«Carlo hat ­niemandem einen Gefallen getan»

Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann spricht über ­Carlo Jankas Kritik und sagt, was er von Österreich lernt.

Urs Lehmann ist mit dem sportlichen Verlauf der Schweizer Athleten an der Ski-WM in Are zufrieden. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Urs Lehmann ist mit dem sportlichen Verlauf der Schweizer Athleten an der Ski-WM in Are zufrieden. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

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Was bleibt Ihnen von der WM?
Sportlich war sie gut bis erfolgreich, wir holten vier Medaillen. Es gab schöne Geschichten mit Wendy Holdener, die trotz dem Ausfall im Slalom lieferte, und Corinne Suter, bei der im richtigen Moment der Knopf aufging. Der Teamevent war ein Höhepunkt, der ist eine emotionale Sache. Wir sind nicht ganz auf dem Niveau von St. Moritz, aber es ist okay.

Es gab noch keine Medaille der Männer und mit Carlo Jankas Aussagen Unruhe. Er sagte, es fehle im Abfahrtsteam an Emotionen. Was dachten Sie?
Ich habe mich geärgert.

Über ihn?
(überlegt lange) Über die Sache. Wir nehmen Aussagen von Athleten ernst, bei uns kann jeder Kritik anbringen, dann versuchen wir, die Sache zu verbessern oder allenfalls zu erklären, wenn wir nichts tun können. Den Dialog gab es auch in Wengen. Beat Feuz und Carlo sassen an einem Tisch mit Markus Wolf (Geschäftsführer von Swiss-Ski) und Stéphane Cattin (Alpinchef). Am Schluss – ich habe mir das explizit bestätigen lassen – wurde gefragt: Drückt irgendwo der Schuh? Carlo sagte nichts. Vier Wochen später geht er zu den Medien und plaudert. Das ist nicht korrekt. Und der Zeitpunkt war der ungünstigste. An einer WM, wo die Aufmerksamkeit gross ist. Jeder weiss, dass er mit solchen Aussagen eine Bombe legt.

Hat es Konsequenzen für ihn?
Wir werden ihm erklären, wie er es anders hätte machen sollen. In jedem Unternehmen sollte Kritik intern angebracht werden. Er hatte die Möglichkeit – und liess sie ungenutzt. Schon werden Köpfe gefordert, er hat niemandem einen Gefallen getan. Auch sich selber nicht. Jetzt reden wir an der WM nicht mehr über den Sport, dabei muss der im Vordergrund stehen, nicht solche Querelen.

Dass sich Janka nicht öffnet, kann das auch mit den Personen bei Swiss-Ski zu tun haben?
Das lasse ich nicht gelten. Zu Markus Wolf hat er eine enge Bindung, er kann auch zu mir kommen. Wir haben eine Kultur, in der man sich austauschen kann.

Gruppentrainer Andy Evers und Chefcoach Thomas Stauffer wirken tatsächlich nicht wie die feurigsten Antreiber.
Waren Sie schon einmal an einer Sitzung dabei?

Dürfen wir ja nicht. Sind die zwei denn nicht sehr still?
Sie sind sicher nicht die Lautesten. Ich sage auch nicht, dass die Aussage von Carlo falsch ist. Ich sage nur, dass die Art und Weise sehr, sehr unglücklich war.

Stauffer und Evers reagierten auf Jankas Aussage mit der Frage: Muss man einen 32-Jährigen noch motivieren? Wie lautet Ihre Antwort?
Ja, muss man. Jeder Athlet muss auf die eine oder andere Weise motiviert werden. Carlo ist einer der grössten Fahrer, die wir je hatten, aber er steckt in einer schwierigen Situation. Übrigens: Wir haben ihn immer unterstützt, ihn an die WM mitgenommen, obwohl er die Kriterien nicht erfüllt hat. Jedem steht zu, einen Fehler zu machen. Aber das war nicht geschickt, vielleicht war er vom Frust getrieben über die eigene Leistung.

