«Ältere Mütter soll man nicht abschreiben»

Selina Gasparin hat im Biathlon vieles bewegt und vieles gesehen. Aber noch nie stand eine Schweizerin oder ein Schweizer zuoberst auf einem WM-Podest.

Sie gewann Olympiasilber und startet zu ihrer 10. WM: Läuft es ihr gut, könnte Selina Gasparin (35) «noch 100 Jahre» weitermachen.

Sie gewann Olympiasilber und startet zu ihrer 10. WM: Läuft es ihr gut, könnte Selina Gasparin (35) «noch 100 Jahre» weitermachen. Bild: Antonio Bat/Keystone

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Diese Frau hat einen starken Willen. Wie sie alles so ordnen und organisieren kann, dass das eine im Mittelpunkt steht, ohne dass anderes vernachlässigt wird. So ist Selina Gasparin ihren Weg gegangen. Die Engadinerin studierte drei Jahre in Norwegen, um dem Sport genügend Platz einräumen zu können. Dem Sport, den in der Schweiz niemand so richtig ernst nahm. Biathlon, und erst noch eine Frau. Erfolgsaussichten: erfahrungsgemäss sehr gering.

Doch Selina Gasparin bewies das Gegenteil – und hört nicht auf, es weiterhin zu tun. 2007 startete sie als erste Schweizerin in dieser Sportart an der Weltmeisterschaft. Sie fand dort statt, wo ab Donnerstag die 51. Titelkämpfe durchgeführt werden. Im Südtirol, in Antholz. 2010 war sie die erste Schweizerin bei Olympischen Winterspielen. 2013 gewann sie als erste Schweizerin ein Weltcuprennen. Sie und ihre Schwestern Elisa und Aita verlegten den Wohnsitz aus dem Engadin nach Lantsch/Lenz (und Umgebung), um so nahe wie möglich beim Schweizer Biathlonzentrum zu wohnen.

«Diese Saison ist nicht gezwungenermassen meine letzte.»Selina Gasparin

2014 errang sie bei Olympia in Sotschi Silber, zusammen mit ihren Schwestern lief sie in der Staffel. Sie heiratete den russischen Langläufer Ilja Tschernoussow, ist nun schon 35 und hat zwei Töchter. 2014 war sie nahe daran, Schweizer Sportlerin des Jahres zu werden. Nur Olympiasiegerin Dominique Gisin erhielt mehr Stimmen.

Und sie hat noch nicht genug. Die Pionierin freut sich auf ihre zehnte Weltmeisterschaft. «Ich bin weiterhin so gerne draussen in der Natur», sagt sie. So lange die Organisation mit der Familie so gut klappe wie jetzt, sehe sie noch keinen Anlass, ihre Karriere zu beenden. «Irgendwann wird es schon so weit sein, aber diese Saison ist nicht gezwungenermassen meine letzte.» Sie werde das nach dem Winter entscheiden. In aller Ruhe. «Wenn ich jetzt ein gutes Rennen laufe, dann denke ich, mache ich noch 100 Jahre weiter. Wenn es schlecht geht, kommen die anderen Gedanken.»

Selina Gasparin hat den Biathlon-Sport in der Schweiz salonfähig gemacht. (Bild: Keystone)

Gasparin kehrte nach der zweiten Babypause auch in den Wettkampfsport und den Weltcup zurück, «um den jüngeren Läuferinnen zu zeigen, dass man ältere Mütter nicht abschreiben soll», wie sie mit feinem Humorauf der Gasparin-Website schreibt. Aber nicht nur. Das Projekt Staffel treibt sie weiterhin an. «Früher war ich ganz allein, jetzt darf ich zusammen mit anderen aufs Podest.» Schon mehrmals seien sie in früheren Wintern dran gewesen an einer Klassierung unter den besten drei Teams, «aber wir sind nie durchgekommen. Dieses Jahr ist es wie magisch.»

«Die Olympia-Medaille war megawichtig. Dank ihr gibt es dieses Frauenteam.»Selina Gasparin

Ein zweiter Platz in Östersund, nachher noch zwei dritte Weltcupränge. Die Schweizerinnen gehen am zweitletzten WM-Tag als Nummer 2 ins Rennen, als zweitbeste Staffelnation im Weltcup.

Mit ihrer Saison in den Einzelrennen ist Selina Gasparin bisher nicht zufrieden. Ihre besten Leistungen erbrachte sie in der Staffel. «Das Wichtigste wird sein, dass wir konstant durchkommen, wir benötigen keine Einzel-Exploits. Einzelne Nationen haben Wackelkandidaten, bei uns sieht es sehr gut aus.»

Die Frauen-Staffel mit Lena Häcki, Aita, Selina und Elisa Gasparin (v.l.). Häcki, Selina und Elisa Gasparin schafften es diesen Winter erstmals auf ein Weltcup-Podest. (Bild: Keystone)

Eine Medaille mit der Staffel wäre ein nächster Schritt für den Frauen-Biathlon in der Schweiz. Ist die Pionierin eventuell gar bereit, ihr Olympia-Silber für eine erste WM-Medaille herzugeben? «Nein, auf keinen Fall. Die Olympia-Medaille war megawichtig. Dank ihr gibt es dieses Frauenteam.» Und wie wäre es, wenn die Schweiz wirklich eine WM-Medaille gewinnen würde – könnte das ein Grund für ein Karriereende, für ein Abtreten im Erfolg sein? «Jein», ist Selina Gasparins Antwort.

Denn alles erreicht hat sie ja doch noch nicht. «Ich habe noch nie einen Schweizer Biathleten oder eine Biathletin zuoberst auf einem WM-Podest gesehen. Das will ich erleben!» Auch dank ihrer Vorreiterrolle ist diese Sportart in der Schweiz auf gutem Weg, «jedes Jahr kommt etwas dazu, da ist etwas am Wachsen. Doch wir haben in vielen Bereichen noch Möglichkeiten, uns zu verbessern.»

Das Feuer in ihr brennt weiterhin. Und das ist für alle gut so.

Erstellt: 12.02.2020, 21:30 Uhr

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WM in Antholz (ITA) – die ersten Tage
Donnerstag, 14.45: Mixed-Staffel (4x6 km)
Freitag, 14.45: Sprint Frauen (7,5 km)
Samstag, 14.45: Sprint Männer (10 km)
Sonntag, 13.00: Verfolgung Frauen (10 km)
15.15: Verfolgung Männer (12,5 km)

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