Badboy gegen Schönfahrer

In Sölden wird Marcel Hirschers Nachfolger gesucht. Es gibt zwei Favoriten – und Schweizer, die lauern.

Der Weg scheint frei für Henrik Kristoffersen. Nur: Kann er seine Leistung auch bringen ohne den Dauerdruck von Hirscher?

Der Weg scheint frei für Henrik Kristoffersen. Nur: Kann er seine Leistung auch bringen ohne den Dauerdruck von Hirscher? Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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Irgendwann an diesem trüben Nachmittag im Dübendorfer Industriegebiet gelingt Ramon Zenhäusern dieser Satz: «Das Podest hat jetzt wieder drei Plätze.» Es ist der Medientag der Schweizer Skirennfahrer und der Saisonstart in Sölden von heute Sonntag (10.00/13.00) nah. Zenhäusern wird zum Riesenslalom auf dem Rettenbachgletscher nicht antreten, seine Startnummer wäre zu hoch. Der Walliser bleibt vorerst beim Slalom und überlässt das erste Kräftemessen den Spezialisten: Henrik Kristoffersen, Alexis Pinturault oder den Schweizern Loïc Meillard und Marco Odermatt.

Um drei Plätze auf dem Podest also geht es für sie. Nicht, dass das in der Vergangenheit anders gewesen wäre. Nur, und das meint Zenhäusern mit seiner spassigen Formulierung: Die Chancen darauf sind gestiegen. Jetzt, da er weg ist: Marcel Hirscher, der verbissene Perfektionist, der in den technischen Disziplinen an einem guten Tag alles in Grund und Boden fuhr – und an einem schlechten immer noch aufs Podest.

Mit 30, als achtfacher Gesamtweltcupsieger, siebenfacher Weltmeister, zweifacher Olympiasieger, mit 67 Weltcup-Triumphen und 12 kleinen Kristallkugeln für die Disziplinensiege in Slalom und Riesenslalom hat der Ausnahmeathlet aus Salzburg genug. Er wäre wohl auch in der anstehenden Saison der Mann gewesen, den es zu schlagen gälte in den engen Toren. Doch Hirscher mag den kräftezehrenden Dauerlauf nicht mehr bewältigen, diesen steten Kampf mit sich, die nie endende Tüftelei an Ski und Schuh, den Marathon mit den Medien. Er kümmert sich um seine ­Familie, seinen einjährigen Sohn. Nach acht Jahren wird es einen neuen besten Skirennfahrer geben.

23:19 für die Techniker – und noch mehr Vorteile in Sicht

Nachfolger dürfte ein anderer Techniker werden, das zumindest lässt der Kalender erahnen. Inklusive zweier Parallelrennen stehen 23 technische 19 Speed-Events gegenüber. Weil diese zudem deutlich stärker vom Wetter abhängig sind, würde das Ungleichgewicht bei allfälligen Absagen von Abfahrten und Super-G noch grösser. Und auch wenn bei den drei Kombinationen nach dem Speed-Teil neu der beste Tempobolzer als Erster zum Slalom starten darf, sind auch dort die Techniker tendenziell im Vorteil.

Deshalb sind die Kronfavoriten schnell gefunden: Henrik Kristoffersen und Alexis Pinturault. Der Norweger hat sich in der Vergangenheit aufgerieben am Kampf mit Hirscher, was ihn auch einmal in Werbebanden treten und lauthals fluchen liess. 2016 und 2018 war er im Gesamtweltcup Zweiter hinter dem Österreicher, nun scheint der Moment des 25-Jährigen gekommen. Allerdings war Hirscher nicht nur derjenige, der den schlaksigen Nordländer verzweifeln liess und ihm vor der Sonne stand, er war auch derjenige, der ihn zu Höchstleistungen trieb. Ob er ohne den Dauerdruck des Dominators bereit ist für den Schritt aus dem Schatten, in dem es sich mitunter auch angenehm leben lässt, muss Kristoffersen nun beweisen.

Die Konkurrenz ist auch ohne Hirscher beträchtlich. Pinturault holte in der vergangenen Saison 98 Punkte mehr als Kristoffersen und wurde Zweiter in der Gesamtwertung. Der Franzose punktet auch im Super-G regelmässig und ist in der Kombination seit sieben Jahren die grosse Figur. Zudem braucht ihn eine Sache nicht zu ­belasten: die des Kopfsponsors. Längst prangt das Logo von Red Bull auf den Mützen und Helmen des 28-jährigen Schönfahrers mit dem runden Schwung.

Alexis Pinturault könnte Henrik Kristoffersens grosser Herausforderer werden. (Bild: Keystone)

Das hätte auch Kristoffersen gerne, der ebenso vom Getränkehersteller unterstützt wird. Dafür kämpft er seit Jahren mit dem norwegischen Verband, der diesen Werbeplatz für seinen Sponsor Telenor vorgesehen hat. Zuletzt klagte Kristoffersen für das Recht auf ein eigenes Logo. Oder alternativ für eine Schadensersatzsumme von rund 1,75 Millionen Franken, die ihm ermöglichen sollte, ein ähnlich gutes Umfeld zu schaffen, wie er es mit Red Bull hätte. Wegen des Streits hat er in der Heimat den Ruf des Bad Boys. Im Mai unterlag er mit seiner Forderung vor dem Osloer Bezirksgericht. Kristoffersen tut gut daran, es dabei zu belassen. Nebenschauplätze können Gift sein im Kampf um den grossen sportlichen Coup.

Vielleicht greift in diesen ja doch auch ein Speed-Fahrer ein. Allzu weit weg war Dominik Paris im letzten Winter jedenfalls nicht. Weniger als 100 Punkte Rückstand auf Kristoffersen hatte der beste Super-G-Fahrer und zweitbeste Abfahrer hinter Beat Feuz. Allerdings zeigt ein Blick in die jüngere Vergangenheit, wie schwer es Athleten seiner Gilde mittlerweile haben: Carlo Janka war 2009/10 der letzte Speed-Spezialist, der die grosse Kugel gewann. Damals war der Bündner aber auch ein vorzüglicher Riesenslalomfahrer. Von seinen besten Tagen ist der 33-Jährige derzeit weit weg.

Odermatt kann der Schweizer Trumpf der Zukunft werden

Andere Schweizer stehen bereit, Hirschers Rücktritt für sich zu nutzen. Zenhäusern und Daniel Yule im Slalom, Meillard und Odermatt im Riesenslalom. Letzterer scheint zudem geradezu dafür geschaffen, dereinst auch den Gesamtweltcup ins Visier zu nehmen. Odermatt, der sich erneut in erster Linie auf den Riesenslalom konzentrieren wird, kann in jeder Disziplin schnell sein. Eine geschickte Planung ist unablässig, damit der 22-Jährige sich weiter in Ruhe der Spitze nähern kann.

Marco Odermatt wird viel zugetraut. (Bild: Keystone)

Dann kann der Nidwaldner vielleicht das werden, was Marcel Hirscher im Frühjahr in Adelboden voraussagte: «Er kann Gesamtweltcupsieger, Olympiasieger werden – alles, was er möchte.» Jedenfalls gibt es jetzt wieder einen Platz mehr auf dem Podest.

Erstellt: 27.10.2019, 08:26 Uhr

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