Das olympische Chaos wird grösser

Pyeongchang ist bereit für die Winterspiele. Sorgen bereiten Doping und Nordkorea.

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Noch hat IOK-Präsident Thomas Bach gute Laune. Er betritt in Pyoengchang die Bühne und lobt die Arbeit der Gastgeber. Dann eröffnet er das Olympische Dorf und lässt weisse Tauben in Form von schlecht gepumpten Heliumballonen zum Himmel steigen. Die Tauben mühen sich in die Luft – Frieden soll die Spiele prägen, will der Deutsche sagen. Natürlich schielt Peacemaker Bach mit seinen Absichten nach Norden, über die Demarkationslinie zum verschupften Bruder Südkoreas: nach Nordkorea. Olympia soll die beiden Länder zusammenbringen.

Es ist zwei Uhr nachmittags am Donnerstag, als das alles passiert. Und Bachs Seelenfrieden ist bald vorbei. Drei Stunden später kommuniziert der Sportgerichtshof CAS, dass die lebenslangen IOK-Sperren gegen russische Athleten in 28 Fällen ungültig sind. Zu wenig Beweise, zu viele Indizien: Der vermeintlich harte IOK-Schlag gegen die Russen wird zum Hieb in den Bauch von Bach. Kurz vor den Spielen droht das Chaos, die rehabilitierten Athleten könnten nun ihren Start einklagen.

Dabei sah es vor einer Woche noch so gut aus: Das Dopingthema schien geregelt, das mit Raketenversuchen trötzelnde Nordkorea eingebunden und ruhiggestellt – blieben noch die kleineren Probleme: erstens die letzten Arbeiten und zweitens die fiese Kälte. Punkt eins haben die Organisatoren im Griff. Es gibt keinen Spott aus dem Ausland wie noch in Sotschi, als Bilder von schlecht montierten Toilettenschüsseln um die Welt gingen. Die Anlagen stehen, die Koreaner sind bereit. Punkt zwei hingegen, die Kälte, wird ein Thema bleiben, das darf man jetzt schon festhalten.

Mit dem Laubbläser das Eis bekämpfen

Im Olympiastadion hat es keine Bäume, und doch schnallt sich ein Arbeiter einen Laubbläser Typ Kasai EB 750E auf den Rücken. Sein Kollege hilft ihm beim Motor anwerfen und greift das Starterseil. Er zieht wie beim Rasenmäher, ruck!, und nochmals, ruck!, den Mann mit dem Kasai EB 750E auf dem Rücken schüttelt es hin und her, er stürzt um ein Haar, denn er steht auf blankem Eis. Offenbar haben sie das Stadion vor Tagen mit Wasser gegen Dreck geschrubbt und die Kälte vergessen. Die Folge: sauberer Boden, aber auch viel Eis. Das muss weg. Also zieht der Laubbläser mit warmer Luft und grossem Lärm seine Runden, Sisyphus könnts nicht besser.

Der brachiale Einsatz des Kasai EB 750E zeigt, die Kälte wird zum Problem hier. –10 Grad ist es kalt, mit dem Wind ein gefühltes Vielfaches kälter. Unwirtlich und ungemütlich – wer hier länger als 30 Minuten ohne Bewegung ausharrt, ist zäh. Die Eröffnungsfeier in Sotschi dauerte drei Stunden. Viel Spass, liebe Damen und Herren. 600 Busse werden am 9. Februar 43 000 Leute aus dem Tal in die koreanischen Hügel befördern. Das IOK hat angekündigt, dass für die Eröffnungsfeier das Ärztekontingent von 52 auf 165 erhöht wird. Die Besucher bekommen zur Kältebewältigung sechs Hilfsmittel: einen Regenmantel, eine Wolldecke, eine Kappe, ein Sitzkissen, sowie Hand- und Fusswärmer.

30 Zentimeter Schnee pro Jahr

Pyeongchang liegt in den koreanischen Bergen. Wobei Berge in Korea eher Hügel sind. Braune Hügel. In der Gegend schneit es im Schnitt 30 Zentimeter pro Jahr. Wenig für ein Wintersportgebiet. Doch mit dem Kunstschnee reicht es zu einem weissen Teppich, der dank der Kälte liegen bleibt. 50 Kilometer von Pyeongchang entfernt liegt die Wettkampfstätte der Snowboarder, der Phoenix Snow Park. Auf dem höchsten Punkt des Skigebiets, dem Mont Blanc, ist die Aussicht bezaubernd. In der Ferne entzücken koreanischen Hügelzüge, in der Nähe werden letzte Arbeiten erledigt. Die Arbeiter präparieren die obszön hohen Kicker, Pistenfahrzeuge geben der Halfpipe die Form, Helfer rutschen auf der steilen Buckelpiste den Hügel runter, weil sie keinen Halt finden.

Davide Cerato ist der Verantwortliche für die Schneeanlagen. Er stapft durch den Kunstschnee und beobachtet mit einem Lachen Volunteers, die gerade lernen, blaue Linien in den Schnee zu spritzen. Cerato zeigt hoch zu den grossen Schanzen des Slopestyle-Wettbewerbs. «Es wird spektakulär, das kann ich Ihnen sagen. Wir sind bereit», sagt er.

