In der Wiege der Skistars trinkt man Rentierblut zum Abendessen

600 Einwohner, 132 Weltcupsiege: Im schwedischen Polarkreis-Kaff Tärnaby gibt es keine Ablenkung, es gibt eigentlich nur Schnee.

In Tärnaby hat jeder Star seinen eigenen Hügel oder Skilift. So auch Anja Pärson (nicht im Bild). Foto: PD

In Tärnaby hat jeder Star seinen eigenen Hügel oder Skilift. So auch Anja Pärson (nicht im Bild). Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist 18 Uhr, und das Geisterdorf wird zum Leben erweckt. Die von den Lichtmasten flankierte Piste erleuchtet, ein alter Mann mit Wollmütze drückt den Knopf beim Skilift. 2 Riesenslalomkurse sind ausgeflaggt, 4 Trainer geben Anweisungen, 14 Kinder fahren hinunter und wieder hinauf, unermüdlich. Es ist Donnerstagabend, aber das spielt keine Rolle, weil das Bild immer das gleiche ist: von Ende Oktober bis Anfang Mai. Jeden Tag.

Willkommen in Tärnaby, diesem Kaff am nördlichen Polarkreis, wo sich nicht einmal Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, weil selbst diese sich in diesem abgelegenen und verlassenen Nest kaum einmal über den Weg laufen. 500 Kilometer entfernt liegt es vom WM-Ort Are, und wer hier eintaucht, wähnt sich in einer anderen Welt. Nie haben mehr als 700 Leute gelebt in Tärnaby, aber die Liste mit bekannten Persönlichkeiten will kein Ende nehmen: Ingemar Stenmark, Bengt Fjällberg, Bengt Erik Grahn, Stig Strand, Anja Pärson, Jens Bygmark. 132 Weltcuprennen und 33 Medaillen an Grossanlässen haben sie gewonnen – und das Dorf mit seinen Hügeln und verwinkelten Strassen erst ins sportliche Bewusstsein gerückt.

Die Gefahr auf vier Beinen

Sechseinhalb Stunden dauert die Fahrt von Are hinauf nach Lappland, sie beinhaltet nur drei Richtungsänderungen. Autobahn gibt es keine, gefahren wird durch Wälder, an Seen vorbei, Schnee, wohin das Auge reicht, auch auf dem Asphalt. Wer die Sonnenbrille vergessen hat, wird es am Abend bitter bereuen – und zwar nicht wegen der Sonne, die, je weiter man fährt, desto kürzer scheint, Strassenlampen leuchten vielerorts schon kurz nach 14 Uhr.

Die Natur ist wunderbar echt, aber es ist auch gefährlich, Eisglätte, Rentiere, Elche. Die grossen Viecher laufen nicht über den Fussgängerstreifen. Und so wählt der Reisende die Ausfahrt in die Schneemassen, nachdem der vor ihm fahrende Wagen mit einem Elch kollidiert ist. Zu sehen ist eine Blutlache und ein Tier, das sich zwischen die Bäume schleppt. Geschehen irgendwo im Nirgendwo, das letzte Dorf liegt 20 Minuten zurück, das nächste kündigt sich nicht an.

Eine Ehrentafel mit den sechs Skigrössen steht an der Dorfeinfahrt. Foto: Philipp Rindlisbacher

Minus 21 Grad, die Zehen schmerzen. Hilfe kommt nach gut zwei Stunden. Erik Östergren heisst der Mann vom Abschleppdienst, Typ kanadischer Holzfäller, Furchen im Gesicht. Nach 50 Minuten ist das Mietauto aus dem Schneefeld befreit, und der Retter verrät, dass er aus dem 130 Kilometer entfernten Tärnaby hergeeilt sei. Er ist, wie Leute aus diesem Ort beschrieben werden: Einer, der jedes Wort dreimal überdenkt, ehe er es nicht ausspricht. Östergren ist nie weggezogen, er wird nie wegziehen, obwohl das Leben hart sei hoch oben im Norden, wo der Winter sieben Monate dauert. Er habe nicht viel Geld, aber es gebe ja auch keine Möglichkeiten, viel Geld auszugeben, sagt er. «In erster Linie geht es darum, zu überleben.»

Die vielen Freiwilligen

Zurück an den Skilift, wo ein Trainer die Stoppuhr drückt und eifrig Zeiten notiert. Er stellt sich vor, Janne der Vorname, Stenmark der Nachname. Er ist der Bruder des Überskifahrers, der mit 86 Weltcupsiegen den Rekord hält. Janne ist 56, und auch er hat Tärnaby nie verlassen, weil er weiss: Wer weggeht, der kommt nicht wieder.

