Turbulenzen auf dem Planeten Podladtchikov

Das Olympiagold in Sotschi hat bei Iouri Podladtchikov alles auf den Kopf gestellt – der Snowboardstar über die Kehrseite der Medaille.

«Die Melancholie hat auch etwas Schönes»: Iouri Podladtchikov im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet im Hotel Mövenpick in Regensdorf.
Video: Sebastian Rieder

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Die langen Haare sind weg, der getrimmte Schopf unter einer Wollmütze versteckt. Iouri Podladtchikov, auch Ipod genannt, wirkt gezähmt und seine Worte bedienen den Blues: «Es gibt Momente der Einsamkeit», sagt er. Es ist kein Lied, das er anstimmt, sondern nur das Leid – ein Gefühl der Leere –, das ihn in der Zeit nach der Goldmedaille im Februar erfasst hat und bis heute beschäftigt.

Der Triumph von Sotschi katapultierte Podladtchikov in eine neue Sphäre. Der pausenlose Applaus und die ständige Anerkennung in der Öffentlichkeit haben den 26-jährigen Zürcher den ganzen Sommer hindurch begleitet und ihm unzählige Anfragen rund um den Globus beschert. «Ich hätte nie gedacht, dass sich mein Leben so verändern würde, dass für mich Interviews plötzlich zum täglichen Brot werden. Das ist ein bisschen crazy.»

Talkshows hier, roter Teppich da. Gefragt waren vor allem seine eigenwilligen Gedanken. Manchmal verrückt und so entrückt von allem Irdischen, dass einem das Gefühl beschleicht, der Snowboard-Star lebe auf einem anderen Stern. Podladtchikov gefällt die Metapher und er schmückt das Bild. «Auf dem Planeten Podladtchikov geht es immer turbulent zu und her. Aber es geht ihm gut.»

Antarktis statt Karibik

Das Leben im Rampenlicht hat aber auch seine Schattenseite. «Man wird plötzlich anders wahrgenommen. Die Leute distanzieren sich, weil sie denken, dass man plötzlich unnahbar ist», sagt Podladtchikov, «und das stimmt teilweise auch.» Er schafft Distanz, schottet sich ab, notgedrungen. «Ich wurde 100'000 Mal gefragt, wie man so eine Goldmedaille verarbeitet.»

Die ständige Reflektion führt dazu, dass das Gold an Glanz verliert, die zunehmende Demaskierung seiner Persönlichkeit drängt Podladtchikov in die Enge, er plant die Flucht vor dem Olympiafluch. Die Reiseprospekte türmen sich in seiner Wohnung. Sonne, Strand und Palmen? Mitnichten. In der Sehnsucht nach Ruhe sucht er die Stille des ewigen Eises. «Ich wollte mich mit einer Reise in die Antarktis belohnen.»

Seine Traumdestination bleibt vorerst ein Traum. Die kommerziellen Kreuzfahrtschiffe erschliessen die südliche Polarkappe nur im Dezember und Januar, just in dieser Zeit, in der die wichtigsten Wettkämpfe anstehen und er an der WM die Titelverteidigung in der Halfpipe anstrebt. «Dann kann ich unmöglich weg. Den Kopf lüften und Ferien machen wird sowieso erst nächstes Jahr möglich sein.»

Drang nach Vollkommenheit

Bis dahin trägt ihn die Lust am Snowboarden. Bei allem Schwermut, der Hunger ist noch nicht gestillt. Ihm dürstet nach weiteren Erfolgen und der perfekten Ästhetik. «Alle denken, Olympiagold ist nicht mehr steigerbar. Aber ich will noch mehr, ich will noch schöner fahren.»

Dieser Ansport verleiht der Last seiner Leidenschaft auch eine gewisse Leichtigkeit. Gerade in Zeiten der grössten Einsamkeit hat er einen neuen Antrieb gefunden: «Die Melancholie ist auch etwas Schönes, man beginnt zu träumen, und das bringt dich normalerweise auch weiter.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.11.2014, 15:05 Uhr

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