«Wir können der Welt zeigen, was wir draufhaben»

Tiger Shaw, Präsident des US-Skiverbandes, will die WM nutzen, um Boden gegenüber den dominierenden Sportarten gutzumachen.

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Wir treffen uns hier in Kitzbühel. Sind Sie ein bisschen neidisch, wenn Sie sehen, was rund um den alpinen Rennsport los sein kann?
Es ist schon grossartig, zu sehen, wie Zehntausende von Fans hier für Stimmung sorgen. Aber ich bin sicher, dass wir bei der WM in Vail und Beaver Creek da nicht schlechter abschneiden werden. Wir werden nicht so viele Zuschauer haben wie in Kitzbühel, aber es werden sehr viele sein. So viele wie noch nie bei Skirennen in den USA. Und sie werden für eine grossartige Stimmung sorgen.

Wie wichtig ist die WM für die Bedeutung des alpinen Rennsports in den USA?
Das ist eine gar nicht so einfache Situation. Wir haben die Weltbesten in diesem Sport bei uns daheim, wir treten selbst mit einem sehr starken Team an. Die Chance, es richtig gut zu machen, ist also gross. Wir können der Welt und vor allem den Menschen zu Hause zeigen, was wir draufhaben. Das wäre sehr hilfreich, denn es geht um den Stellenwert des alpinen Rennsports in den USA und um noch mehr Unterstützung in der ­Zukunft. Aber es besteht eben auch ein gewisses Risiko: Diese Chance müssen wir nutzen.

Das US-Team ist tatsächlich stark. Wie gross ist die Gefahr, dass ­Lindsey Vonn, Mikaela Shiffrin, Bode Miller und Ted Ligety zu viel wollen?
Lindsey, Bode und Ted sind derart erfahren, sie sind Meister im Umgang mit solch speziellen Situationen. Und Mikaela erstaunt mich immer wieder, wie gut sie sich vor wichtigen, schwierigen Rennen von aller Erwartungshaltung dis­tanzieren kann, wie sie sich nur auf ihre Technik, auf ihr Rennen konzentriert – und dann im Zielraum auf die Ergebnistafel schaut, was herausgekommen ist. Das ist unglaublich in ihrem Alter.

Warum tut sich der Skisport in der öffentlichen Wahrnehmung in den USA so schwer?
Wir haben grosse, sehr professionell geführte Ligen in Sportarten wie American Football, Baseball, Basketball oder Eishockey, und diese ziehen extrem stark die öffentliche Wahrnehmung an. Zudem haben unsere Colleges in den genannten Sportarten sehr gut geführte und sehr beachtete Teams. Diese Konkurrenz gibt es in Europa nicht. Deshalb ist es für uns schwierig, überhaupt Medieninteresse zu wecken. Es funktioniert eindeutig besser, wenn man Stars im Team hat wie Bode, Lindsey oder ­Mikaela. Sie sind nicht nur sehr gut in ­ihrem Sport, sie sind auch faszinierende Persönlichkeiten. Lindsey war in der «Today Show» zu Gast bei Matt Lauer, dem wichtigsten Moderator in dieser Sendung. Die beiden sind befreundet – so etwas ist einzigartig für eine Skifahrerin in den USA.

In den USA ist die Ausbildung für Skifahrer nicht derart systematisch reguliert wie in Europa. Die Eltern von Talenten investieren sehr viel Geld. Müssen Sie an diesem System etwas ändern?
Es gibt tatsächlich zwei Dinge, die wir ändern müssen: Wir verschieben alle Weltcuprennen in die USA und treten ­jeden Winter nur noch zwei Wochen in Europa an. Und wir schrumpfen unser Land von einer Grösse von 4000 Meilen auf 400 Meilen wie Österreich, dann können wir die Kosten drastisch senken … (er lacht) Wir erhalten grosse Unterstützung von unseren Skiresorts, von den involvierten Firmen, und auch der Verband tut alles, um Kindern und ­Jugendlichen das Skifahren zu ermöglichen. In den USA gibt es 400 Skiclubs, dort wird mit insgesamt 50 000 Kindern sehr gut gearbeitet. Das Schwierige ist, sie hier in Kitzbühel aufs Podest zu bringen …

Hätten Sie gern mehr Weltcuprennen in Nordamerika?
Mehr ist immer besser. Aber wir sollten realistisch bleiben, Skisport ist ein europäischer Sport, die Balance muss stimmen. Wir haben jeden Herbst die grossen Rennen in Aspen und Beaver Creek, wir haben jetzt die WM, im Frühjahr 2017 die Weltcupfinals in Aspen … das ist nicht schlecht – diese Events müssen wir nutzen, um uns zu verbessern.

Wie steht es um die Ausbildung von Trainern in den USA? Sie arbeiten mit sehr vielen ausländischen ­Coachs, vor allem aus Österreich – der Schweizer Stefan Abplanalp ist Speed-Chef bei den Frauen.
Wir streben eine Mischung an. Wir haben gute junge amerikanische Coachs. Sie arbeiten bereits vor allem im Herbst und jetzt auch bei der WM in den Teams mit, so können sie wichtige Erfahrungen sammeln. Wir haben erst vor einigen ­Tagen Brandon Dyksterhouse vom Skiclub Vail für die Arbeit mit Mikaela Shiffrin engagiert. Diesen Weg wollen wir weitergehen. Aber es ist klar: In Europa gibt es einige grossartige Trainer, und die wollen wir uns von Zeit zu Zeit ausborgen.

Mit wie vielen Medaillen des US-Teams wären Sie bei der Heim-WM zufrieden?
Mit einer Zahl, die zwischen der liegt, die ich erwarte, und derjenigen, die ich mir erhoffe.

Seit Februar 2014 ist Gale H. Shaw III (53) Präsident und CEO des US-amerikanischen Verbandes (Ussa). Wer seinen Taufnamen wissen will, muss allerdings mehrere Funktionäre beim Verband ­fragen – selbst in den Ranglisten der FIS wird er als Tiger Shaw geführt. Der ehemalige Weltcupfahrer aus dem Bundesstaat Vermont erreichte in den 80er-Jahren sieben Top-10-Plätze im Slalom, 1986 wurde er 7. in der Lauberhorn-Kombination. Shaw macht im Autohandel und im Gesundheitswesen Karriere, ehe er als Chef des US-Skiverbandes auf Bill Marolt folgte, der das Amt 18 Jahre ausgeübt hatte und aus dem zuvor bankrotten Verband ein professionelles ­Gebilde gemacht hat. Beide waren Olympiateilnehmer, beide belegten ­dabei den 12. Rang im Riesenslalom: ­Marolt 1964 in Innsbruck, Shaw 1988 in Calgary.

Wie viele Medaillen er bei der Heim-WM erwartet, sagt Shaw nicht. Aber er ist überzeugt, dass es mehr werden als 1999 bei der letzten WM in Vail. Wie viele waren es damals? Shaw lächelt, schweigt und macht mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand eine Null.

Erstellt: 02.02.2015, 20:34 Uhr

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Tiger Shaw, Präsident US-Skiverband

«Es ist für uns schwierig, Medieninteresse zu wecken. Es funktioniert eindeutig besser, wenn man Stars im Team hat.»

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