Zweimal pro Woche leitet er Trainings, ohne Entschädigung, so ist das üblich. Einen Profitrainer hat es gegeben in 91 Jahren Clubgeschichte, es war Anja Pärsons Vater Anders, der bald vom schwedischen Verband abgeworben wurde. Ansonsten: alles Freiwillige, auch die Liftbetreiber, Pistenarbeiter. Es ist eines der Wunder dieses Fleckens, der Zusammenhalt, dass man das wenige teilt, das man hat. So wird den Kindern ermöglicht, für rund 80 Franken pro Winter Ski zu fahren. Das Geheimnis des Erfolgs sei die Piste mitten im Dorf, sagt Janne Stenmark. 14 Hügel gibt es, keiner höher als 350 Meter, und am Fuss des Ingemarbackens ist man von der Strasse innert weniger Minuten. So läuft das in Tärnaby: Wer den Namen des Dorfes in die Welt hinaus trägt, wird mit einem eigenen Berg belohnt, Anjabacken, Strandbacken und so weiter, es hätte noch Auswahl für künftige Exportschlager.

Janne Stenmark hat keinen gekriegt. Aber auch er war als Junior ein talentierter Fahrer – wie viele andere aus diesem Dorf. Der Glaube sei da, es nach oben schaffen zu können, sagt er, weil es so viele Vorbilder gebe, mit denen man fast Tür an Tür wohne. «Die nächste Generation will nicht schlechter sein als die davor. Und jeder weiss: Fährst du nicht im Weltcup, bist du hier ein Niemand.» So unvorstellbar es anmutet, aber aus Tärnaby, das man innert 45 Sekunden mit dem Auto passiert hat, wo es ein Hotel, eine Tankstelle, einen Supermarkt, aber schon lange kein Kino mehr gibt, hat es seit 1952 jedes Jahr mindestens ein Athlet ins schwedische Nationalteam geschafft.

Die Nahrungskette

Der neuste Stolz der Gemeinde heisst Magdalena Fjällström. Eine junge Frau mit der Energie einer Steckdose, die pausenlos plappert und jede Interviewfrage erstmal seziert. Die wie ein Kind der Grossstadt wirkt, mit den weissen Turnschuhen, dem Glitzer über den Augenbrauen. Morgen fährt sie an der Weltmeisterschaft den Riesenslalom, erst letzte Woche erfuhr sie vom Aufgebot, worauf eine Last von ihr fiel. Im Dorf hat niemand gratuliert, warum auch, es war erwartet worden. Die Heim-WM ohne Vertreter aus der Wiege des schwedischen Skisports, es wäre beschämend gewesen, das Selbstverständnis erlaubt so etwas nicht.

Auch Fjällström hat einen eigenen Backen, «es ist die Kinderpiste, aber immerhin», sagt sie schmunzelnd. Sie, die alle «Monne» nennen und vor allem alle kennen, die mit der Tochter von Erik, dem Retter und Abschlepper, zur Schule ging. Die den Kontakt zu Tobias vermittelt, bei dem der Reisende das Auto über Nacht einstellen darf, damit sich der Motor, in den sich reichlich Schnee geschlichen hat, aufwärmen kann. Tobias ist Monnes Cousin, «hier ist fast jeder mit jedem verwandt», sagt Fjällström.

Der legendäre Skilift von Tärnaby. Foto: Philipp Rindlisbacher

Die 24-Jährige ist Gartenzaun an Gartenzaun mit Anja Pärson aufgewachsen, von der Olympiasiegerin und Weltmeisterin bekam sie regelmässig Renndress und Ski geschenkt, und Fjällström gibt nun ihrerseits alte Utensilien jungen Mädchen weiter. So läuft die Nahrungskette. Wer Skifahrer werden wolle, habe als Kind in Tärnaby die besten Voraussetzungen, sagt Schwedens Riesenslalom-Meisterin. «Es gibt keine Ablenkung, keine Verlockungen – es gibt eigentlich nur Schnee.» Um richtig einzukaufen, fährt sie zwei Stunden über die Grenze nach Norwegen, pro Weg. Fjällström sagt, der Lappe sei stark, er habe das Kämpfen in der DNA, er nehme viel Eisen zu sich, Stichwort Rentierblut. Die Einheimische empfiehlt es fürs Abendessen. Im Hotel wird Rentierfleisch serviert. Na ja, danke für den Tipp.

Die sensationelle Quote

Fjällström führt den Gast zu den Schätzen Tärnabys. Dem See, dessen Eisdecke wie ein Kühlaggregat wirkt, über den sie mit ihrem Snowmobile saust. Zur Sporthalle mit Fitnessraum und Kletterwand, in der ein Physiotherapeut arbeitet – alles auf den Skisport ausgerichtet. Sie zeigt die Hügel, hinter denen gejagt und im Sommer in den kleinen Bächen gefischt wird, von denen die Kinder runter in die Schule stapfen. Fast 200 sind es, weil auch solche von den entlegensten Weilern her kommen. 45 von ihnen gehören irgendeinem Ski-Kader an, die Quote dürfte weltweit ihresgleichen suchen.

