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«Den Plan B gibt es nicht»

Am Wochenende beginnt mit den Riesenslaloms in Sölden die Weltcupsaison. Beat Feuz hofft, bei den Speedrennen von Ende November in Lake Louise ins Wettkampfgeschehen zurückzukehren.

Beat Feuz: «Die Sprünge sind das heiklere Thema als die Kurven.»
Beat Feuz: «Die Sprünge sind das heiklere Thema als die Kurven.»
Keystone

Am Sonntag beginnt in Sölden die Weltcupsaison – was trauen Sie Ihren Teamkollegen auf dem Rettenbachgletscher zu?

Beat Feuz: Einfach wird es nicht, weil neben Didier Défago ausschliesslich Junge am Start stehen. Qualifizierten sich zwei dieser Jungen für den zweiten Lauf, würde ich von einem guten Ergebnis sprechen.

Schlechter als im letzten Winter könne es für die Schweizer Männer in diesem gar nicht laufen, ist allseits zu lesen. Stellt diese Ausgangslage einen Vorteil dar?

Die Erwartungen mögen etwas gesunken sein, aber das spielt höchstens eine Nebenrolle. Die Älteren wollen dorthin zurück, wo sie einmal waren, die Jungen orientieren sich ebenfalls an den Besten. Ich sehe in erster Linie einen Nachteil, und zwar wegen der hohen Startnummern.

Als Sie 2011 in die Weltspitze fuhren, war Swiss-Ski im Gesamtweltcup mit 3 Athleten – Didier Cuche, Carlo Janka und Silvan Zurbriggen – in den Top 6 vertreten. Profitierten Sie davon?

Auf jeden Fall, die Erwähnten waren die Gradmesser. Wer im Training dabei war, hatte die Gewissheit, fürs Rennen bereit zu sein. Das gilt insbesondere im Fall von Cuche – er hat in jedem Training 100 Prozent gegeben.

Nun fehlen nicht nur Gradmesser, sondern auch Schutzschilder; die Jungen stehen in Sölden im Schaufenster. Ist dies eher Belastung oder Motivation?

Das hängt von der Einstellung ab; ich würde es als Motivation betrachten. Vor ein paar Jahren wurde ich einmal Achtzehnter und war damit etwa der siebentbeste Schweizer – das hat niemanden interessiert. Nun besteht die Möglichkeit, mit einem Platz zwischen 15 und 20 auf sich aufmerksam zu machen.

Im Riesenslalom wurde das Gefälle im letzten Winter wegen der Regeländerungen im Materialbereich deutlich grösser. Welche Entwicklung ist in den nächsten Monaten zu erwarten?

Die Unterschiede dürften kleiner werden, aber immer noch deutlich grösser sein, als dies vor der Regeländerung der Fall war. Ich gehe davon aus, dass Ted Ligety, Marcel Hirscher und Alexis Pinturault immer noch klar schneller sein werden als die anderen. Der Dreissigste wird auf den Sieger jedoch weniger verlieren als im letzten Winter.

Wie steht es um Ihren Riesenslalomschwung?

Ich habe fünf Trainingstage in den Beinen, bin aber primär auf Pisten gefahren, die sich nicht mit Weltcupstrecken vergleichen lassen. An den Läufen gibt es nichts auszusetzen, eine Steigerung liegt derzeit aber nicht drin.

Warum nicht?

Weil ich das Knie im Riesenslalom öfter und stärker spüre als in den schnellen Disziplinen.

Worauf müssen Sie im Training besonders achtgeben?

Dass ich keine Risiken eingehe. Schlechtwetterübungen sind tabu, und wenn andere sieben oder acht Läufe machen, sind vier bis fünf für mich allemal genug.

In der Super-Kombination waren Sie ganz vorne dabei – wie reagiert das Knie auf den Slalomschwung?

Das weiss ich nicht. Wenn ich nicht irre, stand ich in der Super-Kombination von Sotschi letztmals auf Slalomski, also vor gut anderthalb Jahren

...was darauf schliessen lässt, dass die Super-Kombination im bevorstehenden Winter sowieso kein Thema sein wird.

Sie könnte zum Thema werden, wenn alles zusammenpassen sollte. Die erste findet erst Mitte Januar in Wengen statt, da bleibt noch etwas Spielraum.

Sie sind ein kommunikativer, geselliger Typ, haben zuletzt aber oft alleine trainiert. Wie kommen Sie damit zurecht?

