Der Lack der Wunderfahrerin beginnt abzublättern

Ester Ledecka ist die Sensation des Ski-Weltcups: 2018 wurde sie Olympiasiegerin mit Ski und Snowboard – dennoch schwindet der Support in der Heimat.

Ist nicht mehr überall beliebt: Ester Ledecka.

Ist nicht mehr überall beliebt: Ester Ledecka. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie steht auf der kleinen Bühne, Red-Bull-Mütze auf dem Kopf, blonde Haare links und rechts, Skibrille mit dunklen Gläsern im Gesicht, eine Dose in der Hand. Sie, die so brillant Snowboard fährt, steht im Weltcup der Skifahrerinnen wieder im Rampenlicht. Dritte ist Ester Ledecka geworden in der Abfahrt von Garmisch-Partenkirchen. Ein, zwei lockere Sprüche, ein Lob an ihr Team, und weg ist sie. So ist die 24-Jährige. Gelöst, witzig, auf Zack. So ist sie an diesem Samstag. So ist sie nicht immer.

Vielleicht umschreiben es diese Sätze am besten: «Es gibt nicht die Ester. Es ist schwierig, sie zu beschreiben.» Sie kommen von Tomas Bank, im vierten Jahr Skitrainer der Tschechin, Bruder von Ondrej Bank, einst Weltcupfahrer. Auch dieser ist bei den Rennen dabei, hilft bei der Linienwahl. Sie hat einen Servicemann, der sich um Latten und Brett kümmert, einen Physiotherapeuten, einen Snowboardtrainer, und die Mutter begleitet sie überall hin. Das ist es, das Universum Ledecka, in dem sie sich bewegt. Ausschliesslich in diesem.

Immer fokussiert

Lustig, glücklich, extrovertiert, so sei sie im Team, sagt Bank. Sonst? Schüchtern, zurückhaltend, «sie würde nie jemanden von sich aus ansprechen». Interviews gibt sie vor den Rennen keine. «Sie würde auch nie ausserhalb dieser isolierten Gruppe Spass suchen.» Als sie vor dem Speed-Auftakt in Lake Louise im nahen Nakiska einen Monat lang trainierte, war Ledecka nie in einem Restaurant, erzählt Bank, trank nie auswärts einen Kaffee, «sie war vier Wochen im Hotel, trainierte, ging zur Physiotherapie – und war glücklich». Ein Abend im Kino? Verlorene Zeit. Lieber analysiert sie stundenlang ihre Fahrten, feilt an ihrer Technik.

Überraschender Sieg: Ledecka gewinnt in Lake Louise – vor Corinne Suter. Video: SRF

Nichts also mit dem Image der lockeren Snowboarderin, die es im Ausgang krachen lässt und nebenbei ein bisschen Ski fährt. Nichts von dem Bild, das sie bei Olympia in Pyeongchang abgab nach ihrem Coup mit der Fahrt zu Super-G-Gold – bevor sie eine Woche später auch noch Olympiasiegerin im Parallelriesenslalom der Snowboarderinnen wurde: Wie sie auf dem Sessel vor den Journalisten sass, die Skibrille auf, auch da, «weil ich nicht dachte, dass ich hierherkommen muss. Deshalb habe ich mich nicht geschminkt.» Wie sie davon redete, mit den Ski von Mikaela Shiffrin gefahren zu sein, weil sie doch keine Zeit habe, Material zu testen.

Plötzlich wurde Shiffrin kritisiert

Sie lachte, scherzte, es war viel Koketterie dabei. Bank sagt: «Wir haben die Ski schon im Frühling von Shiffrins Servicemann bekommen. Wir haben viel daran gearbeitet, es waren unsere Ski.» Shiffrin habe danach gar Probleme gekriegt, weil ihr vorgeworfen wurde, ihre schnellen Ski Ledecka gegeben zu haben, um Lindsey Vonn abzufangen. Unfug natürlich. Die Tschechin war zuvor im Super-G nie besser als 19. gewesen, erst zwei Jahre zuvor hatte sie ihr erstes Weltcuprennen bestritten.

Ganz aus dem Nichts kam der Triumph gleichwohl nicht. Ledecka und ihr Team wissen genau, was sie tun. Diesen Winter begann sie in Lake Louise mit dem ersten Sieg auf höchster Stufe, im Abfahrtsweltcup fehlen ihr nur 64 Punkte auf Leaderin Corinne Suter. Das ist einzig mit Akribie erklärbar.

