«Zutrauen würde ich mir einen langsamen Super-G»

Marc Girardelli ist 51-jährig. Würde er mit der Weltspitze noch mithalten? Antworten der Skilegende.

Die Doppelabfahrt in Wengen 1989 war sein schönster Erfolg. Girardelli gewinnt Abfahrt 1.


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Marc Girardelli fährt immer noch leidenschaftlich gerne Ski. Der 51-jährige Österreicher, der fast während seiner ganzen Karriere für Luxemburg startete, nahm anlässlich der Weltcup-Rennen in Zagreb an einem Wohltätigkeitsrennen teil. Zusammen mit ehemaligen Athleten wie Alberto Tomba, Marco Büchel, Peter Müller, Michaela Dorfmeister oder Lokalmatadorin Janica Kostelic sorgte der vierfache Weltmeister und fünffache Gesamtweltcupsieger am Sonntag beim Parallelslalom für Stimmung.

Marc Girardelli, in diesem Jahr hat der Italiener Kristian Ghedina das Legenden-Rennen gewonnen. Sind Sie traurig darüber, dass es nicht zum Sieg gereicht hat?
Überhaupt nicht. Ein nicht zu unterschätzender Faktor über Sieg oder Niederlage war, wer am Vorabend beim offiziellen Dinner wie viel gegessen und getrunken hat. Da war Kristian anscheinend seriös (lacht). Ich geniesse es einfach, alte Kollegen wiederzusehen, die ich schon lange nicht mehr getroffen habe. Es ist für uns alle ein tolles Erlebnis. Zudem finde ich es prima, dass das Ganze für einen guten Zweck ist.

Sie haben vor 18 Jahren Ihren Rücktritt vom Skirennsport gegeben. Das ist ziemlich lange her. Haben Sie nun für das Legenden-Rennen speziell trainiert?
Nein, das nicht. Aber es war Vorsicht geboten, die Piste war eisig. Ich hatte zum Glück gut geschliffene Ski.

Könnten Sie heutzutage im Weltcup noch mithalten?
Zutrauen würde ich es mir am ehesten in einem langsamen Super-G. Dort gibt es nicht allzu viele Kurven, das Tempo verkrafte ich immer noch relativ gut. Ich komme in der Hocke zwar nicht mehr so tief runter, aber das ist im Super-G nicht so entscheidend wie in der Abfahrt. Aber ehrlich gesagt, vom Körperlichen her hätte ich keine Chance. Die Athleten trainieren heutzutage während des ganzen Jahres, so wie ich das früher auch getan habe. Die heutigen Ski sind gar nicht fahrbar, wenn man körperlich nicht in einer absoluten Topform ist. Die Krafteinwirkungen auf den ­Körper sind gewaltig.

Sie hatten etliche schlimme Verletzungen. Waren dies die schwierigsten Momente in Ihrer Karriere?
Ja. ich hatte es zwar auch sonst nicht einfach, weil ich oftmals alleine trainieren musste. Aber es gab ein paar Momente, in denen ich nicht wusste: «Bin ich jetzt im Rollstuhl, an Krücken oder kann ich überhaupt je wieder Ski fahren?» Wenn man solche Gedanken hat, ist das schwierig. Denn es gibt ja dann immer noch ein Leben nach dem Spitzensport.

Können Sie nach Ihren vielen schweren Verletzungen überhaupt wieder schmerzfrei Ski fahren?
In beiden Knien habe ich total elf Operationen hinter mir. Vor vier Jahren war ich nicht in der Lage, eine Treppe hochzugehen, ohne das Geländer zu benützen. Dann habe ich ein Therapiegerät für eine bessere Kapillardurchblutung entdeckt, das im Übrigen auch Beat Feuz benutzt. Das ermöglicht es mir wieder, schmerzfrei Ski fahren zu können. Ich fühle mich blendend, kann wieder alles machen und brauche keine Schmerztabletten mehr.

Wie oft stehen Sie eigentlich noch auf den Ski?
Sehr oft. Mit Schweizer Unternehmen veranstalte ich Ski-Events kombiniert mit Seminaren. Da sind wir oft auf der Piste. Am übernächsten Wochenende beispielsweise werde ich beim Lauberhornrennen mit meinen Kunden mit dem Hubschrauber von Wengen an den Start fliegen und von da dann das Rennen verfolgen.