Es ist schon komisch; die Kollegen fehlen mir vor allem im Hotel. Aber der individuelle Weg ist der einzig gangbare; er bietet höchstmögliche Flexibilität.

Ihr Individualtrainer Sepp Brunner führte einst Sonja Nef aus einer vergleichbaren Situation an die Weltspitze. Ist Nefs Geschichte bei Ihrem Wiederaufbau gelegentlich ein Thema?

Ja, immer wieder, das ist ein guter Vergleich. Sie war damals ebenfalls ziemlich am Ende, es funktionierte nichts mehr; das Knie war in einem ähnlichen Zustand. Sonjas Fall zeigt, dass die Rückkehr gelingen kann.

Anfang Oktober erklärte Ihr langjähriger Teamkollege Daniel Albrecht den Rücktritt. Was ging Ihnen dabei durch den Kopf?

Ich hatte schon im Dezember, als wir uns nach seinem Sturz von Lake Louise im Inselspital begegnet waren, gedacht, er würde zurücktreten. Es spricht für ihn, dass er sich nochmals aufrappelte, es versuchen wollte. Nun musste er einsehen, dass es nichts mehr bringt. Aber trotzdem: Was er nach dem Sturz erreicht hat, ist aussergewöhnlich.

Schmerzt es, wenn ein Kollege auf diese Weise abtreten muss?

(überlegt) Nein, schlimm war damals der Sturz. Das schmerzte, weil man nicht wusste, ob sein Kopf jemals wieder funktionsfähig sein würde. Als ich merkte, dass er wieder ein normales Leben führen kann, nahm ich Dani auch wieder als normalen Menschen wahr. Der Skisport war sein Lebenstraum, und Dani war in der Lage, zumindest Teile davon zu realisieren. Aber es gibt Wichtigeres im Leben.

Albrecht hatte vor dem Sturz eine Bekleidungslinie gegründet, sich ein zweites Standbein geschaffen. Haben Sie sich schon mit der Frage befasst, was Sie täten, falls das Knie der Belastung nicht mehr standhalten sollte?

Den Plan B gibt es nicht. Natürlich macht man sich Gedanken über die Zukunft, vor allem, wenn man in einem Spitalbett liegt und es nicht vorwärtsgeht. Aber, ehrlich gesagt, ist mir diesbezüglich noch nicht viel Schlaues in den Sinn gekommen.

Sie bestritten im März 2007 das erste Weltcuprennen, verletzten sich mehrfach gravierend, und als Sie erstmals über längere Zeit verletzungsfrei blieben, starteten Sie durch. Anderthalb Saisons lang konnten Sie zeigen, was Sie können, danach war wieder Schluss. Hadern Sie manchmal mit dem Schicksal?

Die ersten Momente nach einer Verletzung sind schwierig; man fragt sich, warum das wieder passieren musste. Danach steht die Rückkehr im Zentrum, und da hilft mir die Gewissheit, das Gefühl auf den Ski schnell wieder zu finden. Ohne diese Gabe wäre ich längst weg vom Fenster.

Ihr Ziel stellt die Teilnahme an den Speedrennen von Ende November in Lake Louise dar. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie dieses Ziel erreichen?

Sofern ich weiterhin stetig Fortschritte mache, würde ich sie auf 60 bis 70 Prozent beziffern.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Sie sich ins Starthaus begeben werden?

Ich respektive das Knie muss fähig sein, intensiver zu trainieren, schneller zu regenerieren. Die Tagespensen müssen nicht höher werden, aber wenn ich nach zwei Skitagen zwei Tage Pause brauche, wäre es sinnlos. So kann man keine Saison bestreiten.

In Lake Louise geht es oft geradeaus, was Ihrem Knie entgegenkommt. In Beaver Creek dreht der Kurs wesentlich mehr. Würden Sie dort auch starten, falls es in Lake Louise gut laufen sollte?

Die Sprünge sind das heiklere Thema als die Kurven, und Beaver Creek hat grosse Sprünge. Noch habe ich bei der Landung Probleme, den Super-G würde ich aber sicherlich bestreiten.

Olympia ist der Saisonhöhepunkt, Sie gewannen 2012 in Sotschi trotz lädiertem Knie die Abfahrtshauptprobe. Denken Sie hin und wieder daran?

Olympia ist weit weg, aber ich habe gespeichert, dass ich dort schon gefahren bin und gewonnen habe. Das will und werde ich nicht ausblenden – es würde mir helfen, falls ich dort am Start stehen sollte.

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