Über Umwege zum puren Glück

Beat Feuz gewinnt am Lauberhorn – ein weiterer Mosaikstein in einem einzigartigen Bild

Schussfahrt vor prächtiger Bergkulisse: Beat Feuz bei der Minschkante auf dem Weg zum zweiten Lauberhorn-Triumph

Schussfahrt vor prächtiger Bergkulisse: Beat Feuz bei der Minschkante auf dem Weg zum zweiten Lauberhorn-Triumph Bild: Christian Pfander

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist ein Satz nur, einer von Hunderten, die Beat Feuz an diesem Samstag im Zielraum von Wengen sagt. Er ist banal, wäre keine Notiz wert, käme er nicht von ihm. «Es ist gerade ganz ähnlich wie 2012, ich fühle mich fit, ich bin fit.» Das sagt der Emmentaler also. Damals hatte ihm der Triumph am Lauberhorn den bis dahin grössten Moment seiner Karriere beschert, das schon. Doch er war eben nicht viel mehr als die logische Konsequenz in einer Saison gewesen, die bis ­heute seine beste geblieben ist.

Feuz damals: Dauergast auf dem Podest. Der Sieg in Wengen: normal, irgendwie. «Es lief brillant, ich war im Flow», so beschreibt Feuz den Zustand, in dem er sich da befand. Und nun also steht er wieder am Fusse von Eiger, Mönch und Jungfrau, und die Menge jubelt ihm zu, als Sieger der sagenumwobenen Lauberhornabfahrt.

Sechs Jahre liegen dazwischen. Sechs Jahre, die diesen Satz so bemerkenswert machen. Dass es ihm an diesem Samstag ganz ähnlich gehe wie damals, dass er sich fit fühle, dass er fit sei. Es ist alles andere als selbstverständlich und passt so gut zur Geschichte des Ausnahmefahrers aus dem 900-Einwohner-Dörfchen Schangnau, die kaum etwas gemein hat mit einer geradlinigen Karriere eines Spitzensportlers.

Von den ersten Schwüngen in den Rollstuhl

Noch vor seinem zweiten Geburtstag steht Beat Feuz erstmals auf Ski. Und beeindruckt die Eltern bereits mit seinen ersten Schwüngen. «Man musste ihm gar nichts beibringen, er konnte einfach fahren», so erzählt es Hedi Feuz, die Mutter, und schüttelt noch heute ungläubig den Kopf. «Ein Jahr später ging er allein mit dem Skilift hoch – es war wunderschön, mit ihm auf der Piste unterwegs zu sein.» Es habe nicht allzu lange gedauert, bis er ihr davongefahren sei, sagt sie.

Nach der Schule steckte Beat Slaloms aus, «das machte er gern – im Gegensatz zu Dingen im Haushalt», erzählt Hedi Feuz. «Da war er etwas faul. Wenn ich ihn viermal mit dem Gleichen beauftragte, dachte er nur: Ein fünftes Mal wird die Mutter ja sicher nicht fragen. Und so war es dann meistens auch.» Sieben ist Beat Feuz, als er sein erstes Kinderrennen gewinnt. Noch im gleichen Jahr zeigt ihm sein Körper erstmals die Grenzen auf. Bei einem Wettkampf in Adelboden brechen ihm beide Fersen, drei Monate lang sitzt er im Rollstuhl.

Beat Feuz, der Slalomspezialist

Es ist 2002, Feuz 15-jährig. Er steht kurz vor seinem Schulabschluss und dem Beginn einer Lehre zum Maurer. Und er ist das: ein begnadeter Techniker. Er gewinnt den Slalom am Trofeo Topolino, so etwas wie der Weltmeisterschaft der Junioren.

Auch die ersten FIS- und Europacup-Rennen bestreitet er auf den kurzen Ski, wagt nur ab und zu Ausflüge auf die Speedpisten. Den ersten? In Wengen, wo sonst? 26. wird er an der Nachwuchs-Schweizer-Meisterschaft 2003. Zwei Jahre später gewinnt er bei der Junioren-WM in seiner angestammten Disziplin Slalom Bronze, triumphiert erstmals in einem FIS-Rennen und wird zum besten Schweizer Nachwuchsathleten des Jahres gekürt.

Grosse Erfolge, (zu) grosser Bauch

Seinen ersten Einsatz im Weltcup hat Beat Feuz hinter sich, als er im Frühjahr 2007 so richtig zuschlägt: Gold in der Abfahrt; Gold im Super-G; Gold in der Kombination; Bronze im Slalom. Das alles an einer Weltmeisterschaft, derjenigen der Junioren in Altenmarkt. Bereit jetzt, um die grosse Bühne zu erobern. Denkt er.

Doch der Trainer, der ihn im Weltcup empfängt, sieht das etwas anders. Sepp Brunner heisst der, ein Steirer, nicht um markige Worte verlegen. Er sollte ihn auf seinem Weg noch lange begleiten. Doch erst einmal trennten sich ihre Wege. Denn der Trainer fand: Der Bauch ist zu gross, die Kondition zu schlecht. «Er war ein Rohdiamant, aber auch ein fauler Hund», sagt der Österreicher. Und: «Er hat viel mit seinem Talent kompensiert. Irgendwann musste er begreifen, dass das allein nicht reicht, dass er auch Dinge tun muss, die er nicht gern macht. Manchmal nahm er zu, liess sich gehen; das sind Sachen, die im Spitzensport nichts verloren haben.»

