Warum Cologna ein Flachländer ist

Obschon der Bündner auf 1560 m lebt, profitierte er in der Vorbereitung auf seine Titelverteidigung im WM-Skiathlon nicht von einem Höheneffekt – im Gegensatz zum Mitfavoriten von heute, Petter Northug.

Gold im Visier: Cologna muss Northug schon vor der Zielgeraden abhängen, um ihn sicher zu bezwingen. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Gold im Visier: Cologna muss Northug schon vor der Zielgeraden abhängen, um ihn sicher zu bezwingen. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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«Mördarbacken» nennen die Schweden das Kernstück des WM-Skiathlons martialisch. Der Name umschreibt, was die Langläufer in diesem Loipenabschnitt in Falun fühlen: Schmerzen – in Form eines langen, harten Aufstiegs, der zumindest für eine Vorselektion gut sein sollte und damit wohl die Zahl an möglichen ­Siegesanwärtern minimiert. Die Besten haben sich in ihrer Vorbereitung natürlich mit dieser Schlüsselstelle auseinandergesetzt und sich für eine von zwei ­Varianten entschieden, wie sie diese Pièce de Résistance möglichst gut verkraften wollen: dank vieler Trainingstage in der Höhe – oder gerade keiner Trainings in der Höhe.

Dabei hat sich Cologna für die Flachlandvariante entschieden. Um erst einmal mit einer falschen Annahme aufzuräumen: Dario Cologna mag in Davos auf 1560 m leben und damit ein «Bergler» sein – von einem Höheneffekt aber profitiert er damit nicht, und zwar aus zwei Gründen. Die Sportwissenschaft hat inzwischen belegen können, dass sich ein signifikanter Effekt durch die Höhe erst ab circa 1800 m feststellen lässt. Rund 30 Prozent der Menschen reagieren ab einer solchen Höhe, indem sie mehr Hämoglobin produzieren. Es ist der entscheidende Sauerstoffträger im Körper. Auf 2500 m lässt sich dann bei rund drei Vierteln der Menschen eine entsprechende Anpassung an die Höhe im Blutbild feststellen.

Aus diesem Grund absolviert Cologna folglich kein «ständiges Höhentraining», wenn er sich in Davos befindet. Hinzu kommt, dass er laut dem Schweizer Langlauf-Teamarzt Patrik Noack auch nicht von den immerhin stattlichen 1560 m profitiert, wie seine Blutwerte zeigen. Ob Cologna darum Höhenaufenthalte nützen würden, weiss er nicht.

Vorsicht vor der Höhe

Zwar schlief er im Sommer und Herbst 2011 während jeweils drei Blöcken an zehn Tagen auf dem Flüelapass (2383 m) und trainierte in Davos, was Experten als abgewandelte Form von ­«living high, training low» bezeichnen. Für einen vollen Reiz aber müsste er sich drei Wochen in der Höhe aufhalten. Dann hat sich die Hämoglobinmasse um circa 5 Prozent erhöht. Erst diese Steigerung halten ­Experten für relevant und potenziell leistungsfördernd.

Höhentraining birgt aber auch Risiken: Der Körper ist anfälliger auf Krankheiten, die Erholung dauert länger, die Trainings müssen bei tieferer Intensität absolviert werden. Ansonsten kann sich der vermeintliche Vorteil rasch in einen Nachteil kehren. Hinzu kommt, dass nicht alle Sportler diese oft eintönigen Höhentage fern von zu Hause mögen. Darum verzichteten bei den Norwegern gerade diejenigen mit Familie vor dieser WM auf Höhenblöcke. Falun liegt auf 110 m über Meer, da braucht es keine ­Anpassung, wie noch vor einem Jahr an die Olympischen Spiele in den russischen Bergen.

