Colognas unerwarteter Widersacher

Statt mit den Gegnern kämpft der Bündner am Tourfinale mit seiner Gesundheit. Steigt er sogar aus?

Dario Cologna ist nach seinem Sturz ohne Chance auf den Gesamtsieg. Video: SRF.
Video: Gian Ehrenzeller/Keystone

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Wenn im Zielraum statt Dario Cologna sein Doktor redet, ist klar: Da ist etwas ziemlich falsch gelaufen. Denn Patrik Noack, der verantwortliche Arzt der Schweizer Langläufer, gedenkt nach der zweitletzten Etappe dieser Tour de Ski im Val di Fiemme keineswegs über die Leistung von Cologna zu sprechen. Da gibt es vordergründig auch nicht viel zu sagen.

Bloss 24. wird der Bündner über 15 km klassisch im Massenstart, 1:05 Minuten hinter Sieger Johannes Klaebo. Statt also heute hinauf zur Alpe Cermis allenfalls noch auf den dritten Gesamtrang vorzustürmen, überlegt sich Cologna (12.) gar, ob er das finale Kraxeln zur Alp überhaupt bewältigt.

Darum steht Noack im Zielraum und hält Sprechstunde, indem er erklärt, was passierte: Seit dem zweiten Tour-Sprint am Neujahrstag plagt Cologna ein Reizhusten. Er wird durch kalte (Höhen-)Luft gepaart mit hoher Intensität ausgelöst. Colognas Körper vermag die kalte Luft dann nicht mehr entsprechend zu erwärmen, bevor sie in die Bronchien strömt.

Arzt Noack: «Wir haben ausgereizt, was wir können»

Betroffen ist Cologna von diesem sogenannten Kälteasthma schon lange, nur glaubte man in seinem Team, das Problem über die Jahre dank Inhalation mit Medikamenten in den Griff bekommen zu haben. Nun muss Noack bilanzieren: «Wir haben uns geirrt und sind entsprechend enttäuscht. Das ist fraglos ein Rückschlag.»

Auf die Schnelle wüsste Noack, der Schweizer Chef-Mediziner an Olympischen Spielen, nämlich nicht, was sie am Setting verändern könnten. «Wir haben ausgereizt, was wir können.» Auf jeden Fall schüttelte es Cologna nach dem Rennen dermassen durch, dass er sofort Inhalationshilfe beanspruchen musste und im Team-Bus verschwand.

Wenn er von solchen Husten­attacken geplagt wird, verkrampfen sich Zwerchfell und andere ­Teile seiner Muskeln. Entsprechend ­müssen sie vom Physiotherapeuten gelöst werden. Insgesamt verlangsamt sich dadurch die ­Erholung, was in einem Mehretappenrennen wie der Tour nachteilig ist – und schon in der Vergangenheit dazu führte, dass der Rekordsieger glaubte, mit ­seiner alten Tour-Liebe ­abgeschlossen zu haben.

Dann folgten im letzten Winter die Wende und der vierte Titel. Fairerweise muss man sagen, dass der 32-Jährige diesmal auch ohne den unerwarteten Gegner niemals gesiegt hätte. Dafür ist seine Form zu bescheiden. Den finalen Beweis dafür lieferten diese selektiven 15 Kilometer im Val di Fiemme auf einer Rundstrecke, die ihm behagt – zumindest, wenn es ihm läuft.

Wieder ein Sturz – Cologna zementiert seinen Ruf

Gestern fiel er primär zweimal auf: Als er sich früh im Rennen zahlreiche Bonussekunden im ersten Zwischensprint sicherte – und ­Minuten danach in der steilen Abfahrt stürzte. Wieder einmal, muss man sagen. Cologna hört es zwar ungern, wenn man feststellt, dass er im Verhältnis zu anderen Toplangläufern überdurchschnittlich viel zu Boden geht. Nur lässt sich dieser Fakt nicht einfach wegzaubern. Irgendwie harmonieren Schussfahrten und der Olympiasieger nicht wirklich. Auf jeden Fall agierte er nach dem Sturz wie ausgewechselt. Lief er davor achtsam an der Spitze, büsste er in der ­Folge stetig an Sekunden ein.

Selbst wenn er die Tour beenden sollte, dürfte es seine schlechteste seit seinem Durchbruch vor zehn Jahren werden. Bislang war er nie schlechter als Gesamt-Vierter. Dies offenbart, was für ein überragender Tour-Teilnehmer er ist. Die Bilanz erklärt, warum man ihn an der ­Serie stets zum Mit­favoriten macht und Ränge fern der Top 3 als ­Niederlagen deutet.

Dass er sich zuletzt stark gegen diese Sichtweise wehrte, ist verständlich. Sein Aufbegehren ist angesichts seines Palmarès aber ­wenig erfolgreich. Cologna ist da ein bisschen Opfer seines Erfolgs.

Erstellt: 05.01.2019, 23:09 Uhr

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