Sie kriegt nie genug – für die Trainer Traum und Albtraum zugleich

Für Ledecka gibt es neben dem Sport nichts. Für Trainer Bank «ein Traum», der zum Albtraum werden kann. Etwa, wenn sie sich nach der Saison in den Kopf setzt, noch weitere Wettkämpfe zu bestreiten, regionale Rennen. «Sie ist wettkampfsüchtig», sagt Bank. «Es ist wahnsinnig, nach dem Final nach Frankreich zu fahren, in die Schweiz, überall hin, nur weil sie nicht genug kriegt. Wir haben auch Familien, sind müde. Deshalb streiten wir mit ihr.» Sie versuchten ihr klarzumachen, dass sie eine professionelle Sportlerin sei, «es reicht nicht, zu sagen: Ich mag es, weil ich es mag. Sie würde besser Ski testen oder Pause machen und früh mit dem Gletschertraining beginnen. Sie benimmt sich manchmal wie ein Kind: ‹Ich will Ski fahren. Ich will nicht nach Hause. Dort wird mir langweilig.›» Mitten in Prag wohnt Ledecka, die vielen Touristen nerven sie. Einen Monat verbringt sie dort, sonst reist sie mit Ski und Snowboard um die Welt – oder mit dem Surfbrett.

Holte sensationell Olympiagold im Ski alpin: Ester Ledecka. Video: SRF

Drei Monate ist sie jeden Sommer in Griechenland, morgens arbeitet sie an der Physis, nachmittags segelt sie im Wind. Es ist ihr nächstes Projekt. Goldmedaillen an Winterspielen reichen ihr nicht. Sie will auch im Sommer zuschlagen, Paris 2024 ist ihr Ziel, um mit dem Surfbrett anzugreifen. Allerdings fährt sie auf dem Wasser Slalom, was noch nicht olympisch ist. Und ihre Vorbereitung auf den Winter wäre beeinträchtigt. Doch ist es einer zuzutrauen, dann Ledecka, diesem Bewegungswunder.

Trotz der Schwärmerei für seine Athletin treiben Bank auch Probleme um. So hat die Mutter jeweils das letzte Wort, was die Pläne ihrer Tochter angeht. Meist entscheidet sie in den Augen ihrer Betreuer richtig, manchmal aber nicht. Und dass sie immer dabei ist, kann auch dazu führen, dass Gespräche mit Journalisten abrupt abgebrochen werden. Einige Sympathien habe sie so schon verspielt, gerade in der Heimat, sagt Bank. Der Lack der Ledeckas bröckelt.

Ihr Vater, der Popstar, droht mit einem Nationenwechsel

Auch ihr Vater, ein gefeierter Popstar in Tschechien, agiert nicht nur glücklich. Als es vor dem letzten Winter mit dem Verband zu Querelen kam, drohte er in einer Zeitung mit einem Nationenwechsel. «Sie repräsentiert unser Land», sagt Bank. «Zu sagen, es sei egal, für wen sie fahre, kostete sie viele Fans.» Die Ledeckas würden halt «das echte Leben» nicht kennen. Die Tochter wurde in ihrer Kindheit meist zu Hause von ihrer Grossmutter unterrichtet. Auch heute wollten sie ihre Eltern noch vor der Aussenwelt beschützen.

Beim Streit mit dem Verband ging es um Verträge. Audi hatte die tschechischen Teams bis 2018 mit Autos beliefert, auch Ledecka fuhr ein entsprechendes Modell, allerdings hatte sie einen privaten Kontrakt mit den Deutschen. Als der Verband zu Toyota wechselte, geriet sie in die Bredouille. Am Ende gab ihr Lager auf. Viel Energie habe der Kampf gekostet, sagt Bank – «und viel Geld». Doch das war verschmerzbar.

Die Ledeckas sind wohlhabend. Und gefördert wird das Projekt auch grosszügig. Neben Sponsoren ist vor allem die Armee eine Stütze. Bank etwa ist dort angestellt, sie bekommen Material wie Zeitmesssysteme oder Kameras zur Verfügung gestellt.

So funktioniert dieser Mikrokosmos ganz gut – und ist auch erfolgreich. Nun sollte er mit der Aussenwelt noch etwas besser zurechtkommen.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 09.02.2020, 07:21 Uhr

Artikel zum Thema

Die Snowboarderin, die den Schweizerinnen die Show stiehlt

Video Erst vermasselt Esther Ledecka Gut-Behrami den Podestplatz an den Olympischen Spielen. Nun verhindert sie Suters ersten Weltcup-Sieg. Mehr...

Suter wird gratuliert – bis Ledecka kommt

Video Corinne Suter verpasst in Lake Louise ihren ersten Weltcup-Sieg. Die Schwyzerin muss sich in der Abfahrt einzig Ester Ledecka geschlagen geben. Mehr...

«In meiner Welt gibt es keine Grenzen»

Video Wintersport-Sensation Ester Ledecka hält sich selber für verrückt – und Regeneration für etwas Nebensächliches. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...