Trotzdem kann ein Höhentraining sinnvoll sein. Es zeigt sich an Colognas wohl härtestem Gegner – Petter Northug. Der Norweger schlief sowohl im ­Januar wie Februar auf dem Berninapass (2328 m). Der 29-Jährige hält die Aufenthalte in der Höhe für so ergiebig, dass er weite Wege akzeptiert. Er musste die Schweiz gar kurz verlassen und heimfliegen, um Anfang Februar an den nationalen Meisterschaften im Flachen teilzunehmen. Dort spürte er die Auswirkung auf den Höhenunterschied: Er war müde. Dieser Effekt setzt meist nach ein paar Tagen für kurze Zeit ein, weil sich der Körper an die neue Situation anpassen muss. Auch darum gilt es, die ­Anreise vor einem Grossanlass ab der Höhe gut zu planen. Erfahrungswerte sind unabdingbar.

Cologna ohne Risiko

Solche Überlegungen braucht Cologna keine anzustellen. Er weist keine Anpassungserscheinungen auf – egal, ob er von der Höhe ins Flachland reist oder sich umgekehrt wieder nach Davos ­begibt. Ihm nutzt sein Aufwachsen in den Bergen.

Was man sagen kann: Während der Schweizer auf die risikolose, bewährte Vorbereitungsvariante setzte, wählte sein ewiger Gegner aus Norwegen die forschere. Allerdings zeigte Northug an Grossanlässen mittlerweile zur Genüge, dass er mit ­diesem Risiko umzugehen weiss. Trotzdem gilt: Der Flachländer ist in diesem ­Bereich für einmal der Bergler Cologna.

Erstellt: 20.02.2015, 23:23 Uhr

Colognas Gegner

Petter Northug (No)
Der Beisser
Ist Petter Northug in Form, verlaufen Massenstartrennen so: Der Norweger bummelt lange am Feldende, schiebt sich dann innert Kürze an die Spitze – und gewinnt im Spurt. Weil sich kaum einer so quälen kann wie der 29-Jährige, nennt man ihn den Beisser. Massen­startrennen wie der Skiathlon sind darum seine Spezialität. Hängt ihn Dario Cologna nicht schon vor der Zielgeraden ab, ist der endschnelle Northug kaum zu bezwingen.

Marcus Hellner (Sd)
Der Techniker
Keiner gleitet im Skatingstil so perfekt über die Loipen wie Marcus Hellner. Der Schwede zählt heute darum zu den ­Favoriten, werden die finalen 15 km doch in diesem Stil absolviert. Hellner tat sich diese Saison lange schwer, kam erst über die Tour de Ski in Fahrt. Beim letzten WM-Test aber lief er schnell. Er verfügt über einen guten Schlussspurt – und will doch Northug ausweichen. Er könnte Cologna darum helfen, das Tempo früh schon hoch zu halten.

Maxim Wilegschanin (Rus)
Der Taktierer
Maxim Wilegschanin ist eine Kopie von Petter Northug – zumindest was seine Rennweise angeht. Allerdings hält sich der Russe gerne noch länger im Hintergrund auf, um dann im finalen Aufstieg mit einem Angriff wegzukommen. Mit dieser Taktik bezwang der 32-Jährige etwa Dario Cologna beim Weltcup in Rybinsk. Wie der Schweizer ist der Olympiazweite über 50 km zwar endschnell, aber wohl kaum rasant ­genug, Northug im Finale zu schlagen.

Martin Johnsrud Sundby (No)
Der Abwesende
Der Norweger Martin Johnsrud Sundby hat diese Langlaufsaison geprägt. Die Tour de Ski gewann er, der Sieg in der Weltcup-Gesamtwertung ist ihm fast ­sicher. Der grösste Malocher in der Szene aber muss nun für den WM-Skiathlon passen. Johnsrud Sundby liegt stark erkältet zu Hause in Oslo. Ob es ihm für spätere Einsätze in Falun noch reicht, ist ungewiss. Auch dann gälte: Topfavorit wäre der 30-Jährige angesichts der letzten Tage nicht mehr. (cb)

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