Sorgen um Simon Ammann

Der Schweizer stürzte an der Vierschanzentournee erneut bei der Landung und musste ins Spital gebracht werden. Sein Zustand ist stabil, er ist ansprechbar und kann alles bewegen.

Kopfvoran stürzt Ammann auf den hart präparierten Schnee in Bischofshofen. (Video: Youtube/amordeo76)


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Es war ein schlimmer Sturz. Simon ­Ammann segelte im zweiten Durchgang in Bischofshofen auf hervorragende 136 Meter, doch bei der Landung bekam er den Körperschwerpunkt nicht rechtzeitig um die entscheidenden paar Zentimeter zurück, auf der sehr glatten Piste zog es ihm die Ski nach aussen, er knallte mehrfach mit dem Gesicht in den pickelharten Schnee. Und blieb regungslos liegen. Die grosse Hektik unter den Sanitätern, die sofort bei ihm waren, verhiess nichts Gutes.

Bis am Abend kam keine wirkliche Entwarnung. Ammann wurde noch an der Schanze im Rettungswagen erstversorgt, es wurden sofort Infusionen gelegt, erst nach etwa 20 Minuten fuhr die Ambulanz ab. Seine Frau Yana und das drei Monate alte Söhnchen Théodore mussten die schlimmen Szenen im Stadion miterleben, zum Spital in Schwarzach fuhren sie nicht mit. Dort wurde Ammann untersucht, er war mittlerweile wieder bei Bewusstsein. Er sei in einem stabilen Zustand, ansprechbar und habe alle Gliedmassen bewegen können, hiess es in einer Mitteilung des Verbandes. Mehr kann erst heute im Laufe des Tages gesagt werden.

Als Ammann im Auslauf lag, war sein Gesicht blutig. Es war nicht klar, ob es sich nur um Schürfwunden handelte, oder ob er aus Nase oder Mund blutete. Schlimme Bilder kamen in diesem ­Moment hoch, Erinnerungen an Ammanns schweren Sturz in Willingen im Januar 2002, gar an Daniel Albrecht, als er im Januar 2009 im Helikopter von der Streif ­abtransportiert werden musste und ­danach wochenlang im künstlichen ­Heilschlaf lag wegen eines schweren Schädel-­Hirn-Traumas.

Aufprall mit 130 km/h

Im Moment des Sturzes war Ammann mit einer Geschwindigkeit von etwa 130 km/h unterwegs. Der ehemalige ­österreichische Spitzenspringer Andreas Goldberger war total entsetzt. Der ­Österreicher wunderte sich, dass «sich der Simon überhaupt nicht dagegen gewehrt hat, der hat gar nicht versucht, Arme oder Hände schützend hochzureissen». Das könnte darauf hindeuten, dass Ammann schon nach dem ersten Aufprall das Bewusstsein verlor, und dass auch eine Verletzung des Schlüsselbeins nicht ausgeschlossen ist.

Ammann ist ein Athlet, der immer am Limit springt, und zwar in jeder Phase, vom Absprung bis zur Landung. «Er riskiert stets sein letztes Hemd», formulierte es gestern der deutsche Cheftrainer Werner Schuster, der einst auch mit ­Ammann gearbeitet hatte. Dazu kommt das neue Material. Etwa die gebogenen Bindungsstäbe, durch die die Knie nach innen gedrückt werden. Dadurch können die Ski beim «V» breiter gestellt werden. Aber dadurch gerät auch bei der Landung die Körperachse aus der Balance. Man kann damit klarkommen, Stürze sind eine Seltenheit. Aber der Grat, auf dem alles gut geht, wird schmaler.

Zumal bei schwierigen Bedingungen: Gerade in Bischofshofen konnten mehrere Springer einen Sturz nicht vermeiden, Anders Bardal (No) und Noriaki ­Kasai (Jap) gelang dies nur mit äusserster Mühe. Erst bremste am Montag ­Neuschnee die Athleten abrupt ab. Dann wurde es immer eisiger und rutschiger. Am schlimmsten erwischte es den Amerikaner Nick Fairall, der am Montag an der Wirbelsäule operiert werden musste, nachdem es ihm in der Qualifikation ebenfalls die Ski verrissen hatte.