Hans-Peter Carlsson war Präsident des lokalen Skiclubs, nun organisiert er in Tärnaby ein unter dem Patronat des Weltverbandes FIS laufendes internationales Jugendrennen. Die Schule sei auf den Sport ausgerichtet, sagt der Hotelbesitzer, es wird versucht, den Kindern auch nach dem neunten Schuljahr eine Perspektive zu bieten, weil die nächste Universität in Umea liegt, viereinhalb Autostunden entfernt. In Carlssons Hotel sind Bilder ausgestellt von Ingemar Stenmark, ein alter Holzski, eine ausgefranste Autogrammkarte von Jens Bygmark liegt auf, im Gästebuch ist eine Widmung Anja Pärsons zu finden.

Einst gab es ein Skimuseum mit allerlei Trophäen und Erinnerungsstücken, aber die Schicht auf den Staubfängern wurde zentimeterhoch, niemand kümmerte sich darum, längst ist es geschlossen. Bleibt die schlichte Holztafel bei der Ortseinfahrt mit den Konterfeis der Helden, zu viel Protz mag es hier nicht leiden. Man hat es nicht nötig, den Erfolg zur Schau zu stellen. Der Neid ist Tärnaby auch so gewiss, früher war das jedenfalls so, als es fast einen Kleinkrieg gab mit Are. Aus der Wintersporthochburg kommen die meisten Fahrer, Tärnaby produziert die Stars.

Das Ende des Märchens?

Magdalena Fjällström schickt sich an, so einer zu werden. Die Kinder von Tärnaby werden morgen den Unterricht unterbrechen, ihren ersten Riesenslalomlauf vor dem Fernseher verfolgen dürfen. Die Eltern sind nach Are gereist, daheim zu bleiben, hätte die familiäre Verbundenheit nicht zugelassen. Es ist noch so etwas, das Tärnaby auszeichnet: Stenmark, Strand, Pärson, Bygmark, sie alle sind zunächst vom Vater oder der Mutter betreut worden. Bei Fjällström schaut der Papa noch jetzt am Berg nach dem Rechten, wenn die Tochter im Dorf trainiert. Er könnte auch in den eigenen vier Wänden bleiben und einfach durchs Dachfenster schauen.

Keine 200 Meter von der Piste entfernt aufgewachsen ist Ingemar Stenmark, am Slalomvägen, wie könnte es anders sein. Das Häuschen steht am Ende der Strasse, Mutter Gunborg ist 83 und wohnt darin. Sie hantiert in der Küche, reagiert aber aufs Klopfen nicht. Sohn Janne meint, sie höre nicht gut, «aber auch wenn sie es hören würde, hätte sie keine Freude an Ihnen. Sie mag keinen Besuch.»

Stenmark war unlängst heimgekommen, ein paar Schwünge auf dem eigenen Hügel sollten es dann schon sein vor dem gestrigen Legendenrennen in Are. 1983 fand hier das erste und letzte Mal ein Weltcupslalom statt, und Stenmark, der nie ausfiel, fädelte nach ein paar Toren ein. An ein Comeback als Veranstaltungsort ist nicht zu denken, zu kümmerlich die Infrastruktur, zu gering der Reiz der Bevölkerung, sich einem Millionenpublikum zu präsentieren. Die Stenmark-Brüder sind nicht die Einzigen, die das Ende des Märchens befürchten, nach Magdalena Fjällström scheint vorderhand kein grosses Talent mehr heranzureifen. Fjällström meint, viele mieden den Wettkampf, sie würden für sich joggen oder langlaufen, und Videospiele gäbe es mittlerweile auch in Lappland. Es sind gar nicht so viele Jahre vergangen, da mussten die meisten Haushalte mit zwei TV-Sendern auskommen, nun sind dank des Internets fast alle mit der Welt verbunden.

Es ist 20 Uhr am Donnerstag. Die Trainer sammeln die Torstangen ein. Der alte Mann beim Lift drückt auf den Knopf, die Bügel drehen nicht mehr. Kind um Kind wird abgeholt. Zwei Minuten später geht das Licht aus.

Tärnaby wird wieder zum Geisterdorf.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.02.2019, 10:25 Uhr

Artikel zum Thema

Die Schweiz gewinnt Gold!

Die Schweiz schlägt Österreich im Final und gewinnt den Team-Event in Are. Mehr...

WM-Heldin Suter ist zurück in der Schweiz

Video Corinne Suter trifft mit einer WM-Silber- und -Bronzemedaille in Kloten ein. Die 24-Jährige ist müde nach einer intensiven Zeit – und einer kurzen Nacht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Studieren, ohne hinzugehen

Mit der «Virtuellen Klasse» geht die FFHS neue Wege in der E-Didaktik.

Kommentare

Blogs

Sweet Home 10 Wohnideen, die Leben in die Bude bringen

Tingler Die Liebe im 21. Jahrhundert

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

In luftiger Höhe: Ein Paraglider schwebt bei traumhaftem Wetter im Oberallgäu am Mond vorbei. (16. Februar 2019)
(Bild: Filip Singer) Mehr...