Was sagt das über Trainer aus, wenn sie die Frage stellen, ob man einen Athleten noch motivieren muss?
Sie haben ja nur die Frage gestellt.

Und damit die Antwort geliefert: nein.
Ich sage nicht, dass wir alles richtig machen. Logisch sehe ich Potenzial. Aber es ist nicht der Moment, Leute infrage zustellen, die uns in den letzten Jahren substanziell voran brachten.

Vielleicht fehlt die Sensibilität für Fahrer wie Janka.
Evers ist einer der besten, wenn nicht der beste Abfahrtstrainer. Von Stauffer sagen alle, dass er hervorragende Arbeit leiste – das sage auch ich. Das heisst nicht, dass in dieser Konstellation alle Aspekte perfekt abgedeckt sind. Das ist das, was Carlo hinterfragt. Hat er recht, werden wir das nach der WM angehen. Nach der WM.

Patrick Küng wechselte die Trainingsgruppe, er fühlte sich nicht mehr wohl, kritisierte die Stimmung im Team. Sind das Alarmzeichen?
Schaue ich die Resultate an, sind das Alarmzeichen auf akzeptablem Niveau.

Resultate liefert eigentlich nur Feuz – und den zu trainieren, ist quasi ein Selbstläufer.
Das ist nun sehr polemisch.

Ins Zentrum der Kritik gerät Alpinchef Stéphane Cattin. Er ist kaum greifbar.
Stéphane geht dorthin, wo es wehtut, fällt auch unpopuläre Entscheide. Der Alpinchef ist nicht primär für den Weltcup zuständig, sondern für die ganze Kaskade bis zu den nationalen Leistungszentren. Er ist massgeblich beteiligt an der Stärkung des gesamten Systems in den letzten Jahren.

Fehlt nicht die klare Linie von oben? Gibt es eine einheitliche Kultur, oder funktioniert jede Trainingsgruppe für sich?
Das ist Quatsch! Wir funktionieren als Team so gut wie lange nicht mehr.

Wird genug auf die individuellen Bedürfnisse der Athleten eingegangen?
Als grosse Skination können wir nicht funktionieren wie die Norweger, wir brauchen eine breite Struktur. Gleichzeitig müssen wir auf jeden Einzelnen eingehen, vor allem auf die Stars. In einem grossen Konstrukt darf der einzelne Mensch nicht vernachlässigt werden. Es hat sicher auch Fälle gegeben, wo das leider nicht gelungen ist.

Das Schweizer Abfahrtsteam ist erst noch heterogener als jenes der Norweger, es hat sehr unterschiedliche Charaktere.
Man kann uns nicht mit den Norwegern vergleichen, nicht einmal mit den Österreichern. Der Österreicher hat seit Jahrhunderten ein Kaiserreich, entsprechend ist er obrigkeitshörig. Wir Schweizer sind uns seit Morgarten gewohnt, dass wir uns auf den Kopf hauen, uns nicht sauber aufstellen, von der Seite kommen – so haben wir Erfolg. Wir sind Individualisten.

Dann passt Janka mit seinem Vorgehen perfekt in die Historie.
Das ist wieder sehr polemisch.

In der ersten WM-Woche waren die umstrittenen Aussagen von FIS-Präsident Gian Franco Kasper bezüglich Klimawandel und Diktaturen Hauptthema. Was ist Ihre Meinung?
Der Sport soll im Zentrum stehen. Wir müssen uns von der besten Seite präsentieren, es gibt keine bessere Plattform als einen Grossanlass. Die politische Diskussion hat schon eine mächtige Dimension angenommen. Sie hat uns Wind aus den Segeln genommen.