Unkontrollierbare Kräfte

Bei seinem Sturz beim Auftaktspringen in Oberstdorf verlief die Sache für Ammann glimpflicher – der Schnee war weich, und er bekam Arme und Hände vor den Körper. Er habe alles richtig gemacht, lobte ihn damals Trainer Martin Künzle. «Ich habe den Eindruck», sagte Schuster gestern, «dass Simon diesen richtig guten Sprung auf jeden Fall stehen wollte, er hat gekämpft bis zum letzten Meter.» Und gerate dann das gesamte System aus der Balance, sei es wie beim Auto, das ins Schleudern komme, sagte Schuster: «Da entstehen Kräfte, die kann man kaum kontrollieren.»

Die Konkurrenten waren sichtlich erschüttert. Der Schweizer ist beliebt im Weltcupzirkus, gerade die jungen Österreicher sind erklärte Fans von ihm, ­sehen ihn als Vorbild. «Es tut mir so leid um Simon», sagte Tagessieger Michael Hayböck. «Wir sind zusammen zur Schanze hochgefahren und haben uns gegenseitig motiviert.»

Man muss nun abwarten, welche ­Verletzungen Ammann erlitten hat, ehe klar ist, wie es bei ihm weitergeht. Um hier optimistisch abzuschliessen, sei nochmals an Ammanns Sturz in Willingen erinnert. Damals erlitt er Abschürfungen im Gesicht, Prellungen und eine Hirnerschütterung. Vier Wochen später wurde er in Salt Lake City Doppel-­Olympiasieger.

Erstellt: 06.01.2015, 22:43 Uhr

Die Sieger

Ein Weltklasse-Zimmer

Hayböck gewinnt das letzte Springen, Kraft die Tournee.

«Das war genau unser Plan: Der Michi gewinnt in Bischofshofen, und ich gewinne die Tournee.» Es war ein guter Plan, den sich Stefan Kraft und Michael Hayböck da ausgeheckt hatten. Kraft war als Leader zum letzten Springen gereist, er gab sich keine Blösse und sicherte auf seiner Heimschanze in Bischofshofen den siebten österreichischen Gesamtsieg in Folge, dazu reichte ihm der dritte Rang hinter Hayböck und Noriako Kasai. «Es ist der Wahnsinn, hier zu springen», sagte er, der fünf Minuten von der Anlage entfernt aufgewachsen ist. «Man weiss, wie viel Zuschauer im Stadion sind, wie sie die Fahnen schwenken.» 20'000 waren es gestern, und Kraft gab zu, dass er schon ein wenig nervös gewesen sei, als er auf die Kante beim Absprung zugefahren ist. «Aber sobald ich am Fliegen war», ergänzte er strahlend, «wars nur noch geil.»

Für seinen Zimmerkollegen Hayböck ging gestern ebenfalls ein Traum in Erfüllung. «Ich habe immer gesagt: Wenn ich mir den Ort für meinen ersten Weltcupsieg aussuchen könnte, würde ich ein Tourneespringen in Österreich wählen.» Gesagt, getan. In Innsbruck sprang er Schanzenrekord, verpasste den Sieg aber, weil er in den Schnee griff. Gestern wurde aus dem erstaunlich konstanten Top-10-Springer des Winters ein Sieger. Im Weltklasse-Zimmer Kraft/Hayböck wird letzte Nacht sehr spät die Ruhe eingekehrt sein.

Dabei steht ruck, zuck schon wieder die nächste Aufgabe an. Der Hype um die neue österreichische Adler-Generation wird am kommenden Wochenende ungebrochen weitergehen. Dann treffen sich die Skiflieger am Kulm in Bad Mitterndorf an der modernisierten Schanze. Wenn sich Hayböck und Kraft weiterhin derart helfen und gegenseitig unterstützen und antreiben, wird es schwierig für die Konkurrenz.
Christian Andiel

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