Fliegen Sie da selbst hoch? Immerhin haben Sie den Pilotenschein zum ­Helikopterfliegen.
Ja, das ist richtig. Während einer Verletzungspause habe ich den Pilotenschein gemacht und bin nun seit 25 Jahren Pilot. Es würde mich in diesem Fall schon reizen, aber in Wengen werde ich nicht selbst am Steuerknüppel sitzen, denn ich möchte mich voll auf meine Kunden konzentrieren können.

Wie intensiv verfolgen Sie den Ski-Weltcup noch?
Es geht so. Durch meine geschäft­lichen Aktivitäten bin ich von Januar bis März am Wochenende oft unterwegs. Ab und zu bin ich bei Weltcup-Veranstaltungen dabei, wie jetzt in Wengen oder Kitzbühel. Aber generell organisiere ich die Events dort, wo der Kunde es möchte.

Können Sie uns trotzdem sagen, was Sie vom bisherigen Weltcup-Winter der Männer halten?
Es ist viel interessanter als die zwei oder drei Jahre zuvor. Beat Feuz war bis zu seiner schweren Verletzung 2012 der Einzige, der Marcel Hirscher das Wasser reichen konnte. Aber mit seinem Knie hatte er grosses Pech. Diese Saison hat Hirscher mit Kjetil Jansrud wieder einen ernsthaften Konkurrenten bekommen. Es ist meiner Meinung nach noch lange nicht entschieden, wer am Ende die grosse Kristallkugel gewinnen wird. Ich hoffe jedenfalls, dass es bis im März spannend bleibt.

Wirklich spannend wäre es aber, wenn sich aus einem Zweikampf ein Mehrkampf entwickeln würde.
Ja, sicher. Aber es gibt in dieser Saison nur diese beiden Anwärter auf die grosse Kugel. Sonst ist keiner da. Svindal ist ja verletzt. Felix Neureuther ist zwar im Slalom stark, aber das reicht nicht. Und Ted Ligety ist im Riesenslalom nicht mehr so zwingend, wie er das einmal war – und im Slalom wie auch in der Abfahrt bringt er nichts. Wer Hirscher gefährlich werden will, der braucht mindestens zwei gute Disziplinen und am besten noch eine dritte, wo er ansprechend mithalten kann. Sonst reicht es nicht.

Was machen Ihnen die Schweizer für einen Eindruck?
Die fahren vielversprechend. Patrick Küng ist zwar dieses Jahr nicht mehr so zwingend gut wie letztes Jahr, als er eine super Saison hatte und die Fahne für die Schweiz hoch hielt. Carlo Janka kommt wieder, da bin ich überzeugt. Wer mich überrascht, ist Silvan Zurbriggen. Dass er sich nach seiner Rückenverletzung jetzt so stark präsentiert. Und auch Olympiasieger Sandro Viletta macht mir einen guten Eindruck. Wenn er noch ein bisschen ruhiger und überlegter wird, könnte er stark werden. Aber irgendetwas fehlt den Schweizern noch. Ich hoffe, dass Alpin-Chef Rudi Huber die richtigen Schlüsse zieht, damit es dann an der WM im Februar passt.

Sie sind mit fünf Siegen im Gesamtweltcup Rekordhalter. Marcel Hirscher könnte diese Saison zum vierten Mal gewinnen und Ihrem Rekord sehr nahe kommen.
Tja, schlimmstenfalls müsste ich halt nochmals anfangen. Oder vielleicht kann ich ja Pirmin Zurbriggen noch überreden, dass er mich dabei ein bisschen unterstützt (lacht).

Klingt so, als sei Ihnen dieser Rekord nicht wichtig?
Eigentlich bedeutet er mir gar nichts. Rekorde sind da, um gebrochen zu werden. Auch der Rekord von Schwimmer Marc Spitz mit sieben Goldmedaillen, ein Jahrtausendrekord, wurde von Michael Phelps geschlagen. Das ist ja auch gut so. Ich durfte eine unglaubliche Karriere erleben, trotz den Verletzungen. Wenn ich mich beklagen würde, müsste ich eingeliefert werden. Siege sind schön, aber es geht letztlich doch auch um die Persönlichkeit und die innere Einstellung eines Sportlers, die er hinterlässt. Auch ein Fahrer, der vielleicht nicht so viel gewonnen hat, kann Eindruck hinterlassen.