Es heisst, Sie spekulierten auf Kaspers Amt.
Überhaupt nicht. Ich bin wirtschaftlich solid aufgestellt und nicht auf dieses Amt angewiesen. Aber wir bei Swiss-Ski sagen: Die FIS ist in der Schweiz, wir haben einen Schweizer Präsidenten. Und sollte Gian Franco aufhören, könnte es sein, dass ich mich zur Verfügung stelle. Aber dass ich mich aufdrängen soll, wie dargestellt wird, möchte ich verneinen.

Gefällt Ihnen, wie in der FIS gearbeitet wird?
Wie gut der Skisport dasteht, ist auch der FIS zu verdanken. Aber ich bin mit der Weiterentwicklung unseres Sports nicht zufrieden. Themen wurden nicht angegangen, zum Beispiel die Kombination: Die sollte abgeschafft werden, bevor das Nachfolgeprodukt, die Parallelrennen, ausgereift war. Wir müssen uns weiterentwickeln, aber die Schritte müssen durchdacht sein. Das fehlte in den letzten Jahren.

Sie planen, den Skisport besser zu vermarkten. Kasper ist ganz anderer Meinung, er will den Status quo, die FIS soll Verband und nicht Vermarkter sein.
Wir müssen nicht gleicher Meinung sein. Für mich ist es zwingend, dass wir Produkte haben, die wir verkaufen können, damit wir mehr in den Sport investieren können. Geht es den Sportlern gut, dann geht es den Ausrüstern gut, den Sponsoren, den Verbänden. Wir haben bei Swiss-Ski ein Budget von 55 Millionen Franken; als ich 2006 anfing, waren es 27. ­Jeder Stutz fliesst in den Sport.

Ist ein grosser Umbruch möglich mit den Leuten, die an der Spitze der FIS sitzen?
Darf ich den Joker setzen?

Es ist also nicht möglich. Die Frage ist überhaupt: Ist Kasper noch tragbar als Präsident?
Er ist unser Präsident, er ist Schweizer, es liegt nicht an mir, dies zu beurteilen. Solche Aussagen, wie er sie letzte Woche machte, würde er heute wohl nicht mehr machen.

Zurück zum Sportlichen: Die Schweiz ist angewiesen auf Exploits wie jene von Suter, um erfolgreich zu sein ...
… das ist eine Hypothese …

… was sagt das aus über den Zustand des Schweizer Skirennsports?
Da widerspreche ich, das war kein Exploit, Corinne ist endlich der Knopf aufgegangen. Aber ich will nichts schönreden: Es gibt Bereiche, in denen wir uns verbessern können. Bei manchen Athleten muss man sich fragen: Wieso starten sie gut in die Saison und werden schlechter? Und: Wir müssen an der Breite arbeiten, da sind uns die Österreicher voraus. Sie lassen Athleten im System, die zwischen den Plätzen 15 und 25 fahren. Bei uns aber hat Qualität vielleicht zu sehr Vorrang vor Quantität.

In der Schweiz werden weniger gute Fahrer vernachlässigt?
Die Aussage lasse ich so gelten. Wir müssen Athleten länger im System halten. Wir denken: Ist einer zwanzig, sollte er den Sprung vom C- ins B-Kader schaffen, da wird die Luft schon dünn. Dabei hat er noch zehn Jahre Zeit. Wir müssen zulassen, dass sich jemand verletzt oder eine schlechte Saison einzieht, ohne dass er gleich ­rausfällt.

Es gibt doch Athleten, die seit Jahren mitgeschleppt werden.
Ich sage: Man kann nicht zu spät aufhören, nur zu früh. Ich halte lieber zehn Athleten zu lange als einen zu kurz.

Gibt es genügend Talente?
Ich glaube schon, die Pyramide wird einfach zu schnell zu eng, da fallen Talente durchs Raster. Wir haben Strukturen und finanzielle Mittel, dass wir den Anspruch haben müssen, die Nummer 2 zu sein hinter Österreich.

Nicht die Nummer 1?
Das ist die Vision.

Erstellt: 17.02.2019, 00:08 Uhr

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