Nicht alle sind so zuversichtlich wie der Italiener. In der Talstation hat sich Widerstand formiert. Die Skivermieter der Gegend haben ein Zelt aufgebaut und ein riesiges Plakat gespannt: «Pyeongchang Olympic kill us!» Das IOK hat dem Skigebiet seit Wochen den Betrieb verboten, die Vorbereitungsarbeiten haben Priorität. Also fehlen die Touristen, und die Vermieter erleiden Ausfälle. Sie machen mit lauter Musik auf sich aufmerksam, in ihrem Zelt haben sie einen Heiz­wärmer aufgestellt, die Kiste mit den leeren Bierflaschen ist voll.

Viele Hotels sind noch nicht fertig gebaut

Die olympischen Bauten sind in den Bergen bereit, nicht aber die privaten. Vielen Hotels fehlt noch die Fassade. Noch schlimmer soll es aber am dritten Austragungsort der Spiele sein, in Jengseon bei den alpinen Abfahrern, so berichtet es eine Amerikanerin: «No bars, no hotels – nothing.» Falls also Beat Feuz Abfahrtsgold gewinnt, muss er anderswo feiern.

Der vierte Ort ist im Tal unten, direkt am Meer. Gangneung, gewöhnlich ein Ort der schönen Strände und des Tofus. Nun Austragungsort aller Hallensportarten wie Eishockey oder Curling. In der Stadt arbeitet auch Soohyeong Cheon. Der 26-jährige Hotelmanagementstudent hat Semester­ferien und ist zum Geldverdienen hergekommen. Auf die Frage, wie viele Medaillen Südkorea gewinnt, antwortet er: «Zehn!» Bob, Eisschnelllaufen und vor allem Short Track soll Edelmetall bringen.

Cheon erzählt, dass in Seoul noch nicht viel von Olympia-Euphorie zu spüren sei. Dass aber die neuen Hochgeschwindigkeitszüge am Morgen und Abend ausverkauft seien. 100 000 Menschen werden pro Tag erwartet, 75 Prozent der Tickets haben die Organisatoren bisher absetzen können. Das billigste Ticket der Männerabfahrt kostet 80 Franken, ein Eishockeyspiel der Vorrunde rund 60 Franken. Cheon ist sich sicher, dass in Gangneung eine tolle Stimmung herrschen werde, er frage sich aber, wie viele seiner Landsleute in die Bergen reisen. «Das kostet alles – und es ist sehr kalt dort oben.»

In den kleinen, charmanten Restaurants von Gangneung gibt man sich unbeeindruckt von den Spielen: Englisch ist hier eine wahre Fremdsprache, englische Speisekarten sind Ausnahmen. Olympia wird in Südkorea finanziell nicht ausgeschlachtet. In Guangneung ziehen in diesen Tagen auch die Sportler in das Athletendorf ein und hängen ihre Landesfahnen aus dem Fenster. Am Freitag wehte plötzlich auch eine riesige nordkoreanische Flagge aus einem der Fenster. Brisant, denn in Südkorea ist es gewöhnlich verboten, die nordkoreanische Flagge zu hissen.

Die Nordkoreaner provozieren

Pyongyang – nicht zu verwechseln mit Pyoengchang – beschäftigt. Die südkoreanischen Nachrichtendienste melden, dass die Nordkoreaner in ihrer Hauptstadt eine grosse Militärparade proben. Tatsächlich sollen am 8. Februar, einen Tag vor der Eröffnungsfeier, Tausende Soldaten und Hunderte Raketen vor dem Präsidenten defilieren. Eine Provokation sondergleichen, sagen Skeptiker; die Pragmatiker entgegnen, die Nordkoreaner feiern den alljährlichen Geburtstag der Armee, alles halb so schlimm.

Trotzdem sorgt die 600-köpfige nordkoreanische Delegation (davon 22 Sportler) für Fragezeichen. Gemeinsame Events mit den Südkoreanern haben die Leute aus dem Norden abgesagt. Hyung-Jin Kim, Nordkoreaexperte der Nachrichtenagentur AP, sagt: «Es würde mich nicht überraschen, wenn Kim Jong-un noch alle seine Athleten zurückziehen würde.»

Es wäre ein weiterer Hieb für IOK-Präsident Bach. Er, der die Veranstaltung so liebend gerne als Friedensspiele inszenieren würde. Gestern Samstag tagte er mit seinen Kollegen der IOK-Exekutive. Grosses Traktandum: Doping. Immer wieder Doping. Am Abend schritt nicht Bach vor die Presse, er schickte seinen Chefsprecher. Das IOK wird 13 der 28 lebenslang gesperrten Sportler noch einmal prüfen und feststellen, ob diese nun doch an Olympia teilnehmen dürfen. Das Chaos wird grösser.

Erstellt: 03.02.2018, 23:16 Uhr

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