Dario Colognas Masterplan

Der Olympiasieger hat sein Training der letzten Monate offengelegt und erlaubt so einen Einblick in seinen sportlichen Alltag. Heute startet er in Ruka (Fin) in die neue Saison.

Das Lächeln eines Siegers: Dario Cologna nach seinem Sieg in Oberstdorf im Januar dieses Jahres. Foto: Keystone

Das Lächeln eines Siegers: Dario Cologna nach seinem Sieg in Oberstdorf im Januar dieses Jahres. Foto: Keystone

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Langläufer werden im Sommer gemacht – sagen Langläufer. Wer darum wissen will, warum Dario Cologna in den nächsten Wochen von Davos über Rybinsk bis Oslo schnell über die Loipen dieser Welt gleitet, muss sich die Arbeit seiner vergangenen Monate anschauen, sofern er sie erklärt bekommt. Spitzensportler sind in dieser Beziehung heikel, denn sie ­befürchten, ihren Gegnern zu viele ­Informationen zu bieten, wenn sie ihre Daten veröffentlichen. Dass Cologna ­zugestimmt hat, dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet einen ­relativ detaillierten Einblick in sein Training zu ermöglichen, spricht für die Souveränität des 29-jährigen Bündners. Er weiss schliesslich: Kopieren geht ohnehin nicht, weil jeder Körper anders auf ­Trainingsreize reagiert.

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Zumal Colognas Masterplan auch Ausdruck seines reifen Athletenalters ist. 620 Stunden schwitzte er seit Mai bis zum Saisonstart heute in Ruka (Fin). ­Damit wird er aufs Jahr hochgerechnet auf rund 900 Trainingsstunden kommen. Nur austrainierte Langläufer mit sehr hoher Belastbarkeit ertragen solche ­Umfänge – nachdem sie sich dieser Zahl schrittweise genähert haben. Was bei Cologna auffällt: Die überwiegende Mehrheit seiner Einheiten, im Schnitt kommt er pro Woche auf 12, legt er im tiefen Pulsbereich von circa 70 Prozent seines Maximums zurück. Er trainiert also extensiv seine Grundlagen und schätzt, dass zu vier lockeren Trainings ein mittleres bis hartes hinzukommt.

Hobbysportler aufgepasst!

Diese Verteilung hat sich zum Goldstandard im Eliteausdauersport entwickelt, wie Studien der letzten Jahre zeigen. Neu ist dieser Ansatz jedoch nicht. Bereits der Neuseeländer Arthur Lydiard, eine Trainerlegende des Laufsports, liess seine Athleten in den 1960er-Jahren in diesem Verhältnis der Intensitäten an sich arbeiten. Allerdings fehlen systematisch ausgewiesene Zahlen zu jener Epoche.

Was für Cologna und viele Topathleten des Ausdauersports also gut und richtig ist, sollte auch für Hobbyathleten gelten. Gerade sie, so verdeutlichen ­Arbeiten zum Thema, trainieren jedoch oft viel zu hart. Ihnen sollte der Olympiasieger darum als Vorbild dienen. Mehr ist oft nur dann besser, wenn es im besagten Bereich von circa 70 Prozent des maximalen Pulses stattfindet.

Viele Stunden auf den Rollski

8000 Kilometer hat Cologna seit Mai zu Fuss, auf Roll- oder Langlaufski zurückgelegt. Hinzu kamen stets zwei Krafttrainings pro Woche und das Aufwärmen in Form von Spielen (Fussball etc.). Jeweils zehn Tage pro Monat verbrachte er ­zusammen mit seinen Disziplinenkollegen und Coach Ivan Hudac in Lagern. Die restliche Zeit trainierte er vorwiegend zu Hause in Davos. Um in den nächsten Wochen also brillieren zu ­können, absolvierte er die Strecke ­Zürich–Peking (Luftlinie). Dabei kommt dem Trainieren auf Rollski eine Schlüsselfunktion zu: Abgesehen vom Monat Mai, als er mit dem Nationalteam auf Sardinien viele Rennradkilometer abstrampelte, verbrachte er auf den Rollen am meisten Stunden, minimal 30 pro Monat (Mai), maximal 39 (Oktober).

Bedeutend geringer fallen dafür seine Langlaufeinheiten aus. Im Mai, Juli und September verzichtete er auf Schneetraining, stand im Juni auf dem Stilfser Joch und im August in Oberhof im Langlauftunnel. Erst in diesem Monat nun nimmt sein Kernsport die zentrale Rolle in seinem Alltag ein – was auch auf seinen Wohnort Davos zurückzuführen ist.

Dank übersommertem Schnee können die Swiss-Ski-Langläufer seit einigen Jahren ab Ende Oktober oder Anfang ­November auf einer für sie präparierten Loipe das (Kunst-)Schneegefühl aufbauen. Trotzdem bleibt der Zeitraum ein schwieriger Abschnitt für Cologna und Teamkollegen, weil sie je nach Wetter bis hoch in den Norden reisen müssen, ­damit sie ausreichend gute Bedingungen fürs Langlaufen vorfinden. In Saariselkä, im finnischen Teil Lapplands, wurden sie in diesem Jahr ­fündig – und mit ihnen eine Vielzahl an anderen Nationen.

Die kurzen Tage und langen, dunklen Nächte zählen nicht zu Colognas bevorzugten Stunden, zumal die oft sehr tiefen Temperaturen den Körper auskühlen. Entsprechend muss er wie seine Kollegen aufpassen, nicht schon vor dem Saisonstart aus dem Gleichgewicht zu geraten. Aus diesem Grund wollte das Team vor dem ersten Weltcup nochmals heimreisen und ein bisschen Sonne ­geniessen. Weil auch im Norden erst spät Schnee fiel, verschob die Equipe die ­Anreise und musste deshalb auf diese Sicherheitsmassnahme verzichten.

Verletzung wirkte lange nach

Dass der Saisonaufbau für Cologna ­normal, also ohne grössere Probleme verlief, ist wichtig. Nachdem er sich im Dezember 2013 bei einem Sturz das rechte Sprunggelenk schwer verletzt hatte, plagten ihn die Auswirkungen bis in den Aufbau für den Winter 2014/15 hinein. Er konnte kaum rennen und musste auf ­explosive Trainings mit Sprüngen ­verzichten. Als Folge fehlte ihm der ­normale Topspeed. In den Sprints schied er deshalb regelmässig in der Qualifikation aus – in den Massenstartrennen konnte er im Finish nicht wunschgemäss pushen.

Dieses Defizit konnte er in den vergangenen Monaten beseitigen. Er sollte deshalb ­erneut ein kompletterer – und damit noch ein bisschen erfolgreicherer – ­Athlet als in der Vorsaison sein. Den ­ersten Hinweis dafür erhält er gleich zum Auftakt. Die dreitägigen Wettkämpfe von Ruka werden mit ­einem Klassisch-Sprint lanciert. Wie gut sein Sommer wirklich war, offenbart sich Dario Cologna dann erstmals.

Erstellt: 26.11.2015, 23:55 Uhr

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