Der Dopingsünder und seine vielen Verratenen

Johannes Dürr berichtete über den dopingverseuchten Spitzensport und brachte einen Skandal ins Rollen. Doch bis zuletzt log und betrog er selber.

Am Boden, aufgestanden, nun wieder am Boden: Johannes Dürr hat jegliches Vertrauen verspielt.

Am Boden, aufgestanden, nun wieder am Boden: Johannes Dürr hat jegliches Vertrauen verspielt. Bild: Freshfocus/Jürgen Feichter

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Die Häme folgte umgehend: «Der Weg zurück» heisst das von Johannes Dürr jüngst veröffentlichte Buch. Über 350 Seiten offenbart er seinen Werdegang zum Langlauf-Doper samt Comebackversuch. «Der Weg zurück zum Dopen» schrieben dieser Tage zahlreiche Medien, weil seit Dienstag klar ist: Dieser Johannes Dürr löste mit seinen Aussagen nicht nur den grössten Dopingskandal der jüngeren Geschichte aus, sondern log und betrog selbst bis im Dezember weiter.

Der 31-jährige Österreicher hielt über viele Seiten und in einer langen ARD-Dokumentation dem Sport den Spiegel vor und zeigte der Öffentlichkeit, wie krank der Elitesport sei. Zugleich führte er sich in derselben Zeit beim Versuch, es an die Heim-WM der Nordischen in Seefeld zu schaffen, mehrmals Eigenblut zu.

Dass Dürr, der 2014 nach einem Epo-Befund für zwei Jahre gesperrt worden war, falsch spielte, verrieten nun die Verratenen: Dürr sagte den Behörden, wer ihm beim Manipulieren geholfen hatte. Die Aufgeflogenen revanchierten sich, indem sie den vermeintlichen Saubermann hochgehen liessen.

Familie und Freunde hintergangen

Wie Dürr glauben konnte, seine Helfer belasten zu können, ohne selber abzustürzen, gehört zum Sonderbarsten in diesem Fall. Zumal der vermeintliche Doping-Geständige während seines kurzen, prominenten Lebens als Whistleblower bilanzierte: «Würde ich abermals als Gedopter überführt werden, wäre ich juristisch, menschlich, sportlich am Ende. Ich hätte jegliches Vertrauen verspielt. Meine Geschwister und meine Mutter würden jedes Zutrauen in mich verlieren.»

Es waren schliesslich primär seine Familie und Freunde gewesen, die ihm den Comebackversuch finanzierten. Via Crowdfunding hatte er Geld für seine Rückkehr gesammelt – und die 100 ersten Unterstützer aufgelistet. Aufgeführt waren seine Eltern und Geschwister – oder sein früherer Teamkollege Harald Wurm, der ebenfalls als Doper aufgeflogen war.

Sie müssen sich ebenso verraten fühlen wie Martin Prinz. Der Schriftsteller – Titel seines aktuellen Romans: «Die unsichtbaren Seiten» – arbeitete mit Dürr über Jahre am Buch. Nun sagt er: «Es wird Zeit brauchen, bis ich in Worte fassen kann, was diesen Betrug und Vertrauensbruch über alles Persönliche hinaus womöglich so symptomatisch macht.»

Die Spuren des Verlierers

Der Buchverlag kündigt für den 18. und 19. März trotzdem tapfer zwei Lesungen mit Prinz und Dürr an. Man darf davon ausgehen, dass sie ausfallen werden. Dürr ist auf alle Fälle schon weiter. Seine Website, mittels der er seine Rückkehr als sauberer Athlet dokumentieren wollte, ist nicht mehr abrufbar. Andere Spuren kann Dürr, Zöllner von Beruf, nicht so einfach tilgen. Dass er darum weiter Staatsangestellter bleibt, ist nach der jüngsten Wende sehr unwahrscheinlich.

Korrekturen oder Schadensbegrenzung betreiben auch die führenden Medien. Sie hatten sich unzweideutig hinter Dürr gestellt. Die «Süddeutsche Zeitung» titelte in einem Text über Dürr: «Der Sport braucht Leute wie ihn». Der Text endete mit: «Der Sport bräuchte mehr Leute wie ihn, die nicht zweimal das Falsche tun: erst dopen und dann schweigen.» Nach Dürrs Auffliegen änderte die Redaktion den Titel zu «Der Kronzeuge» und strich die finalen Sätze. Man muss dem führenden deutschen Blatt im Aufdecken von Dopingfällen zugutehalten: Es benannte die Korrekturen.

Zu einem Hinweis sah sich auch Hajo Seppelt veranlasst, der die wegweisende Doku um Dürr hergestellt hatte. Inhalt seien die Jahre vor Dürrs Comeback gewesen. So richtig seine Aussage ist, die Causa Dürr zeigt grundsätzlich: Wenn man die Nähe von Ex-Dopern sucht bzw. sie zu verteidigen beginnt, wird man im extremsten Fall angreifbar – und damit die geleistete Arbeit, so gut sie war.

Noch vorsichtiger mit Whistleblowern umgehen

Natürlich ging man nicht davon aus, dass Dürr ein Januskopf ist. Es macht seinen Fall derart beispiellos und unglaublich. Aber der Umgang mit Whistleblowern kann einer Gratwanderung gleichkommen – und zu Abhängigkeiten führen. Schliesslich sind es diese Tippgeber, die am Anfang vieler Dopingskandale stehen. Der Prominenteste von ihnen heisst Grigori Rodschenkow, leitete das Anti-Doping-Labor von Moskau und ist der Schlüsselzeuge im Fall Russland.

Jüngst aber entschied der Sportgerichtshof in einem wegweisenden Fall um einen (angeblich gedopten) Langlauf-Olympiasieger von 2014, dass Rodschenkow als Zeuge nicht bis in jedes Detail glaubwürdig sei. Er gab dem Athleten mangels finaler Beweise recht.

Die Causa Dürr verdeutlicht darum endgültig, dass man im Umgang mit Whistleblowern noch vorsichtiger sein muss, als man es schon war. Sie zeigt aber auch, dass diese Tippgeber fundamental im Kampf gegen Betrüger sind und bleiben. Schliesslich kam der jüngste Skandal nur dank diesem seltsamen Johannes Dürr ans Licht.

Erstellt: 08.03.2019, 11:31 Uhr

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