Dank einer Notbrücke kommen alle hoch, mit 41'000 Zuschauern am Wochenende gibt es gar einen Rekord. (phr)

Erstellt: 11.01.2020, 08:26 Uhr

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