Zum Beispiel?
Bernhard Russi. Er ist weltweit eine absolute Topmarke. Es gibt aber auch Fahrer, die viel mehr gewonnen haben als Russi, die aber in Vergessenheit geraten sind und es nicht geschafft haben, ihren sportlichen Erfolg ins normale Leben mitzunehmen. Wie viele Trophäen du im Schrank hast, ist nicht entscheidend, sondern die inneren Werte und die zwischenmenschlichen Beziehungen, die man ins Leben nach dem Sport mitnimmt.

Was war Ihr schönster Erfolg?
Die Doppelabfahrt in Wengen. Für mich als Slalomfahrer war das unglaublich, niemand hat damals mit mir gerechnet. Ich konnte die Rennen mit taktischen Mitteln gewinnen. Ich war zwar kein guter Gleiter und nie der beste Abfahrer, aber 1989 habe ich alles richtig gemacht und den Speed-Spezialisten gezeigt, wo der Hammer hängt.

Noch eine Frage zum Schluss. Wir sind ja hier beim Legenden-Rennen: Wer sind für Sie die besten Skirennfahrer aller Zeiten?
(Muss nicht lange überlegen.) Jean-Claude Killy, Pirmin Zurbriggen, Hermann Maier, Alberto Tomba und Ingemar Stenmark.

Und Marc Girardelli?
Nein, da habe ich keinen Platz. Da gibt es einige, die besser sind als ich.

Erstellt: 06.01.2015, 13:48 Uhr

Video

«1989 habe ich alles richtig gemacht und den Speed-Spezialisten gezeigt, wo der Hammer hängt», sagt Girardelli heute. Hier sein Sieg in Abfahrt 2 am Lauberhorn. Videos: Youtube

100 Podestplätze gelangen Girardelli (l.) in seiner Karriere. Hier jubelt er zusammen mit Markus Wasmeier (M.) und Pirmin Zurbriggen (r.). Foto: Keystone

Unternehmer und Berater

Marc Girardelli ist einer der erfolgreichsten Skifahrer der Vergangenheit. Der heute 51-jährige Österreicher, der für Luxemburg startete, gewann zwischen seinem Weltcupdebüt 1980 und dem Rücktritt 1996 insgesamt 43 Weltcup­rennen, fünfmal den Gesamt-Weltcup, ist vierfacher Weltmeister und holte zwei Olympiamedaillen. Nach seiner Aktiv­karriere baute er unter anderem eine Skihalle im deutschen Bottrop, die er nach wenigen Jahren wieder verkaufte. Zu seinen heutigen Aktivitäten gehört die Vertretung des Therapiesystems Bemer; daneben veranstaltet er Ski-Events für Unternehmen, arbeitet für eine Skifirma und ist Berater für Winter-Tourismus in Bulgarien.

Fünf Siege im Gesamtweltcup: Marc Girardelli mit der grossen Kristallkugel 1993 in Are. Foto: Keystone

Auftakt zu den Klassikern im Weltcup

Der Männer-Slalom in Zagreb am Dienstag (15.00/18.15 Uhr, SRF 2) läutet die Klassiker-Wochen im Ski-Weltcup ein. Der zweite Lauf wird am Abend mit Flutlicht ausgetragen und verspricht viel Spektakel. Vor zwei Jahren triumphierte in Kroatiens Hauptstadt Marcel Hirscher. Der Österreicher ist auch der grosse Favorit bei den Rennen in Adelboden am kommenden Wochenende, wo am Samstag der Riesenslalom und am Sonntag der Slalom am Chuenisbärgli auf dem Programm stehen. Eine Woche später kämpfen die Abfahrer am Lauberhorn in Wengen um den prestigeträchtigen Sieg, danach folgt Kitzbühel.

In Skianzügen wie vor hundert Jahren strahlen der Marc Girardelli und Paul Accola (r.) nach einem Nostalgie-Slalom 2006 in Davos um die Wette. Foto: Keystone

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