Ehe Feuz zeigen konnte, dass er Brunners Worte verstanden hatte, spielte ihm sein linkes Knie zum ersten Mal übel mit: Kreuzbandriss vor der Saison. Er verpasst den ganzen Winter. Und als er sich 2008 auf dem Weg zurück befindet, zieht er sich im Abschlusstraining zur ersten Abfahrt in Lake Louise eine Meniskusverletzung zu. Wieder muss er eine ganze Saison auslassen. «Das sind Sachen, die nicht hätten passieren müssen. Ich war damals nicht bereit für jene Belastungen. Später merkte ich, was es braucht im Skirennsport», sagt Feuz.

Mit Fondue zum Durchbruch

Zwei Jahre lang ist der Skizirkus ohne den Emmentaler um die Welt getingelt. 2009 kehrt er zurück, ist Nebendarsteller. Erst im Januar 2011 drängt er sich ins Scheinwerferlicht, wird in der Abfahrt von Chamonix Siebter – und zwei Monate später in Kvitfjell zur grossen Figur: Sieg in der Abfahrt, aus dem Nichts. Und mit vollem Bauch.

Wie der «Blick» schreibt, hatte sich der Mann aus dem Käse-Tal am Abend zuvor im Wachskeller seines Servicemanns ein Fondue gegönnt. Heimlich, Feuz hätte kaum gewollt, dass Sepp Brunner von diesen Essgewohnheiten erfahren und ihn womöglich zurück in den Kraftraum geschickt hätte.

Als seine Welt zusammenbrach

Feuz im Hoch: 13 Podestplätze, Zweiter im Gesamtweltcup, Zweiter in der Abfahrts- und der Kombinationswertung, Dritter im Super-G. Die Saison 2011/12: ein Traumwinter für den 24-Jährigen. Der Startschuss zu einer grossen Karriere – er verhallt abrupt. Nach der Saison lässt sich Feuz einen Knochenabriss im linken Knie fixieren, im Sommer erleidet er im selben Gelenk einen Knorpel- und Meniskusschaden, unterzieht sich einer «Fischölkur».

Es folgen die bangsten Momente seiner Karriere. Im Knie grassiert eine Infektion, die Ärzte sprechen von einer Amputation. «Ich habe mehrere Tage lang nicht mehr damit gerechnet, dass es gut kommt. Die Ärzte haben mir das auch oft genug gesagt», sagt Feuz. Hedi Feuz sagt: «Als ich bei ihm am Bett sass, habe ich ihn erstmals überhaupt negativ reden hören. Er sagte: ‹Du weisst schon, dass ich vielleicht nie mehr Ski fahren kann.› Ich dachte nur: ‹Hoffentlich wird alles wieder gut.›» Es wird gut.

Holpernd zu Gold an der Heim-WM

Wieder also hat Beat Feuz eine Saison verpasst, muss er sich zurückkämpfen. Und beweist in der Folge, welch ­Gespür in seinen Füssen steckt. Nicht ansatzweise kann er Trainingsumfänge leisten wie die Gegner, und doch schafft er es bereits wieder in die Top 10, und in der Saison 2014/15 in ­Beaver Creek zweimal aufs Abfahrtspodest: als Zweiter im Weltcup, als Dritter an der WM.

Dann meldet sich sein Körper wieder, für einmal das rechte Bein, in dem er einen Teilabriss der Achillessehne erleidet. Die Rückkehr im Januar 2016: traumhaft. Podestplätze, zwei Siege in St. Moritz bei der WM-Hauptprobe. Wie er das hingekriegt hat? «Ich weiss es nicht.» Beat Feuz, das Phänomen. Eine Mittelohrentzündung, eine Gesichtslähmung folgen vor der WM-Saison – der Körper zeigt sich kreativ darin, wie er ihm einen Streich spielen kann. Der Geplagte lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, gewinnt Gold an der Heim-WM. Und an diesem Samstag gelingt ihm also der nächste Coup vor heimischer Kulisse. Nicht nur seine Ärzte staunen über seinen einzigartigen Weg.

Die heiklen Stellen der Lauberhorn-Abfahrt

Interaktive Karte mit Videos: Klicken Sie auf die Punkte, um von Skilegende Marco Büchel mehr über die Schlüsselstellen der Abfahrt zu erfahren. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2018, 23:20 Uhr

Artikel zum Thema

Beat Feuz gewinnt die Lauberhorn-Abfahrt

Nach 2012 gewinnt Beat Feuz den Abfahrtsklassiker im Berner Oberland zum zweiten Mal. Er setzt sich vor Aksel Svindal und Matthias Mayer durch. Mehr...

So feierten 35'000 Fans den Lauberhorn-König

Video Nicht nur die Fahrt von Beat Feuz war in Wengen Extraklasse, auch die Zuschauer waren es. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Best of Homestory: Zu Besuch bei zwei Ästheten

Tingler Wir brauchen mehr Steuern!

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...