Der Professor und der Frischling

Seit Simon Ammann getrennt vom kleinen Schweizer Skisprung-Team arbeitet, springt Killian Peier top. Schafft der Romand auf der Grossschanze den Medaillen-Coup?

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Jedes Gespräch mit Simon Ammann wird zum Skisprung-Seminar. Denn Ammann, mittlerweile 37 und zum 10.Mal an einer WM dabei, atmet seinen Sport seit mehr als 20 Jahren. Also redet der Routinier im Hotel hoch über Innsbruck, wo am Samstag das Springen auf der Grossschanze stattfinden wird, über das perfekte V, die ideale Körperspannung oder seine schmerzenden Patellasehnen. Zwecks Erholung verzichtete er auf die Trainings, wird erst heute in der Qualifikation dabei sein.

Killian Peier hingegen, der Saisonaufsteiger und Leader im Schweizer Team, sagt trocken: «Die Form stimmt, ich freue mich auf den Wettkampf.» Im Training vorgestern flog er schon einmal unter die Besten.

Wer die beiden Athleten erlebt, merkt rasch: Sie unterscheidet mehr als die rund 14 Lebensjahre. Peier ist ruhig, eher introvertiert, Ammann der quirlige Querdenker mit Schalk, Eloquenz und dem Talent, Trainer wie Kollegen mit seinen Ansprüchen auf Trab zu halten. Schliesslich ist er auch Vater, Unternehmer, Student. Diese Facetten mit seinem Skispringerdasein in Einklang zu bringen, machte ihn für die Kollegen mitunter unberechenbar. In früheren Saisonvorbereitungen konnte es vorkommen, dass er kurz vor einer Trainingsreise meldete: «Ich komme nicht mit.»

Seit man ihn vom Rest des Teams trennte und ihm mit Roger Kamber einen eigenen Trainer zur Seite stellte, waren letzten Sommer und Herbst zwei Schweizer Equipen unterwegs: Ammann und der Rest um Killian Peier. Dass der Romand aufblühte und diesen Winter oft in die Top 10 springt, hängt mit dieser Aufteilung zusammen.

«Es ist ein Vorteil für mich, dass Simon einen eigenen Weg geht. Er beanspruchte viel Zeit, die für uns Junge fehlte.»Kilian Peier

Schliesslich sind die Ansprüche verschieden. Ammann kämpft um die Rückkehr an die Spitze. Die Jungen befinden sich noch in der Ausbildung. Beides liess sich in einem Team schlecht vereinen. Ronny Hornschuh, der zuvor die ganze Equipe führte und sich nun um Peier und Kollegen kümmert, sagt diplomatisch: «Die Trennung hat allen geholfen.» Peier urteilt: «Es ist ein Vorteil für mich, dass Simon einen eigenen Weg geht. Er beanspruchte viel Zeit, die für uns Junge fehlte.»

In anderen Zyklen

Zwist hatten die Springer nie, befinden sich aber in unterschiedlichen Zyklen. Ammann hat alles erfahren und erreicht, was es in seinem Sport zu durchleben gibt: Aufstieg, Durchbruch, Rückschläge, Titel und einen schweren Sturz. Er weiss, was er will und wie er nochmals zum Erfolg kommen möchte.

Peier befindet sich mit seinen 23 Jahren noch in der Lehrlingszeit und muss erst entdecken, was es braucht, um zu den Besten zu gehören. Daran hat er mit Hornschuh in den letzten Monaten arbeiten können, ohne auf Ammann Rücksicht nehmen zu müssen. Berni Schödler, der Schweizer Skisprungchef, sagt darum: «Killian muss erst dahin kommen, wo Simon einst war. Darum interessierte sich Simon manchmal nicht mehr für bestimmte Trainingsformen, weil er fand: habe er schon x-fachgemacht, die würden ihm nichts mehr bringen.»

Druck vom Chef

Peier-Trainer Hornschuh sagt: «Killian kann ich entwickeln, ihm vorgeben, was ich möchte. Das war bei Simon anders. Er wusste, was er wollte. Ich musste immer wieder mit ihm argumentieren, wenn ich anderer Meinung war. Insofern ist die Arbeit für mich nun etwas einfacher und berechenbarer.»

Zumal die Zukunft Peier gehört. Ob Ammann nach der Saison über die Schanzen sausen wird, lässt er offen, sagt: «Ich rede nicht über die Zukunft.» Klar ist: Klassiert er sich weiter jenseits der Top 10, wird sich Disziplinenchef Schödler kaum zwei Teams leisten können beziehungsweise wollen. Darüber denkt Ammann im Moment nicht nach. Stattdessen sagt er in Bezug auf Peier: «Die Trennung fruchtete ja.»

Dessen Fortschritte stimulieren ihn. Schliesslich ist er Wettkämpfer genug. Nur die Nummer2 im Team zu sein, missfällt Ammann. Neidisch auf den oft besser klassierten Peier ist er aber nicht. Er freut sich für ihn? ungespielt. Skisprungchef Schödler sagt diesbezüglich: «Simon ist grosszügig in seinem Denken, gönnt Killian die guten Resultate.» Wobei Ammann in seiner typischen Art für die Grossschanze festgehalten haben will: «Es hat in meinen Gedanken schon Platz für eine Medaille. Zumindest will ich die Möglichkeit dafür nicht ausschliessen.» Aber auch er weiss: Wenn man sie einem Schweizer zutraut, dann eher Killian Peier.

Erstellt: 22.02.2019, 10:48 Uhr

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